Lokales VB 26.06.2026

„Mein Wort galt“ – Nach 30 Jahren nimmt Vollmöller Abschied

Lauterbach (sim) – Wenn Rainer-Hans Vollmöller über seine ersten Tage als Bürgermeister spricht, muss er selbst schmunzeln. „Mein Amtsantritt war am 1. Oktober 1996. Quasi vorgestern“, sagt er und lacht. Tatsächlich liegen zwischen diesem „vorgestern“ fast drei Jahrzehnte. Dreißig Jahre lang stand der CDU-Politiker an der Spitze der Kreisstadt Lauterbach. Nun endet eine Ära.

Fast 30 Jahre war Rainer-Hans Vollmöller Bürgermeister von Lauterbach. Foto: Görlich Media.

Ein Generationenwechsel im Lauterbacher Rathaus: Rainer-Hans Vollmöller (rechts) mit seinem Nachfolger Holger Marx. Foto: Silas Messing

Dabei begann alles mit einem Kindheitstraum. „Ich wollte im Kindergarten schon Bürgermeister werden“, erzählt der 69-Jährige im Gespräch mit der Osthessen-Zeitung. Für viele Kinder ist eine solche Vorstellung nur eine flüchtige Idee. Für Vollmöller wurde daraus ein Lebensweg. Neun Jahre war er zuvor Bürgermeister in Gemünden (Wohra), ehe er 1996 nach Lauterbach wechselte. Insgesamt blickt er auf 39 Jahre als hauptamtlicher Bürgermeister zurück. Nach eigenen Angaben ist er damit derzeit der dienstälteste Bürgermeister Hessens und vermutlich auch der dienstälteste hauptamtliche Bürgermeister Deutschlands.

Wer ihn fragt, wie man fast vier Jahrzehnte ein solches Amt ausübt, bekommt keine Antwort über Macht, Karriereschritte oder politische Taktik. Vollmöller spricht stattdessen von Bodenhaftung, Verlässlichkeit und einem inneren Kompass. „Für mich war immer wichtig, dass man an sich selbst glaubt und geerdet bleibt“, sagt er. Gerade in schwierigen Zeiten habe ihn das getragen. „Man braucht einen Kompass. Man muss wissen, wo man hin will. Und man braucht Freunde, Zusammenhalt und den Rückhalt der Familie.“ Es sind Sätze, die viel über sein Selbstverständnis verraten. Vollmöller gehört zu einer Generation von Kommunalpolitikern, die ihre Arbeit weniger über Schlagzeilen als über persönliche Beziehungen definiert haben. „Die Leute wussten immer, woran sie bei mir waren“, sagt er. „Da brauchte es kein Schriftstück. Mein Wort galt.“

Natürlich gab es in 30 Jahren nicht nur schöne Momente. Auf die Frage nach den prägendsten Erinnerungen denkt Vollmöller zunächst nicht an große Bauprojekte oder politische Erfolge. Stattdessen erinnert er sich an einen Vorfall, der ihn bis heute beschäftigt. „Das Negativste ist bis heute präsent“, erzählt er. Bei einer Demonstration gegen die Schließung der Eisbahn habe jemand aus der Menge gerufen: „Heute hängen wir das Schwein.“ Die Worte seien ihm bis heute im Ohr geblieben. „Da ist mir bewusst geworden, was Politik auch bedeuten kann.“ Doch er habe gelernt, solche Situationen einzuordnen. „Wenn man eine innere Stärke hat, weiß man irgendwann, wie man damit umgehen muss.“ Die positiven Erinnerungen würden ohnehin deutlich überwiegen.

Und von denen gibt es viele. Nicht unbedingt die Projekte, die heute sichtbar das Stadtbild prägen. Vielmehr sind es die kleinen Geschichten, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Menschen, denen geholfen werden konnte. Sorgen, die sich lösen ließen. Probleme, die ohne großes öffentliches Aufsehen beseitigt wurden. „Nicht die großen Dinge sind es, an die ich zuerst denke“, sagt er. „Sondern die kleinen Ängste und Nöte, bei denen man helfen konnte.“ Dabei blieb ihm eine Erkenntnis besonders im Gedächtnis: „Der Misserfolg hat eine Mutter, der Erfolg viele Väter.“ Ein Satz, der wohl kaum besser beschreibt, wie Kommunalpolitik funktioniert. Oft seien es viele Menschen, die gemeinsam an Lösungen arbeiten. Sichtbar werde am Ende meist nur das Ergebnis.

Wenn Vollmöller auf seine Anfangsjahre im Rathaus zurückblickt, staunt er vor allem über die technische Entwicklung. „Die Technik!“, ruft er und lacht laut auf. „Als ich angefangen habe, hatten wir eine elektrische Schreibmaschine. Das war damals fast ein Heiligtum.“ Heute wirkt diese Welt wie aus einer anderen Zeit. Smartphones, digitale Akten, soziale Medien oder Navigationsgeräte gab es nicht. „Ich weiß gar nicht, wie ich damals groß geworden bin“, sagt er augenzwinkernd. „Ich habe kein Navi gebraucht und trotzdem immer mein Ziel gefunden.“ Mindestens ebenso stark wie die Technik habe sich aber das Tempo verändert. Entscheidungen würden heute unter völlig anderen Bedingungen getroffen als noch vor 30 Jahren. „Die neuen Medien sorgen für eine unglaubliche Informationsflut und eine Flut von Erwartungen“, sagt Vollmöller. „Heute erwartet jeder sofort eine Antwort.“ Dabei denkt er oft an einen Rat seines Großvaters zurück. „Der hat immer gesagt: Über jede schwierige Entscheidung schläfst du eine Nacht.“ Diese Zeit gebe es heute kaum noch. „Da kommt oft schon nach zwei Stunden die Nachfrage, warum man noch nicht geantwortet hat.“ Für Vollmöller ein Fehler. „Schnelle Entscheidungen sind nicht immer gute Entscheidungen. Man sollte nichts aus der Hüfte machen.“

Dass seine Amtszeit nun endet, empfindet er nicht als Verlust. Die Entscheidung, nicht noch einmal anzutreten, sei früh gefallen. „Die Überlegung, nochmal anzutreten, gab es nicht“, sagt er. Auch gesundheitliche Gründe hätten dabei eine Rolle gespielt. „Ich habe jetzt ein halbes Jahr früher aufgehört. Außerdem wollte ich Platz für einen Neubeginn machen. Mit den neuen politischen Mehrheiten hat das gepasst.“ Ganz vollzogen ist der Abschied allerdings noch nicht. Bis zum letzten Tag bleibt sein Terminkalender gefüllt. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Akten. „Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht vorher von Bord gehe“, sagt er. „Ich lege das Ruder erst ab, wenn ich am Land bin.“

Verbitterung oder Wehmut sucht man bei ihm vergeblich. Vielmehr wirkt Vollmöller mit sich im Reinen. „Da gibt es nichts, wo ich sage, da fehlt etwas“, sagt er. Natürlich würde man manche Entscheidungen im Rückblick anders treffen. „Hinterher ist man immer schlauer.“ Einen Satz spricht er dabei besonders bewusst aus: „Alle meine Fehler habe ich selbst gemacht.“ Er habe sich nie hinter anderen versteckt oder versucht, Verantwortung abzuschieben. Falls sich Menschen von ihm verletzt oder übergangen gefühlt hätten, bitte er um Entschuldigung. „Das war nie meine Absicht.“

Für seinen Nachfolger Holger Marx hat Vollmöller vor allem einen Wunsch: Bescheidenheit. „Ich wünsche ihm, dass er sein Amt mit Ruhe, Gelassenheit und Überblick ausführt“, sagt er. Noch wichtiger sei ihm allerdings etwas anderes. Dass sich auch künftig Menschen ehrenamtlich engagieren und Verantwortung übernehmen. „Gemeinschaft trägt eine Stadt“, sagt Vollmöller. „Das habe ich immer versucht zu fördern. Ganz erreichen wird man dieses Ziel nie. Aber man muss es immer wieder versuchen.“

Und was kommt jetzt? Die Antwort fällt überraschend unspektakulär aus. Keine großen Projekte, keine neuen Ämter, keine politischen Ambitionen. „Erstmal habe ich keine großen Pläne“, sagt er. Reisen möchte er. Italien, Frankreich und Großbritannien stehen auf seiner Wunschliste. All das nachholen, was in den vergangenen Jahrzehnten oft zu kurz gekommen sei. Vor allem aber bleibt ein Gefühl. „Ich bin dankbar“, sagt Vollmöller nach kurzem Nachdenken. Dankbar für das Vertrauen, das ihm die Menschen über fast vier Jahrzehnte entgegengebracht haben. Dankbar dafür, dass sie ihn so akzeptiert haben, wie er ist.

Wenn am 30. Juni die letzten Akten geschlossen und die Schlüssel übergeben sind, endet die Laufbahn eines Mannes, der sein ganzes Berufsleben in den Dienst seiner Heimat gestellt hat. Eines Bürgermeisters, der nie der Lauteste sein wollte, der selten große Worte machte und dessen Politik oft von leisen Tönen geprägt war. Vielleicht ist es genau das, was von Rainer-Hans Vollmöller bleiben wird: das Bild eines Bürgermeisters, bei dem die Menschen immer wussten, woran sie waren – weil für ihn ein Handschlag zählte und sein Wort galt.