„Ich liebe diese Rolle, ich liebe dieses Stück und ich genieße jede Show“, sagt Kurth. Obwohl das Musical von Dennis Martin und dem Team von spotlight musicals bereits seit einigen Wochen läuft, fühlt sich Hauke Haien für ihn noch lange nicht abgeschlossen an. „Es gibt noch so viele Facetten an Hauke, die ich bisher nur angerissen habe. Jede Show bringt neue Möglichkeiten mit sich, zu schauen, wo man vielleicht noch hingehen kann.“
Gerade diese Offenheit sei es, die den Reiz der Rolle ausmache. Hauke Haien sei keine Figur, die irgendwann vollständig festgelegt sei. „Es ist nicht so festgekleistert, sondern ich habe noch Möglichkeiten, in alle Richtungen zu denken, zu gucken und auszuprobieren.“ Für einen Darsteller sei das ein besonderer Reiz.
Dabei ist „Der Schimmelreiter“ für Kurth ohnehin ein besonderes Stück im Vergleich zu seinen bisherigen Arbeiten bei spotlight musicals. Der Hauptdarsteller, der unter anderem bereits als Robin Hood, Rob Cole in „Der Medicus“ oder in verschiedenen Rollen bei „Die Päpstin“ auf der Bühne stand, erlebt die aktuelle Produktion als etwas Eigenständiges. „Es ist etwas anderes“, sagt er. „Ich habe in meinem Leben in einigen Musicals mitgewirkt. Aber dieses Stück hat eine ganz andere Stimmung.“ Einen großen Anteil daran habe die besondere Erzählweise. „Es ist wahnsinnig filmisch. Es ist extrem schnell.“
Für Kurth bedeutet das auch eine besondere Herausforderung. „Normalerweise hat man als Darsteller einfach einen Tacken mehr Zeit, um wirklich anzukommen in bestimmten Szenen. Das habe ich hier nicht.“ Die Handlung bewege sich mit hoher Geschwindigkeit, wodurch die Entwicklung der Figuren anders erzählt werde. Gerade das Zusammenspiel aller Elemente mache die Produktion so außergewöhnlich. „Dieses Gesamtkonstrukt ist das, was das Stück so besonders macht. Es ist extrem bildgewaltig – durch die Projektionen, die Animationen, das Bühnenbild und die Kostüme. Das ist ein Rundum-Paket.“
Dass bei einer solchen technischen Großproduktion nicht immer alles planbar ist, zeigte sich bereits bei der Premiere. Kurz nach Beginn musste die Vorstellung aufgrund technischer Probleme unterbrochen werden. Für Kurth war das weniger ein Schock als vielmehr eine Erinnerung daran, was Theater ausmacht.
„Die Leute gehen ins Theater, weil es live ist und weil etwas passieren kann“, sagt er. „Ich kann genauso ins Kino gehen, aber da weiß ich, dass es funktioniert, weil der Film geschnitten ist und alles fein ist. Hier im Theater muss ich immer davon ausgehen, dass irgendetwas passieren kann, weil Menschen live am Werk sind.“ Auf der Bühne habe er schnell gemerkt, dass etwas nicht stimmte. „Ich habe gemerkt, das Licht ist nicht das, was es sein sollte.“ Als klar gewesen sei, dass eine Unterbrechung notwendig war, habe die Situation professionell gelöst werden können. Besonders wichtig sei dabei gewesen, die Ruhe zu bewahren.
Auch die Entscheidung, die Szene noch einmal komplett neu zu beginnen, habe für ihn Sinn ergeben. „Wir hätten auch weitermachen können und uns drei Minuten gespart. Aber zu sagen, wir starten einfach nochmal neu, weil wir das gesamte Erlebnis wollen – das fand ich gut.“ Am Ende habe die Situation sogar eine besondere Verbindung zwischen Bühne und Publikum geschaffen. „Die Leute haben einfach gemerkt, da passiert gerade etwas. Und dadurch war das Publikum, glaube ich, noch ein bisschen entspannter und uns gesonnener.“
Auch der Ursprung der Geschichte spielt für Kurth eine wichtige Rolle. Anders als viele frühere spotlight-Produktionen basiert „Der Schimmelreiter“ nicht auf einem klassischen Roman, sondern auf Theodor Storms Novelle. Kurth hat die Vorlage nach der Bekanntgabe des Stücks selbst gelesen.
„Ich hatte zum Glück keine Berührungspunkte in der Schule damit“, sagt er mit einem Schmunzeln. Viele Menschen würden den Titel zunächst mit Pflichtlektüre verbinden. „Ich habe ganz viele Leute gehört, die gesagt haben: Schimmelreiter, weiß ich nicht. Habe ich in der Schule gelesen, war total doof.“ Bei ihm selbst war der Zugang ein anderer. „Ich habe das Buch privat gelesen“
Beim Vergleich zwischen Vorlage und Musical erkennt Kurth deutliche Unterschiede. Ein wichtiger Punkt sei die Erzählperspektive. „Im Buch hat man den Erzähler, den Schulmeister und dann die eigentliche Geschichte. Bei uns fehlt eine Ebene. Das ist auch gewollt, weil man sonst auf der Bühne zu sehr in die Erklärerei kommt.“ Gerade darin liege für ihn die Stärke von spotlight musicals. „Es ist nie einfach nur: Das ist die Vorlage und wir kopieren das Stück. Das passiert nie.“ Auch bei früheren Produktionen sei die Geschichte immer für die Bühne weiterentwickelt worden.
Dass Hauke Haien für ihn zu einer besonderen Figur geworden ist, liegt auch daran, dass er nicht der klassische Held ist. „Robin Hood ist der Held. Gerold ist eine heldenhafte Figur bei ‚Die Päpstin‘. Hauke Haien ist anders.“ Hauke sei ein Außenseiter, ein Visionär – und jemand, der gegen Widerstände kämpfen müsse. „Er kommt aus armen Verhältnissen, ist gesellschaftlich nicht besonders anerkannt und ist sehr mathematisch und logisch unterwegs.“
Genau darin liegt für Kurth die Spannung der Figur. Hauke wolle nicht aus Egoismus etwas verändern. „Der klare Fakt, den Hauke immer vor Augen hat, ist: Wir müssen den Deich anders bauen, damit wir Leben retten können.“ Doch seine Idee stößt auf Widerstand. „Dieser Kampf gegen den Aberglauben, gegen das Alte, das immer wieder neu auszufechten – das macht es für mich als Darsteller jede Show spannend.“ Am Ende sei Hauke vieles gleichzeitig: „Er ist irgendwo Visionär, Außenseiter und tragische Figur in einem.“
Dass Kurth diese Rolle überhaupt bekommen hat, war dabei kein Selbstläufer. Obwohl er seit vielen Jahren mit spotlight musicals verbunden ist, musste auch er den normalen Weg gehen. „Es ist nicht so, dass man gesagt hat: Wir würden dir gerne Hauke Haien anbieten“, erzählt er. „Ich wusste nicht einmal, welches Stück gespielt wird.“ Als er erfuhr, dass „Der Schimmelreiter“ entstehen sollte, entschied er sich, sich zu bewerben. „Ich wusste bei Spotlight: Das werden tolle Stücke.“
Auch für ihn hieß es anschließend: Vorsprechen, singen, tanzen. „Ich habe meinen Monolog gemacht, ich habe getanzt. Drei Stunden getanzt wie seit Ewigkeiten nicht mehr – mir tat danach alles weh.“ Erst Wochen später kam der Anruf mit der Zusage. „Das komplette Bild davon, wie das Stück aussieht, habe ich tatsächlich erst ziemlich spät bekommen.“ Bereits vorher habe er aber durch Gespräche mit Autor und Komponist Dennis Martin einen Eindruck bekommen. „Ich wusste, wie seine Vision aussieht und was er sich für dieses Stück wünscht.“
Sein eigener Weg auf die Musicalbühne begann allerdings nicht mit einem großen Plan. Vielmehr war es ein Zufall. „Es gab einen Auslöser, der wahnsinnig viel mit einem glücklichen Zufall zu tun hatte.“ In seiner Schulzeit stand Kurth in der Aula seines Gymnasiums, als eine Mitschülerin auf ihn zukam. „Sie zeigte mit einem Finger auf mich und sagte: Ich muss noch mit dir reden. Ich dachte: Oh Gott, was habe ich jetzt gemacht?“ Sie habe gehört, dass er singe, und fragte, ob er bei einer Musical-Gala mitmachen wolle. Kurth war überrascht. „Ich dachte in dem Moment: Hä, ich singe doch gar nicht.“
Eigentlich habe sie einen anderen Schüler fragen wollen. „Sie wollte den anderen Rothaarigen an der Schule fragen, weil der in einer Band war. Sie hat sich vertan.“ Doch aus diesem Irrtum entwickelte sich eine neue Richtung. „Ich habe mitgemacht und gemerkt: Das macht Spaß, das macht Bock.“ Danach begann Kurth, sich intensiver mit dem Beruf auseinanderzusetzen. Schließlich führte ihn sein Weg an die Folkwang Universität der Künste in Essen. Dort lernte er das komplette Handwerk des Musicaldarstellers.
„Bei künstlerischen Universitäten denken viele, dass man einfach auf der Bühne steht und Spaß hat. Das ist aber gar nicht so.“ Vielmehr gehe es um harte Grundlagenarbeit. „Es ging darum: Wie trainiere ich meine Stimme darauf, dass ich acht Shows die Woche spielen kann? Wie stelle ich sicher, dass ich mich nicht kaputtsinge?“ Neben Gesang gehörten auch Schauspiel und Tanz dazu. „Wir bedienen drei Sparten: Tanz, Gesang und Schauspiel.“ Ballett, Jazzdance, Stepptanz – all das gehörte zur Ausbildung. „Ich hatte Ballett, ich hatte Jazzdance, ich hatte Stepptanz. Alles, was im Musical irgendwie vorkommt.“ Doch auch die beste Ausbildung könne nicht ersetzen, was auf der Bühne passiere. „Die größte Lernphase passiert am Ende tatsächlich auf der Bühne.“
Dass der Weg als Künstler nicht immer einfach ist, verschweigt Kurth nicht. Zweifel gehören für ihn dazu. „Der Klassiker ist: Man geht zu einer Audition, denkt, man würde super zu der Rolle passen – und bekommt sie nicht.“ Dann stelle man sich automatisch Fragen. „Bin ich gut genug? Habe ich etwas falsch gemacht? Fehlt mir Vitamin B?“ Auch nach vielen Jahren im Beruf verschwinde diese Unsicherheit nicht komplett. „Man steht da, exponiert, und zeigt alles, was man zu bieten hat.“
Eine Rolle, die er selbst gerne einmal gespielt hätte, wäre Evan Hansen gewesen. „Wenn ich freie Auswahl und eine Zeitmaschine hätte, würde ich total gerne Evan Hansen spielen.“ Aber manchmal entstünden die größten Chancen mit Rollen, die man vorher nicht erwartet habe. „Wenn mir jemand gesagt hätte: Hauke Haien wird eine deiner Traumrollen, hätte ich gesagt: Keine Ahnung.“ Heute sagt er: „Das ist meine bisherige absolute Traumpartie.“
Dass er diese Rolle in Fulda spielen darf, hat für Kurth eine besondere Bedeutung. Die Stadt ist längst zur Heimat geworden. 2011 kam er erstmals für „Die Päpstin“ nach Fulda. „Ich komme aus dem Ruhrgebiet und es war mir immer etwas zu laut und zu voll. Fulda war ein schöner, angenehmer Kontrast.“ Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in der Barockstadt. „Ich kann jeden Abend nach Hause in mein eigenes Bett schlafen. Das ist fantastisch.“ Auch deshalb ist spotlight für ihn mehr als nur ein Arbeitgeber. „Der Umgang innerhalb der Cast ist ganz, ganz toll. Auch der Umgang seitens der Produktionsfirma mit uns ist sehr wertschätzend.“
Neben der Bühne hat Kurth noch eine zweite Leidenschaft: Softwareentwicklung. „Ich habe tatsächlich auch eine Softwareentwicklungsfirma in Fulda gegründet.“ Für ihn widerspricht sich das nicht. Im Gegenteil: Beide Welten ergänzen sich. „Ich habe ein Leben und das möchte ich in vollen Zügen nutzen.“ Die Softwareentwicklung gebe ihm dabei eine zusätzliche kreative Ebene. Gleichzeitig ermögliche sie ihm, seine Leidenschaft für die Bühne weiter auszuleben. Sein Alltag ist deshalb ein Balanceakt zwischen Bühne, Familie und Technik. Vor einer Vorstellung gehören feste Rituale dazu: Stimme vorbereiten, Körper aktivieren, Zeit mit seiner Tochter verbringen. „Mein Schwerpunkt an so einem Tag ist natürlich, dass ich mich und meine Stimme darauf vorbereiten muss, diese Show zu spielen.“
Nach der Vorstellung brauche er einen klaren Abschluss. „Ich dusche nach jeder Show, weil ich klatschnass geschwitzt bin. Damit wasche ich auch ein Stück weit die Rolle ab.“ Eine besondere Verbindung zur Figur Hauke Haien entdeckt Kurth in der Mathematik. Während viele Menschen den Deichgrafen vor allem als Kämpfer gegen die Natur sehen, erkennt er auch den rationalen Denker. „Mathe liebe ich. Auch privat.“
Durch das Programmieren und seine Begeisterung für Logik gebe es viele Überschneidungen. „Im Hauke Haien steckt viel von mir drin und andersrum findet man auch Sachen vom Hauke in mir.“ Beim Thema Meer sieht die Verbindung dagegen anders aus. Hauke lebt in ständigem Kampf mit den Naturgewalten. Kurth selbst begegnet dem Wasser mit großem Respekt. „Ich finde es immer gruselig, wenn ich unter mir nichts sehe und nicht weiß, was da irgendwie ist.“ Mittlerweile genieße er Urlaube am Meer zwar sehr, aber sein Element sei es nicht. „Eher die Berge.“
Gerade dieser Gegensatz mache die Figur für ihn spannend. Während Hauke versucht, das Meer mit Vernunft und Technik zu bezwingen, akzeptiert Kurth dessen Kraft. „Das Meer ist bei Hauke sehr personifiziert. Es ist ganz viel Respekt, aber auch dieser ewige Kampf zu siegen über den Sturm.“ Als persönliches Lieblingslied nennt Kurth mit knappem Vorsprung das Finale des ersten Akts: „Weiter als zuvor“. „Das ist kraftvoll und emotional und markiert einen entscheidenden Wendepunkt.“
Am Ende bleibt die große Frage des Stücks: Wer ist Hauke Haien wirklich?
Kurth möchte, dass das Publikum diese Frage selbst beantwortet. „Ich finde es gut, dass die Zuschauer mit einem offenen Ende nach Hause gehen können und für sich selbst entscheiden dürfen, welches Ende sie präferieren.“ Ein klassisches Happy End wäre für ihn nicht die richtige Lösung. „Ich finde es falsch zu sagen: Wir machen einfach ein lustiges Happy End und biegen das zurecht.“
Stattdessen bleibe die zentrale Frage offen: Ist Hauke gescheitert oder hat er auf seine eigene Weise gewonnen? „Hat er sich hinreißen lassen und alle Vernunft über Bord geworfen? Oder war er am Ende doch schlauer und hat gesiegt – nicht gegen den Sturm, sondern gegen die sozialen Verhältnisse, gegen die er kämpfen musste?“ Eine endgültige Antwort gibt auch Kurth nicht. „Vielleicht hätte ich eine. Aber die bleibt meine.“ Sein letzter Wunsch an das Publikum ist trotzdem eindeutig: „Die Leute sollen vorbeikommen.“
Auch wenn Tickets inzwischen schwer zu bekommen seien, lohne sich der Besuch. Denn „Der Schimmelreiter“ sei für ihn mehr als nur ein Musical. Es ist die Geschichte eines Menschen, der versucht, gegen die Grenzen seiner Zeit anzukämpfen – und eine Rolle, in der Sascha Kurth sich selbst ein Stück weit wiederfindet.
