Für Christel Alt ist die bevorstehende Schließung weit mehr als das Ende eines Arbeitsplatzes. Die Filialleiterin hat den Laden über viele Jahre hinweg mit aufgebaut und geprägt. Entsprechend groß ist die Anteilnahme der Kundschaft. „Seit die Leute davon erfahren haben, bekomme ich den ganzen Tag Beileidsbekundungen“, erzählt Alt. Viele Stammkunden könnten die Entscheidung nicht nachvollziehen. „Ich bin gestern mit einem Blumentopf unterm Arm nach Hause gegangen. Wir haben so viele nette Leute hier. Die sind alle traurig und trauern mit mir.“ Die Gründe für die Schließung liegen nicht in Fulda selbst. Hintergrund ist der Verkauf der Chocolate Family an die Windel Group im vergangenen Jahr. Nach Angaben von Alt seien in der Folge nach und nach zahlreiche Filialen geschlossen worden. „Die verstehen sich als Hersteller und Produzenten. Die kleinen Filialen brauchen sie nicht mehr“, berichtet die Filialleiterin. Der Betrieb eigener Geschäfte sei kosten- und arbeitsintensiv. „Dann wirst du wegrationalisiert. So einfach ist das.“
Vier Wochen Aufschub wegen des Hessentags
Ursprünglich sollte die Filiale bereits Ende Mai schließen. Alt setzte sich jedoch erfolgreich für eine Verlängerung ein. „Ich habe gesagt: Wir haben Hessentag in Fulda, wir können doch nicht Ende Mai den Laden zumachen“, erinnert sie sich. Nach Rücksprache mit der Unternehmensführung sei schließlich entschieden worden, den Standort noch bis Ende Juni geöffnet zu lassen. Für Alt waren diese zusätzlichen Wochen wichtig. „Es sind vier Wochen, um das alles zu verarbeiten und zu akzeptieren.“ Die Nachricht von der Schließung habe sie zunächst hart getroffen. „Man musste das ja erstmal für sich selbst begreifen.“
Zukunft für Filialleiterin noch völlig offen
Besonders belastend ist für die 65-Jährige die persönliche Situation. Bis zum Renteneintritt fehlen ihr noch rund zwei Jahre. „Ich muss leider noch zwei Jahre arbeiten“, sagt Alt. Deshalb habe sie sich bereits arbeitslos gemeldet. Wie es beruflich weitergeht, sei derzeit völlig offen. Sicher sei nur eines: Ein Leben ohne Kontakte zu Menschen könne sie sich nicht vorstellen. „Ich brauche die Menschen, ich brauche die Gespräche. Daheim sitzen, das kann ich nicht.“ Die Entscheidung eines großen Konzerns dagegen lasse sich vor Ort nicht beeinflussen. „Da ist man komplett machtlos“, hadert Alt.
Hausverwaltung sucht „wertiges Konzept“
Während die letzten Verkaufstage laufen, beschäftigt sich die Hausverwaltung bereits intensiv mit der Zukunft des Ladenlokals. Stephanie Zapletal bestätigt, dass bereits mehrere Interessenten ihre Konzepte vorgestellt haben. Einen schnellen Abschluss um jeden Preis werde es jedoch nicht geben. „Wir suchen natürlich ein Konzept, das wertig ist und die Straße weiterhin lebendig macht“, betont Zapletal. Denkbar seien verschiedene Nutzungen. „Wir könnten uns ein Reisebüro vorstellen, wir könnten uns weiterhin Feinkost vorstellen. Wichtig ist, dass es die Straße aufwertet.“ Zu den bisherigen Interessenten gehörten unter anderem ein Textilgeschäft mit ergänzenden Beauty-Angeboten sowie ein Feinkostanbieter, der Essige und Öle vor Ort abfüllen möchte. „Wir haben schon einige Gespräche geführt“, sagt Zapletal. „Aber das ganz passende Konzept war bislang noch nicht dabei.“ Zeitdruck sieht die Hausverwaltung dabei nicht. Entscheidend sei nicht nur das Geschäftsmodell, sondern auch die Menschen dahinter. „Man muss sich an einen Tisch setzen und schauen, ob das menschlich passt“, erklärt Zapletal. Ziel sei es, einen Mieter zu finden, der Kunden anzieht und die Attraktivität der Marktstraße langfristig stärkt.
Hoffnung auf Weiterbeschäftigung
Auch für Christel Alt gibt es zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer. Zapletal würde es begrüßen, wenn die langjährige Filialleiterin auch unter einem möglichen Nachfolger weiterbeschäftigt werden könnte. „Das wäre natürlich schön“, betont Zapletal. Ob sich eine solche Möglichkeit ergibt, hängt jedoch von dem künftigen Betreiber und dessen Konzept ab. Bis dahin bleibt Christel Alt vor allem eines: die Dankbarkeit ihrer Kundinnen und Kunden. „Es bestätigt einen natürlich“, sagt sie. Lieber wäre ihr allerdings gewesen, wenn es gar keinen Anlass für all die Abschiedsworte gegeben hätte.
