Lokales HEF 10.07.2026

Zwischen Stärke und Stille: Laura Dittmann als Pippi Langstrumpf

Bad Hersfeld (sim) – Es gibt Figuren, die kennt jeder. Und es gibt Figuren, die weit über ihre Geschichten hinausgehen. Sie werden zu Bildern, die sich in das kollektive Gedächtnis einschreiben, unabhängig davon, ob man die Bücher gelesen oder die Filme gesehen hat. Pippi Langstrumpf gehört zu diesen Figuren. Sie steht für rote Zöpfe, Sommersprossen, viel zu große Schuhe, ein Pferd auf der Veranda und eine Welt, in der Regeln nicht als Grenzen, sondern als Vorschläge verstanden werden. Wer sie spielt, übernimmt deshalb weit mehr als eine Rolle. Er oder sie betritt ein Feld voller Erwartungen, Erinnerungen und Projektionen, in dem jede Geste bereits vorgeprägt scheint.

Fotos: BHF/S.Sennewald

Bei den Bad Hersfelder Festspielen ist es in diesem Sommer Laura Dittmann, die in diese Rolle schlüpft. Schon im Vorfeld war klar, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Theaterfigur handelt. Pippi ist keine klassische Rolle, die man interpretiert und wieder ablegt. Sie ist eine Projektionsfläche, die jeder im Publikum längst kennt, bevor der erste Satz gesprochen wird. Zwischen Astrid Lindgrens Texten, den bekannten Verfilmungen und den eigenen inneren Bildern entsteht ein Spannungsraum, der jede Entscheidung auf der Bühne auflädt.

„Ich wollte keine Kopie spielen, sondern meine eigene Pippi finden“, sagt Dittmann. Dieser Satz beschreibt den Kern ihrer Arbeit. Es ging nie darum, eine bekannte Figur zu reproduzieren, sondern darum, sie neu zu entdecken, ohne ihren Ursprung zu verlieren. Eine Pippi, die laut, verspielt und überdreht sein darf, aber ebenso leise Momente zulässt. Eine Figur, die nicht nur Energie und Chaos verkörpert, sondern auch Nachdenklichkeit, Einsamkeit und Verletzlichkeit.

Auch die Inszenierung von Regisseurin Nicole Claudia Weber folgt genau diesem Ansatz. Astrid Lindgrens Klassiker wird in Bad Hersfeld nicht nur als buntes Familienabenteuer erzählt, sondern als vielschichtige Geschichte über Freiheit, Freundschaft, Selbstbestimmung und Verlust. Musik, Bewegung, Akrobatik und humorvolle Überzeichnung prägen viele Szenen, doch immer wieder brechen diese Ebenen auf. Aus lauter Energie wird plötzlich Stille, aus Bewegung wird Innehalten, aus Spiel wird Ernst.

Diese Kontraste sind bewusst gesetzt. Hinter der scheinbar unbesiegbaren, frechen Pippi steht auch ein Kind, das seine Mutter verloren hat und seinen Vater nur selten sieht. Diese Ebene wird nicht plakativ ausgestellt, aber sie ist ständig spürbar und verändert den Blick auf die Figur. Genau diese Gleichzeitigkeit aus Leichtigkeit und Tiefe prägt die gesamte Produktion.

Für Dittmann begann die eigentliche Annäherung an die Rolle lange vor der Premiere. Schon in den Proben wurde deutlich, dass Pippi sich nicht festlegen lässt. Jede Szene, jeder Versuch, jede Wiederholung brachte etwas Neues hervor. „Ich hatte wirklich großes Glück, dass Nicole so hinter mir stand“, sagt sie über die Zusammenarbeit mit der Regie. Dieses Vertrauen sei entscheidend gewesen, um sich auf die Unsicherheit einzulassen, die diese Figur mit sich bringt. „Es hat mir erlaubt, mich wirklich fallen zu lassen.“

Pippi sei kein festes Konzept, sondern etwas Bewegliches, das sich im Spielen selbst entwickelt. Auch nach der Premiere blieb dieser Prozess offen. „Bei jeder Vorstellung finde ich etwas Neues an ihr“, sagt Dittmann. Dabei spielt auch das Publikum eine Rolle, denn jede Reaktion, jede Spannung im Raum verändert den Rhythmus des Spiels.

Die Premiere selbst beschreibt sie als intensiven Wendepunkt. Nach Wochen voller Proben, großer körperlicher Belastung und Temperaturen von bis zu 40 Grad entlud sich die Anspannung abrupt. „Ich war ehrlich gesagt auch fertig. Ich habe danach erst einmal ein paar Tränen verdrückt“, sagt sie. Es seien keine Tränen der Überforderung gewesen, sondern eine Mischung aus Erleichterung, emotionaler Entladung und Dankbarkeit. „Ich war so bewegt von der Reaktion des Publikums und von meinen Kollegen.“

Besonders geblieben ist ihr ein Moment nach dem Schlussapplaus. Als das Ensemble durch die Reihen ging, streckten unzählige Kinder ihre Hände aus, riefen, lachten, wollten Pippi berühren, als wäre sie plötzlich real geworden. In diesem Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Wirklichkeit. Für einen Augenblick wird die Figur aus dem Theaterraum herausgehoben und direkt ins Leben gezogen. „Ich war sehr überrascht und einfach glücklich“, sagt Dittmann.

Genau darin zeigt sich die besondere Kraft dieser Figur, die seit fast 80 Jahren existiert. Pippi Langstrumpf ist keine eindimensionale Heldin, sondern eine Figur voller Gegensätze. Sie ist stark und unabhängig, gleichzeitig aber auch verletzlich und einsam. Sie bricht Regeln, stellt Autoritäten infrage und lebt in einer Welt ohne äußere Grenzen, und doch trägt sie eine innere Leerstelle in sich. „Man würde Pippi nicht gerecht werden, wenn man sie nur laut und fröhlich zeigt“, sagt Dittmann. „Alles gehört zusammen.“

Diese Gleichzeitigkeit macht die Rolle so anspruchsvoll. Besonders in den Momenten, in denen die Inszenierung bewusst kippt: Szenen voller Energie, Komik und Überdrehtheit werden plötzlich unterbrochen von Augenblicken der Stille, in denen Pippis innere Welt sichtbar wird. Etwa im Zusammenspiel mit den Dieben, das zunächst humorvoll und leicht wirkt, bevor unmittelbar danach ein Bruch entsteht, der die Einsamkeit der Figur spürbar macht. „Vorher ist alles voller Energie und plötzlich steht dieses einsame Kind da“, sagt Dittmann. Diese Einsamkeit darf jedoch nicht als Effekt gespielt werden, sondern muss entstehen, ohne ausgestellt zu sein.

Für Dittmann ist Pippi deshalb weit mehr als eine Bühnenfigur. Sie ist auch eine Haltung gegenüber der Welt. „Die Begeisterungsfähigkeit und die Lust am Spielen verbinde ich sehr mit ihr“, sagt sie. Auch der Umgang mit Emotionen sei ihr vertraut, wenn auch in anderer Form. „Pippi ist viel komplexer, als viele denken – hinter dem Lachen steckt immer auch Verletzlichkeit.“

Dass diese Figur über Jahrzehnte hinweg funktioniert, liegt genau an dieser Vielschichtigkeit. Kinder sehen Freiheit und Abenteuer, Erwachsene sehen Erinnerung, Sehnsucht oder Brüche der eigenen Kindheit. Zwischen diesen Perspektiven entsteht eine Verbindung, die sich nicht festlegen lässt.

Für Dittmann geht Pippi jedoch auch mit einer klaren Botschaft an Erwachsene einher. Sie steht für eine unbedingte Offenheit gegenüber Menschen und Situationen, unabhängig von äußeren Unterschieden oder Vorurteilen. Gerade in einer Zeit, in der schnelle Urteile und Abgrenzungen wieder stärker werden, könne man sich daran ein Beispiel nehmen. Ebenso wichtig sei der Umgang mit Grenzen: Pippi zeige, dass klare, liebevoll gesetzte Grenzen und gleichzeitig Offenheit kein Widerspruch sein müssen.

Darüber hinaus gehe es um das Miteinander – um Spielen, Fantasie und gemeinsame Erfahrungen, die Verbindung schaffen. Auch die Fähigkeit, zufrieden mit sich selbst zu sein, spiele eine Rolle. Vieles davon könnten Erwachsene von Kindern lernen, sagt Dittmann, nicht als Rückschritt, sondern als Erinnerung an etwas Grundlegendes, das im Alltag oft verloren gehe.

Was auf der Bühne leicht und spontan wirkt, ist das Ergebnis intensiver Arbeit. Jeder Tag beginnt mit körperlicher Vorbereitung, Aufwärmen, Stimme und Konzentration. „Bei Pippi ist körperlich sehr viel los, da brauche ich diese Vorbereitung“, sagt Dittmann. Viele Bewegungen seien gemeinsam mit der Regie entwickelt worden, in einem Prozess aus Ausprobieren, Verwerfen und erneuter Annäherung. Diese Detailarbeit sorgt dafür, dass die scheinbare Leichtigkeit am Ende glaubwürdig wirkt.

Auch hinter den Kulissen entstehen prägende Momente. Eine Probe bleibt ihr besonders in Erinnerung: Eigentlich sollte eine ernste Szene gespielt werden, als plötzlich eine Kollegin im falschen Kostüm auf die Bühne kam und laut „Feuer, Feuer!“ rief, bevor sie wieder verschwand. „Das war unglaublich witzig“, erzählt Dittmann und lacht. Solche Situationen gehören zum Alltag und stärken das Ensemble.

Die Stiftsruine in Bad Hersfeld verstärkt diese Erfahrung zusätzlich. Sie ist kein klassischer Theaterraum, sondern ein offener Ort unter freiem Himmel, in dem Licht, Wetter und Umgebung Teil der Inszenierung werden. Jede Vorstellung ist anders, jeder Abend entsteht neu durch äußere Bedingungen und Publikumsreaktionen. „Unter freiem Himmel zu spielen ist etwas ganz Eigenes“, sagt Dittmann.

Am Ende bleibt ein Satz, der Pippi seit Generationen begleitet: „Das habe ich noch nie probiert, also müsste ich es können.“ Für Dittmann ist dieser Satz mehr als ein Kinderbuchzitat. „Pippi limitiert sich nicht“, sagt sie. „Das bleibt im Kopf und im Herzen.“ Vielleicht liegt genau darin die Zeitlosigkeit dieser Figur.

Wenn sie auf die Spielzeit zurückblickt, spricht Dittmann nicht über Bewertungen oder äußeren Erfolg, sondern über das gemeinsame Arbeiten. „Es ist ein erfolgreicher Sommer“, sagt sie. „Die Zusammenarbeit, das Ensemble, das Miteinander – das bleibt.“ Theater sei für sie genau das: ein Prozess, der nur im Zusammenspiel entsteht.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis von Pippi Langstrumpf. Sie ist nicht nur stark, weil sie außergewöhnlich ist oder Regeln bricht, sondern weil sie offen bleibt, neugierig, widersprüchlich und frei zugleich. Laura Dittmann nähert sich dieser Figur nicht als fertiges Bild, sondern als fortlaufenden Prozess. Und genau deshalb wirkt Pippi auch heute noch lebendig – als Mischung aus Kraft, Leichtigkeit, Stille und Verletzlichkeit, die sich jeden Abend neu zusammensetzt.