„Wir haben offensichtlich einen Nerv getroffen", sagte Dr. Sebastian Koch, Bildungsreferent der Katholischen Akademie, in seiner Begrüßung mit Blick auf die zahlreichen Zuhörer. Der Abend fand in Zusammenarbeit mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung statt. Der Name „Verdun" habe sich in das kollektive Gedächtnis zumindest in Deutschland und Frankreich eingeprägt – insbesondere wegen der viele Toten auf beiden Seiten. Verdun stehe aber auch für die Absurdität eines solchen Krieges. Und es steht nach dem Zweiten Weltkrieg für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland.
In diesem Zusammenhang kommt einem unweigerlich die Geste von Frankreichs Präsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 in den Sinn: Vor dem Beinhaus von Fort Douaumont – auf dem einstigen Schlachtfeld – reichten sich beide als erste unter den Präsidenten und Kanzlern die Hände als Zeichen der Versöhnung.
In seinem Vortrag präsentiert Jessen Nahaufnahmen vom Kriegsgeschehen – nicht nur in Verdun. Neben den Generälen zitiert er mehrfach Offizier und Soldaten, die bei der Schlacht in Verdun kämpften. Dabei stützt er sich auf Schriftgut, das er in Archiven in Freiburg entdeckte. Akten zu Verdun, die in Potsdam lagerten, waren 1945 verbrannt.
Ganz im Kontrast zur „Hölle in Verdun" ist die Euphorie, mit der Soldaten im August 1945 in den Krieg ziehen. Jessen erzählt in seinem Buch von Cordt von Brandis, Oberleutnant im Infanterieregiment Nr. 24 aus dem brandenburgischen Neuruppin. Er reist von Glasgow nach London. Dort treffen sich im deutschen Konsulat deutsche Reservisten zum Kriegseinsatz.
Eine weitere Szene nimmt die Zuhörer mit in den Kaiserlichen Zug, der unterwegs ist nach Vilnius in Litauen. Dort im Zug erläuterte der Chef des Generalstabs, Erich von Falkenhayn, Kaiser Wilhelm II. das weitere Vorgehen an der Westfront bei Verdun. Jessen bezeichnet Falkenhayns Vorgehen als einen „Durchbruch über Bande“ – anstelle eines Massendurchbruchs.
Ziel von „Operation Gericht" ist es, die Gebiete östlich des Maastals, in dem Verdun liegt, zu erobern. Das hieß: Die deutschen Stellungen sind auf der Höhe, die Franzosen müssen bergauf verteidigen. Das gelang auch. Aber: Je näher die deutschen Stellungen an die Maas rückten, kamen sie auch in Reichweite der französischen Geschütze auf der westlichen Seite der Maas.
Wie die Soldaten das Kampfgeschehen wahrnahmen, schilderte Jessen auf anschauliche Weise durch Zitate von Augenzeugen. "Wir hörten das Rauschen der Artillerie – ein Höllenkonzert von gewaltiger Schönheit – eine Sinfonie des Teufels", so ein Augenzeuge. Und da ist die Angst, von einer Detonation in Stücke zerrissen zu werden. Denn auf den Schlachtfeldern dominieren die Geschütze der Artillerie. Ein anderer Augenzeuge beschreibt, wie ein Verletzter zusammengefallen dasitzt und bei jeder neuen Detonation zusammenzuckt. Manch einer wird dabei wahnsinnig. Hinzu kommen Gasangriffe und Flammenwerfer – ein bis dahin so nicht gekanntes Arsenal von todbringenden Waffen und Maschinen – und das auf engstem Raum.
Die Beschreibungen der Soldaten zeigen aber auch, wie sehr sie zum Teil abgestumpft sind – in einem Zustand „rauschhaften Jagdfiebers". Und stolz auf das genaue Schießen auf die fliehenden „Franzmänner" – „wie auf dem Schießstand". Zum Nahkampf wird geschrieben: „Es funkt und knirscht." Vom „Sterben" ist selten zu lesen, so Jessen.
Der Historiker zitiert einen damaligen Augenzeugen: „Es riecht nach Verdun." Denn überall liegen Tote, sie werden nicht weggeschafft, bleiben unter dem Schlamm liegen, die Soldaten laufen über sie.
Nach 300 Tagen müssen die Deutschen sich aus den Festungen Douaumont und Vaux zurückziehen. Die „Blutmühle" von Verdun ist vorbei. Und nach dem Krieg? Fast alle Deutschen wähnten sich unbesiegt. Denn keiner der militärischen Führer übernahm die Verantwortung für das militärische Scheitern. Mit gravierenden Folgen: Die "Dolchstoßlegende" entstand, also die Behauptung, dass die deutschen Truppen nicht auf dem Schlachtfeld besiegt wurden, sondern von einem Feind in der Heimat. Das wiederum belastete nach dem Weltkrieg die Weimarer Republik.
