Lokales HEF 30.06.2026

Zwei Premieren, zwei Welten – und beide treffen ins Schwarze

Bad Hersfeld (sim) – Der Auftakt der Bad Hersfelder Festspiele hätte unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite Schwerter, Ritter und die jahrhundertealte Suche nach dem Heiligen Gral. Auf der anderen Stepptanz, Wortwitz, Musical-Parodien und jede Menge schräger Humor. Mit „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“, das am Freitag Premiere feierte, und „Something Rotten!“, das am Samstag folgte, präsentierten die Festspiele gleich zwei Produktionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und genau deshalb eindrucksvoll zeigen, wie breit das Theaterfestival im Jubiläumsjahr aufgestellt ist.

Parzival. Fotos: BHF / Johannes Schembs

Something Rotten!

Wo am Freitag noch Ritter durch die Stiftsruine zogen und die Suche nach dem Heiligen Gral das Publikum fesselte, verwandelte sich die Bühne am Samstag in eine schillernde Musicalwelt voller Wortwitz und irrwitziger Ideen. Zwei Inszenierungen, zwei völlig unterschiedliche Handschriften – und zweimal begeisterter Applaus.

Ritterepos mit überraschender Aktualität

Mit „Parzival“ wagt Oberspielleiter Michael Schachermaier den Spagat zwischen einem rund 800 Jahre alten Stoff und modernem Erzähltheater – und dieser gelingt eindrucksvoll. Schon der Auftakt macht klar: Das hier ist kein verstaubtes Rittermärchen. Schwerter krachen aufeinander, Kämpfer stürmen über die Bühne, die Live-Band liefert den passenden Soundtrack und die monumentale Stiftsruine wird zum Schauplatz einer bildgewaltigen Reise.

Im Mittelpunkt steht Parzival, eindrucksvoll gespielt von Thieß Brammer. Anfangs noch naiv, unbeholfen und voller Sehnsucht nach Ruhm entwickelt sich seine Figur Schritt für Schritt. Aus dem Jungen, der die Welt entdecken will, wird ein Mann, der begreift, dass Mut weit mehr bedeutet als Stärke mit dem Schwert.

Gerade diese Entwicklung macht den Abend besonders. Nicht der Heilige Gral wird zur eigentlichen Suche, sondern die Frage nach Menschlichkeit, Verantwortung und Mitgefühl. Themen, die erstaunlich aktuell wirken.

Dazu tragen auch die starken Nebenrollen bei. Varia Sjöström überzeugt als Königin Herzeloyde und später als sorgende Mutter, Markus Gertken glänzt gleich in mehreren Rollen, während Melita Jurisic der geheimnisvollen Kundrie eine eindrucksvolle Präsenz verleiht. Jörg Thieme sorgt als leidender Gralskönig Anfortas für einige der emotionalsten Momente des Abends.

Musikalisch setzt Paul Wallfisch gemeinsam mit den „Dark Knights“ auf düstere Rockklänge, die dem mittelalterlichen Stoff überraschend gut stehen. Zusammen mit dem wandelbaren Bühnenbild und den detailreichen Kostümen entsteht eine atmosphärische Inszenierung, die weit über klassisches Historientheater hinausgeht.

Ein Musical, das kaum Luft zum Durchatmen lässt

Kaum ist der letzte Ritter verschwunden, übernimmt Shakespeare höchstpersönlich die Bühne – oder zumindest eine herrlich überzeichnete Version von ihm. „Something Rotten!“ ist vom ersten Moment an ein Feuerwerk aus Musik, Humor und Tempo. Regisseur Matthias Davids bringt das Broadway-Musical mit einer Energie auf die Bühne, die das Publikum mehr als zwei Stunden lang kaum zur Ruhe kommen lässt.

Riccardo Greco spielt William Shakespeare nicht als ehrwürdigen Dichter, sondern als gefeierten Rockstar der Renaissance – selbstverliebt, überdreht und mit jeder Menge Charisma. Christopher Bolam liefert ihm als Nick Bottom einen ebenbürtigen Gegenspieler, dessen Wortgefechte und Stepptanz-Duelle zu den Höhepunkten des Abends gehören.

Das Ensemble wirbelt nahezu pausenlos über die Bühne. Choreografin Kim Duddy kombiniert rasante Tanznummern mit perfektem Timing, während Christoph Wohllebens Orchester den passenden Broadway-Sound liefert. Kaum eine Szene vergeht ohne eine neue Pointe, ein überraschendes Bühnenbild oder eine augenzwinkernde Anspielung auf berühmte Musicals und Shakespeare-Klassiker.

Besonders Gayle Tufts sorgt als Wahrsagerin Nancy Nostradamus immer wieder für Szenenapplaus. Mit ihrer Mischung aus Komik, Wortwitz und schauspielerischer Präsenz gehört sie zu den großen Publikumslieblingen des Abends.

Zwei Premieren, die Lust auf mehr machen

Die Bad Hersfelder Festspiele zeigen mit diesen beiden Produktionen eindrucksvoll ihre ganze Bandbreite. „Parzival“ erzählt bildgewaltig und nachdenklich von der Suche nach dem eigenen Weg, „Something Rotten!“ feiert das Theater mit einer kaum zu bremsenden Portion Selbstironie, Musik und Humor.

Gemeinsam haben beide Premieren vor allem eines: Sie beweisen, dass die Stiftsruine auch im Jubiläumsjahr wieder Bühne für großes Theater ist – mal tiefgründig, mal urkomisch, aber stets mitreißend.