Lokales FD 10.06.2026

Ehemalige Synagoge Heubach: Erinnern heißt Position beziehen

Kalbach-Heubach (pm/pk) – Mit einem ermutigenden Appell, den eingeschlagenen Weg des Gedenkens und Erinnerns auch nach zwei Jahrzehnten fortzusetzen, gratulierte Altbischof Prof. Dr. Martin Hein (Kassel) dem Förderverein Landsynagoge Heubach. Der Verein hatte kürzlich zu einem Feiertag eingeladen, weil die ehemalige Heubacher Synagoge vor genau 20 Jahren ihre neue Nutzung als Kultur- und Begegnungsstätte erhalten hatte.

Die Ehrenvorsitzende des Fördervereins, Pfarrerin Johanna Rau, gestaltete den Eröffnungsgottesdienst in Heubachs Kirche. Fotos: Förderverein Landsynagoge Heubach

Altbischof Martin Hein dankte dem Verein für sein Engagement und ermutigte dazu, nicht nur an jüdisches Leben zu erinnern, sondern es auch aktiv zu schützen.

Vize-Landrat Frederik Schmitt würdigte den Förderverein im Namen des Landkreises. Er rief, Marcel Reif zitierend, das Publikum dazu auf, "Mensch zu sein".

Kalbachs Bürgermeister Mark Bagus sicherte der Festgemeinde zu, die Kommune stehe zu ihrer Verantwortung für das bedeutende historische Gebäude.

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher genossen die Feier, die gewissermaßen als Dreiklang angelegt war: Auf einen Gottesdienst folgte eine Feierstunde im Betraum der ehemaligen Synagoge, bevor dann im ganzen Haus Zeit für Begegnung und Gespräche blieb.

Pfarrerin Johanna Rau (Bad Wildungen), vor fast 25 Jahren Initiatorin der Synagogen-Restaurierung und Ehrenvorsitzende des Fördervereins, hatte in dem gut besuchten Gottesdienst in Heubachs Kirche den Feiertag in einen größeren Rahmen gestellt. Sie wies darauf hin, dass der im Predigttext zitierte „aaronitische Segen“ den Angehörigen aller Religionen, also neben den Juden eben auch den Christen, Muslimen und Bahai gelte. Rau erinnerte daran, dass es in Heubach eben auch Zeiten gegeben habe, in denen dieser Segen zweifach erklungen sei: in der Synagoge wie auch in der Kirche. Durch das Auslöschen der jüdischen Gemeinde, das sei heute klar, sei ein großer Reichtum verloren gegangen. Dass dann in ganz kurzer Zeit die Radikalisierung so weit gegangen sei, dass der jüdischen Bevölkerung ihr Menschsein und am Ende ihr Recht auf Leben abgesprochen wurde, sei die Wurzel für die im Grundgesetz ganz prominent formulierte Unantastbarkeit der Menschenwürde. Und eben zu dieser Haltung, die immer und überall bedrohte Menschenwürde zu schützen und zu wahren, stärke einfach durch ihr Dasein und die dort mögliche Begegnung auch Heubachs ehemalige Synagoge.

Die Sanierung von Heubachs ehemaliger Synagoge mit ihrer von Brüchen geprägten Geschichte sei eine Gewissensentscheidung und eine bewusste Antwort auf das, was zerstört wurde, sagte Martin Hein, der frühere Bischof der kurhessischen Kirche. Die Arbeit des Fördervereins mit seinen vielfältigen Angeboten mache deutlich, dass Erinnerung – wenn überhaupt – dadurch geheilt werden könne, dass die Gesellschaft sich ihr bewusst stelle. Das konkrete Benennen beispielsweise der 41 in der Shoah umgebrachten Jüdinnen und Juden aus Heubach helfe, Mord und Verfolgung nicht statistisch, sondern im Leiden konkreter Menschen wahrzunehmen. Scheinbar ganz im Kleinen leiste der Förderverein mit seinen Aktiven Gedenkarbeit und zeige Haltung.

Das sei umso wichtiger, weil Antisemitismus in ganz unterschiedlichen Ausprägungen in Deutschland wieder offen sichtbar sei. Deshalb dürfe Erinnerungskultur nicht in Ritualen erstarren: Jüdisches Leben müsse nicht nur erinnert, sondern behütet und als Teil unserer Gegenwart anerkannt werden. Erinnerung, so der Theologe, sei heute nur glaubhaft, wenn sie Konsequenzen habe: Es gelte daher, Position zu beziehen – auch wenn es mühsam und gefährlich sei.

Auch Hartmut Zimmermann, der Vorsitzende des Fördervereins, hatte in seiner Begrüßung auf die Notwendigkeit hingewiesen, auch Widerspruch zu wagen, wenn sich Antisemitismus und menschenverachtende Ideen ausbreiteten. Er konfrontierte die Festgäste mit Zahlen zum sprunghaften Anstieg der AfD-Stimmen bei den vergangenen drei Landtagswahlen: 2023 bekam die inzwischen auch in Hessen vom Verfassungsschutz zu beobachtende Partei im Bereich der Gemeinde Kalbach 30,2 Prozent. Zimmermann präsentierte in seiner Rede einen Stoffbeutel, den der Präsident des Thüringischen Verfassungsschutzes nach einem Referat als Geschenk hinterlassen hatte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, wird darauf das Grundgesetz zitiert. Dieser Satz müsse Maßstab dafür sein, Themen zu setzen – und auch Konflikte und Widerspruch nicht zu scheuen, wenn die Menschenwürde infrage gestellt werde.

Zimmermann konnte aber auch auf eine kleine Veränderung in Heubach hinweisen: Mit der Umstellung auf den Winterfahrplan wird die Bushaltestelle unmittelbar neben dem Gebäude nicht mehr „Rathaus“, sondern „Ehemalige Synagoge“ heißen. Einen entsprechenden Antrag des Vereins an die Lokale Nahverkehrsgesellschaft hatten Ortsbeirat und Gemeindevorstand befürwortet, sodass Zimmermann dem Publikum bereits ein Bild des neuen Haltestellennamens präsentieren konnte.

Grußworte sprachen der Erste Kreisbeigeordnete Frederik Schmitt (CDU) und Kalbachs Bürgermeister Mark Bagus (parteilos). Die langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Fulda, Linde Weiland, die dem Heubacher Projekt von Anfang an eng verbunden ist, steuerte einen Liedbeitrag bei. Musikalisch hatten zudem Heiko Ommert (Saxofon) und Kurt Adolph (Gitarre) die Feier gestaltet.

Der dritte, der Geselligkeit vorbehaltene Teil des Feiertags kam nicht zu kurz: Die zahlreichen Besucherinnen und Besucher stärkten sich an dem bestens sortierten Kuchenbuffet und nutzten die Gelegenheit, an den im Haus und auf der Rasenfläche davor platzierten Tischen bei Kaffee und kalten Getränken ins Gespräch zu kommen, in Erinnerungen an die Umbauzeit zu schwelgen und Pläne für die Zukunft zu machen.