Ihre Sorge: Um die Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen zu stabilisieren, sollen bundesweit Milliarden eingespart werden – ein erheblicher Teil davon bei den Krankenhäusern. Die Klinikchefs befürchten, dass dies die ohnehin angespannte Situation weiter verschärft und langfristig die medizinische Versorgung der Menschen gefährdet.
„Die Zeiten sind ernst“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Klinikums Fulda, Dr. Thomas Menzel. „Wir glauben, dass es wichtig ist, ein kräftiges und unüberhörbares Signal aus der Region zu senden.“ Dabei gehe es nicht darum, notwendige Reformen zu verhindern. Im Gegenteil. Alle Beteiligten betonten mehrfach, dass sich das Gesundheitswesen verändern müsse. Doch der eingeschlagene Weg sei aus ihrer Sicht falsch. „Wir verschließen uns nicht der Notwendigkeit, Gesundheit in Deutschland zu reformieren“, sagte Menzel. „Aber dann bitte gemeinsam mit den Menschen, die in diesem System Verantwortung tragen.“
Ein seltenes Bild der Geschlossenheit
Schon die Besetzung des Podiums zeigte, wie außergewöhnlich die Situation ist. Kommunale und freigemeinnützige Krankenhausträger, die normalerweise unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben, präsentierten sich geschlossen.
„Es freut mich tatsächlich, dass wir in dieser Runde zusammenkommen“, sagte Sebastian Mock, Geschäftsführer des Klinikums Hersfeld-Rotenburg. „Es zeigt Einigkeit für die Region. Vor allem zeigt es, dass wir alle dasselbe Problem haben.“ Nach den aktuellen Plänen des Bundes sollen allein im Jahr 2027 insgesamt 16,3 Milliarden Euro zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge eingespart werden. Rund 5,1 Milliarden Euro davon würden die Krankenhäuser tragen.
Für die Verantwortlichen ist das weit mehr als eine Zahl in einem Gesetzestext. „Es wird derjenige überleben, der das besser aufgestellte Bankkonto hat“, warnte Michael Sammet, Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhauses. „Es wird nicht danach entschieden, wer gute Medizin macht oder wer für die Versorgung notwendig ist.“
Kliniken kämpfen schon heute
Die wirtschaftliche Lage vieler Krankenhäuser sei bereits jetzt dramatisch. Steigende Energiepreise, höhere Tariflöhne, Investitionen in Digitalisierung und Medizintechnik sowie eine seit Jahren unzureichende Finanzierung hätten die Reserven vieler Häuser aufgebraucht. „So prekär wie aktuell habe ich die Situation in meinen 30 Jahren im Gesundheitswesen noch nie erlebt“, sagte Sammet.
Besonders kritisch sehen die Klinikvertreter, dass Krankenhäuser ihre Einnahmen nicht wie normale Unternehmen an steigende Kosten anpassen können. „Wenn bei der Deutschen Bahn die Löhne steigen, werden irgendwann die Ticketpreise erhöht“, erklärte Menzel. „Das können wir nicht.“ Die Folge sei ein immer kleiner werdender Handlungsspielraum. „Die Luft zum Atmen fehlt“, sagte der Klinikchef. „Die Beinfreiheit, die wir brauchen, um unternehmerisch sinnvolle Entscheidungen zu treffen, wird immer weiter eingeschränkt.“
Patienten spüren die Folgen bereits
Dass die Probleme längst nicht mehr nur auf Vorstandsetagen diskutiert werden, zeige sich bereits im Alltag vieler Patienten. „Die Menschen merken das schon heute“, sagte Menzel. „Es gibt keine Facharzttermine mehr, Untersuchungen dauern Monate.“ Viele Patienten landen deshalb in den Notaufnahmen der Krankenhäuser – oft nicht, weil sie lebensbedrohlich erkrankt sind, sondern weil sie anderswo keine zeitnahe medizinische Hilfe finden.
Das Klinikum Fulda verzeichnet inzwischen rund 60.000 Notfallkontakte pro Jahr. Vor der Corona-Pandemie waren es noch etwa 35.000. „Wir schaffen das immer noch wegzuarbeiten“, sagte Menzel. „Aber wir sind wirklich an der Grenze.“
Michael Wilhelm, Vorstand des Klinikums Fulda, sprach von einem Widerspruch: Einerseits verlange die Krankenhausreform mehr Qualität, Spezialisierung und Vernetzung. Andererseits würden den Kliniken nun genau die finanziellen Mittel entzogen, die sie für diesen Umbau benötigten. „Gerade jetzt werden wir in unseren Reform- und Umbaubemühungen massiv ausgebremst“, sagte Wilhelm.
Sorge um die Versorgung im ländlichen Raum
Besonders betroffen wären nach Einschätzung der Klinikvertreter ländliche Regionen wie Osthessen. Dort seien Krankenhäuser oft weit mehr als reine Behandlungsorte. Sie sichern Notfallversorgung, Arbeitsplätze und medizinische Infrastruktur. Thomas Faust vom Eichhof Krankenhaus Lauterbach warnte davor, die finanziellen Belastungen letztlich nur auf die Kommunen zu verlagern.
„Am Ende werden die Einsparungen bei den Krankenkassen auf die kommunalen Haushalte umgewälzt“, sagte er. „Das ist nicht zu Ende gedacht.“ Hinzu komme, dass freigemeinnützige Häuser anders als kommunale Krankenhäuser nicht auf Unterstützung durch Landkreise oder Städte zurückgreifen könnten. „Irgendwann sind auch Rücklagen endlich“, sagte Faust.
„Die Politik hört uns nicht zu“
Besonders deutlich wurde die Frustration gegenüber der Bundespolitik in der Fragerunde. Auf die Frage, warum die Kliniken den Eindruck hätten, mit ihren Sorgen nicht durchzudringen, antwortete Menzel knapp: „Die hören uns gar nicht zu.“
Dabei gehe es den Krankenhäusern nicht um Besitzstandswahrung, sondern um die Zukunft der Versorgung. „Veränderung ist notwendig“, sagte Menzel. „Wir würden nur gerne mitgestalten.“ Die Hoffnung richtet sich nun auf die weiteren Beratungen in Bundestag und Bundesrat. Noch könne der Gesetzentwurf verändert werden. Die osthessischen Klinikvertreter machen jedoch deutlich, dass sie die aktuelle Entwicklung mit großer Sorge beobachten.
Denn aus ihrer Sicht steht weit mehr auf dem Spiel als die Bilanzen einzelner Häuser. „Am Ende geht es nicht um Krankenhäuser“, sagte Mock. „Am Ende geht es um die Gesundheitsversorgung der Menschen vor Ort.“
Und genau deshalb saßen an diesem Montag erstmals nahezu alle großen Klinikträger der Region gemeinsam an einem Tisch. Nicht, um über Konkurrenz zu sprechen. Sondern um vor einer Entwicklung zu warnen, die nach ihrer Einschätzung jeden Patienten in Osthessen betreffen könnte.
