Als die Gruppe vor dem Erfurter Dom anhält, kommen sie schon von hinten: Passanten mit ihren Fahrrädern, die unbedingt mit aufs Foto wollen. „Hey, können wir uns dazustellen?“, fragen die Leute begeistert. Es sind Szenen wie diese, die in Erinnerung bleiben, wenn Ahyauddin Ahmad von der diesjährigen Friedensradtour erzählt. Er gehört zum Social-Media-Team, das die Radler mit Kamera und Sprinter begleitet, vorausfährt, hinterherfährt sowie Bilder und Videos sammelt. „Ich erinnere mich wirklich an kein negatives Feedback“, sagt er stolz. Kein Kopfschütteln, keine Abneigung – stattdessen Applaus, hochgereckte Daumen und neugierige Fragen aus dem Vorbeigehen, wer die Gruppe sei und wofür sie das tue.
Begonnen hat die Tour am 31. Mai in Berlin, im Hof der Khadija-Moschee in Pankow-Heinersdorf. Mit dem Startruf „Frieden, Frieden“ und begleitet von einer Polizeieskorte ging es vorbei am Berliner Dom, am Brandenburger Tor und am Reichstag. Dann führte die Route quer durch die Republik über Leipzig, Erfurt und Fulda bis ins Rhein-Main-Gebiet – über 650 Kilometer, verteilt auf mehrere anspruchsvolle Etappen.
1.500 Höhenmeter im strömenden Regen
Die Abschnitte hatten es in sich. Allein zwischen Erfurt und Fulda mussten die Radler bis zu 1.500 Höhenmeter bewältigen, mit Steigungen über mehrere Kilometer, teils im strömenden Regen, mit Rutschgefahr und Kälte. „So ist das auch im Leben“, sagt der Vorsitzende der Radsportgruppe, Imam und Theologe Ansar Bilal, mit einem Lachen. „Es gibt Höhen und Tiefen, und das spiegelt sich beim Radfahren wider.“ Gemeinsam hat die Gruppe in der Vorbereitung über 13.000 Trainingskilometer gesammelt. Ein leichter Ausflug sollte es nicht werden, und das wussten alle vorher.
Auf den blauen Trikots steht „Muslime für Frieden“, auf dem Rücken das Motto „Liebe für alle, Hass für keinen“ – ein Leitsatz, den der vierte Khalif der Ahmadiyya Muslim Gemeinde prägte. Die Botschaft richtet sich bewusst an alle, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Glaube. „Wer würde das denn bitte nicht unterschreiben?“, fragt Ahmad. Und tatsächlich schlossen sich in Berlin auch nicht-muslimische und christliche Radler an. In Fulda kamen zehn weitere Aktive dazu, sodass die Gruppe für die letzte Etappe nach Groß-Gerau auf rund 30 Fahrer anwuchs. Für ein gemeinsames Ziel, sagt Ahmad, kämen Menschen wieder zusammen – Schulter an Schulter und an einem Strang ziehend.
Brücke zwischen Ost und West
Dass die Route in diesem Jahr gezielt durch die ostdeutschen Länder führte, ist kein Zufall. In diesen Regionen gebe es oft weniger direkten Zugang zu muslimischen Mitbürgern, weshalb Vorurteile dort leichter gedeihen könnten, erklären die Organisatoren. Die Gemeinde wollte gezielt eine Brücke zwischen Ost und West schlagen und Sichtbarkeit schaffen. Studien zeigten, so die Erfahrung der Verantwortlichen, dass persönliche Begegnungen, ein Besuch in der Moschee oder ein Gespräch am Straßenrand Vorbehalte zuverlässiger abbauen als alles andere. Gerade in Leipzig, das eher als zurückhaltend erwartet worden war, sei der Empfang überraschend herzlich gewesen. In Erfurt, wo die Moschee nach jahrelangem Hin und Her erst kürzlich eröffnet wurde, bereitete der dortige Imam selbstgemachte Limonadencocktails für die erschöpften Fahrer vor.
Hinter der sportlichen Herausforderung steht ein ernstes Anliegen. Die Radler, darunter ein Arzt, ein Familienvater und ein Kanzleimitarbeiter, treten in einer Zeit globaler Krisen in die Pedale. „Wenn wir einen Blick auf die Weltlage werfen, sehen wir, dass die Situation sehr angespannt ist“, sagt Ahmad und nennt die Konflikte in der Ukraine, in Gaza und zuletzt den Krieg im Iran, der seit Februar 2026 die Schlagzeilen beherrscht. Die Menschen seien voller Ängste und Sorgen um die Zukunft. „Wir wollen diese Ängste ernst nehmen und den Menschen Hoffnung machen, dass es Menschen gibt, die den Frieden wollen.“ Der Islam, betonen die Radler, sei dabei Teil der Lösung, nicht des Problems.
Warum ausgerechnet die Ahmadiyya Muslim Jamaat solche Touren organisiert? Für Ahmad liegt die Antwort in der Struktur: „Alles braucht einen Antreiber.“ Wie eine Lokomotive, die die Waggons hinter sich herziehe. Die Impulse kämen vom geistigen Oberhaupt, dem Khalifen. Er verweist auf ein altes Schwarz-Weiß-Video, in dem der dritte Khalif nach seiner Mission in Europa gefragt wird. Dessen Antwort lautete lächelnd: „We try to win the hearts.“ Herzen gewinnen, so Ahmad, gelinge nur, wenn die eigene Person selbst mit Herz erfüllt sei. Deshalb seien die Radler mit einem Lächeln durch Deutschland gefahren.
Am Ende bleibt eine denkbar einfache Botschaft, getragen auf Trikots, in Herzen und über Hunderte Kilometer Asphalt. „When you love the creator, you must also love his creation“, zitiert Ahmad den vierten Khalifen zum Abschied.
