Fachkräftemangel ist nicht nur ein Schlagwort
Die Lage am Arbeitsmarkt ist widersprüchlich. Einerseits ist die Konjunktur schwach, die Arbeitslosigkeit gestiegen und die gemeldete Nachfrage nach Arbeitskräften zurückgegangen. Andererseits bleibt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften hoch. Die Fachkräfteengpassanalyse 2025 der Bundesagentur für Arbeit notierte für das vierte Quartal 2025 knapp 1,3 Millionen offene Stellen laut IAB-Stellenerhebung. Rund drei Viertel der offenen Stellen richteten sich an Menschen mit Berufsausbildung oder Hochschulabschluss.
Gleichzeitig zeigt die Analyse: Es gibt keinen allgemeinen Arbeitskräftemangel. Vielmehr besteht ein Qualifikationsproblem. Viele Arbeitsuchende passen nicht zu den offenen Stellen. 2025 identifizierte die Bundesagentur 157 Engpassberufe, besonders in Bau, Handwerk, Berufskraftverkehr, Kindererziehung, Gastronomie, Pflege und medizinischen Berufen.
Für Unternehmen heißt das: Sie müssen nicht nur neue Fachkräfte finden, sondern vorhandene Beschäftigte halten. Und genau hier wird Unternehmenskultur entscheidend.
Kultur ist mehr als ein Leitbild
Unternehmenskultur zeigt sich im Alltag: darin, wie geführt, kommuniziert und entschieden wird. Werden Mitarbeitende gehört? Gibt es Vertrauen oder Kontrolle? Werden Fehler genutzt, um besser zu werden? Gibt es Entwicklungschancen und faire Arbeitsbedingungen?
Wie wichtig solche Faktoren für Arbeitgeberattraktivität sind, zeigt die Randstad Employer Brand Research 2026. Dafür wurden in Deutschland Online-Interviews mit 4.331 Studierenden, Erwerbstätigen und Arbeitslosen im Alter von 18 Jahren bis zum Rentenalter geführt.
Arbeitsplatzsicherheit ist nach dieser Studie mit 58 Prozent der wichtigste Faktor eines idealen Arbeitgebers. Direkt danach folgen eine angenehme Arbeitsatmosphäre mit 54 Prozent, Work-Life-Balance mit 52 Prozent, Gehalt und Zusatzleistungen mit 50 Prozent sowie Chancengerechtigkeit mit 45 Prozent.
Das macht deutlich: Arbeitgeberattraktivität entsteht nicht allein über Bezahlung. sind kulturelle Themen. Unternehmen, die genauso mit Atmosphäre, Fairness, Balance und Entwicklung überzeugen, können sich im Wettbewerb um Fachkräfte deutlich abheben.
Bindung wird zum wirtschaftlichen Faktor
Besonders klar zeigt das der Gallup Engagement Index Deutschland 2025, für den insgesamt 1.700 zufällig ausgewählte Arbeitnehmende über 18 Jahren telefonisch befragt wurden. Nur zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland weisen demnach eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber auf. 77 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung, 13 Prozent gar keine – sie gelten als innerlich gekündigt.
Für Unternehmen ist das mehr als ein Stimmungsproblem. Gallup beziffert die volkswirtschaftlichen Produktivitätseinbußen durch innere Kündigung für 2025 auf 119,2 bis 142,3 Milliarden Euro. Die Folgen zeigen sich auch im Arbeitsalltag: Beschäftigte mit hoher emotionaler Bindung waren 2025 deutlich seltener krankgemeldet; laut Gallup lagen ihre Fehlzeiten 41 Prozent unter denen von Mitarbeitenden ohne emotionale Bindung. Außerdem würden 72 Prozent der hoch Gebundenen ihr Unternehmen als hervorragenden Arbeitsplatz weiterempfehlen. Bei Beschäftigten ohne Bindung sind es nur sieben Prozent.
Im Fachkräftemangel ist das ein entscheidender Hebel. Wer eine Kultur schafft, in der Menschen sich gesehen, gefördert und ernst genommen fühlen, stärkt nicht nur die Motivation, sondern reduziert auch Fluktuation und Recruitingdruck.
Gute Führung ist der Kern guter Kultur
Unternehmenskultur wird für die meisten Beschäftigten vor allem beim Kontakt mit Vorgesetzten sichtbar: im Feedbackgespräch, bei Entscheidungen, in stressigen Phasen oder bei der Frage, ob Leistung anerkannt wird.
Gallup zeigt auch hier den Zusammenhang: Von den emotional hoch gebundenen Mitarbeitenden wollen 80 Prozent mindestens ein weiteres Jahr beim Arbeitgeber bleiben, 57 Prozent sogar mindestens drei Jahre. Bei Beschäftigten ohne emotionale Bindung sinken diese Werte deutlich. Führung entscheidet also mit darüber, ob Fachkräfte bleiben oder sich umsehen.
Das ist gerade deshalb relevant, weil Wechselbereitschaft nicht erst beim Kündigungsschreiben beginnt. Wer sich nicht eingebunden fühlt, arbeitet oft nur noch im Pflichtmodus. Für Unternehmen bedeutet das Produktivitätsverlust, weniger Innovationskraft und ein höheres Risiko, wertvolles Wissen zu verlieren.
Bewertungen machen Kultur sichtbar
Bewerberinnen und Bewerber prüfen heute stärker, ob Arbeitgeberversprechen glaubwürdig sind. Bewertungsportale wie kununu geben Einblicke in Arbeitsatmosphäre, Führung, Karrierechancen, Gehalt und Unternehmenskultur.
Ein Beispiel aus der Finanzbranche ist der Finanzdienstleister tecis. Auf kununu wird tecis von Mitarbeitenden sehr positiv bewertet. Die durchschnittliche Zufriedenheit liegt bei 4,7 von 5 Punkten, die Weiterempfehlungsrate bei 95 Prozent. Besonders stark fallen die Bewertungen in den Bereichen Unternehmenskultur und Vielfalt aus; auch Karriere und Gehalt sowie Arbeitsumgebung schneiden gut ab.
Solche Werte senden ein starkes Signal. Sie zeigen, ob zentrale kulturelle Faktoren von Mitarbeitenden positiv wahrgenommen werden und können Bewerbenden helfen, Arbeitgeberversprechen besser einzuordnen.
Kultur ist kein weicher Faktor
Unternehmenskultur wird oft als „weiches“ Thema behandelt. Bei Fachkräftemangel ist sie jedoch ein harter Wettbewerbsfaktor. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit, von Gallup und Randstad zeigen: Unternehmen stehen nicht nur vor einem quantitativen Fachkräfteproblem, sondern auch vor einer Bindungs- und Kulturaufgabe.
Wer gute Führung, faire Bedingungen, Entwicklung und Vertrauen schafft, gewinnt mehr als ein gutes Image. Es stärkt die eigene Zukunftsfähigkeit – und wird für Fachkräfte attraktiver, die heute genauer auswählen können, wo sie arbeiten wollen.
