„Für mich war die Premiere ein absolutes Highlight.“, sagt Osthoff. Besonders beeindruckt habe sie, wie aufmerksam und offen das Publikum den Abend angenommen habe. „Mich hat beeindruckt, wie offen und wach das Publikum an dem Abend dabei war.“ Bereits früh im Stück hält Lysistrata ihre große Rede, die den Ton für den gesamten Abend setzt und die Zuschauer unmittelbar einbindet. „Dass die große Rede so früh im Stück kommt, gibt dem Abend einen enormen Schwung.“ Für die Schauspielerin war es ein besonderer Moment zu spüren, dass die Zuschauer nicht nur beobachten, sondern Teil des Geschehens werden.
Genau diese Verbindung zwischen Bühne und Publikum ist für Osthoff eine der großen Besonderheiten der Bad Hersfelder Inszenierung. „Die vierte Wand, die wir sonst am Theater meist haben, wird in dieser Inszenierung komplett aufgerissen.“ Die Zuschauer bleiben nicht außen vor, sondern werden bewusst eingebunden. Immer wieder entstehen spontane Situationen, die nicht planbar sind. Wenn im Stück gefragt wird, ob wirklich alle Frauen am Streik teilnehmen, kommt mittlerweile teilweise aus dem Publikum die Antwort: „Alle, ja, alle.“
Für Osthoff liegt darin die besondere Energie der Figur. „Das ist die Energie von Lysistrata, diese Begeisterung schaffen, dieser Austausch, dieser direkte Austausch.“ Sie spricht Menschen im Zuschauerraum direkt an und erlebt dadurch jeden Abend neue Reaktionen. Gleichzeitig war genau dieser Umgang mit dem Publikum auch eine Herausforderung. „Ich musste vorher noch nie so aktiv mit dem Publikum umgehen“, erzählt sie. Die Nervosität sei zwar vorhanden gewesen, habe sich aber schnell verändert. „Man merkt: Jetzt ist man frei, wirklich spielen zu können und jeden da abzuholen, wo er gerade ist.“
Dass „Lysistrata“ heute noch eine solche Wirkung entfalten kann, liegt für Osthoff vor allem an der Aktualität des Stoffes. Die Vorlage von Aristophanes wird in Bad Hersfeld nicht nur als Komödie erzählt, sondern verbindet Humor mit ernsten Fragen über Krieg, Frieden und gesellschaftliche Verantwortung. Für die Vorbereitung beschäftigte sich Osthoff intensiv mit dem Original und verschiedenen Übersetzungen, unter anderem von Erich Fried.
„Das Thema ist einfach nicht nur ein komödiantisches oder eigentlich in seinen Ursprüngen und leider in seinen Auswirkungen überhaupt kein komödiantisches Thema.“ Gerade diese Mischung sei eine besondere Herausforderung gewesen. Bis zur Premiere habe sie nicht gewusst, wie die Verbindung zwischen humorvollen Szenen und tiefgehenden Momenten beim Publikum ankommen würde. Ihr Wunsch sei gewesen, dass der Abend beides schafft: zum Lachen anzuregen und gleichzeitig zu berühren.
Eine Geschichte begleitete sie während der Proben besonders: die von Leymah Gbowee aus Liberia. Die Friedensaktivistin brachte Anfang der 2000er Jahre Frauen verschiedener Gruppen zusammen und setzte sich mit einem Friedensstreik für ein Ende des Bürgerkriegs ein. Ihr Engagement trug schließlich dazu bei, dass Friedensverhandlungen aufgenommen wurden. Später erhielt Gbowee den Friedensnobelpreis.
„Lysistrata ist gar keine Utopie“, sagt Osthoff. „Das ist bereits passiert auf dieser Welt.“ Gerade diese Verbindung zwischen Theater und Realität mache die Figur für sie so spannend. Hinter der ungewöhnlichen Idee der Frauen, gemeinsam Druck auszuüben, stecke eine größere Botschaft: Menschen können etwas verändern, wenn sie sich zusammenschließen.
Auch die Entwicklung der Figur verlief für Osthoff Schritt für Schritt. Erst im Laufe der Proben entstand die Lysistrata, die heute auf der Bühne zu sehen ist. Einen wichtigen Moment habe es bereits bei der Matinee vor der Premiere gegeben, als erstmals Zuschauer im Saal saßen.
„Da konnte ich eben mal ausprobieren: Geht das Publikum denn mit? Funktioniert das denn?“ Die Reaktion habe ihr gezeigt, dass die besondere Form der Inszenierung funktioniert. Später sei sie sogar in der Stadt angesprochen worden, ob diese direkte Beteiligung des Publikums tatsächlich auch in den Vorstellungen stattfinde.
„Das Publikum ist Teil und fühlt sich auch als Teil“, sagt Osthoff. Genau darin liege die Kraft der Figur. Jede Vorstellung bringe neue Reaktionen und damit auch neue Impulse für die Rolle. „Eine Figur ist nie ganz fertig.“ Auch nach der Premiere entwickle sich Lysistrata weiter.
Ganz ohne persönliche Berührungspunkte bleibt die Rolle für Osthoff dennoch nicht. Die Bühnenfigur sei deutlich lauter, mutiger und extrovertierter als sie selbst. „Die ist um einiges exzentrischer und lauter und vielleicht auch mutiger als ich.“ Eine Gemeinsamkeit gebe es aber trotzdem: das Thema Gerechtigkeit.
„Wenn etwas ungerecht ist, dann habe ich schon immer, schon als Kind, mich eingesetzt und bin nicht leise geblieben.“ Für Osthoff geht es darum, Werte zu vertreten und Verantwortung zu übernehmen – genau wie Lysistrata. Besonders intensiv erlebt sie die Momente, in denen hinter der kämpferischen Oberfläche der Figur auch Verletzlichkeit sichtbar wird. Erst am Ende zeigt Lysistrata, welche Spuren der Krieg in ihr hinterlassen hat.
„Erst am Ende darf das Publikum einen Blick hinter ihre Stärke werfen und sehen, was der Krieg mit ihr gemacht hat.“ Frieden bedeute nicht, dass automatisch alles wieder so werde wie zuvor. „Es kann nicht sein, wie es davor war.“ Menschen hätten Verluste erlebt, Dinge seien zerstört worden. Gerade deshalb sei die Erinnerung so wichtig. „Wir müssen uns erinnern, wir müssen dafür kämpfen, dass so etwas nie wieder passiert.“ Vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Entwicklungen bekämen diese Gedanken für sie zusätzliche Bedeutung.
Trotz dieser ernsten Themen lebt die Inszenierung auch von ihrer Leichtigkeit. Besonders die Anfangsszene mit dem Publikum sei für sie jeden Abend ein besonderer Moment. „Da freue ich mich eigentlich immer drauf.“ Die Reaktionen seien jedes Mal anders. „Das ist eine positive Nervosität.“
Ein wichtiger Teil der Entwicklung der Figur war die Zusammenarbeit mit Regisseurin Marlene Anna Schäfer. Osthoff beschreibt die gemeinsame Arbeit als sehr vertrauensvoll. „Marlene hat mir sehr viel Vertrauen eigentlich von Anfang an geschenkt, in die Figur und auch in die Gestaltung der Figur.“
Die Regisseurin habe sie ermutigt, größer zu denken, den Kontakt zum Publikum zu suchen, aber gleichzeitig auch die leisen Momente der Figur zu finden. Gerade bei einer Uraufführung sei es wichtig gewesen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Eine besondere Herausforderung war dabei die Größe der Produktion mit vielen Menschen auf der Bühne.
Auch der besondere Spielort prägt die Inszenierung. Nach drei Jahren bei den Bad Hersfelder Festspielen fühlt sich Osthoff mit der Stiftsruine verbunden. „Jetzt im dritten Jahr merke ich auch, wie das wirklich Teil von mir ist. Ich fühle mich total zu Hause auf dieser Bühne.“
Der Open-Air-Charakter mache die Vorstellungen einzigartig. Wind, Licht und Geräusche würden jeden Abend auf andere Weise Teil des Spiels. Dazu kommt das Bühnenbild von Christin Treunert, das die Ruine nicht nur als Kulisse nutzt, sondern aktiv in die Geschichte einbindet.
„Wir holen die zerstörte Akropolis direkt in die Stiftsruine und erzählen: Dies hat auch hier schon stattgefunden.“ Die Geschichte sei dadurch nicht weit entfernt, sondern werde zu einem Teil der eigenen Gegenwart.
Auch außerhalb der Bühne hat Bad Hersfeld für Osthoff inzwischen eine besondere Bedeutung. Sie schätzt den Austausch mit der Stadt und den Menschen vor Ort. „Ich genieße die Zeit in Bad Hersfeld sehr – auf der Bühne genauso wie den Austausch mit den Menschen in der Stadt und meinen Kolleginnen und Kollegen.“
Auch Familie und Freunde seien inzwischen Teil dieser Verbindung geworden. „Inzwischen gehört Bad Hersfeld auch für meine Familie und meine Freunde zum Sommer dazu. Und sie freuen sich auf ihren jährlichen Besuch.“
Positiv erlebt Osthoff auch den Wechsel in der Intendanz. Sowohl mit Joern Hinkel als auch mit der neuen Intendantin Elke Hesse habe sie einen guten Austausch erlebt. „Ich fühle mich da sehr beschenkt, weil ich sowohl mit Joern Hinkel als auch mit Elke Hesse einen sehr tollen Austausch erlebe und erlebt habe.“ Beide seien unterschiedlich, hätten aber eine Gemeinsamkeit: die Leidenschaft für die Festspiele. „Bei beiden spürt man, mit wie viel Herzblut sie die Festspiele gestalten.“
Sichtbar wird dieses Engagement auch bei der Aktion „No Peace, No Sex“, die das Thema des Stücks in die Stadt trägt. Für Osthoff ist wichtig, dass Theater nicht nur innerhalb der Stiftsruine stattfindet. Die Aktion könne auch Menschen erreichen, die sonst keinen Zugang zum Stück hätten.
„Vielleicht auch jemand, der noch nie was von Lysistrata gehört hat und vielleicht sich gar nicht so sehr für die Festspiele interessiert, bleibt da kurz stehen und denkt kurz darüber nach.“ Genau darin liege die Wirkung: einen Denkprozess anzustoßen.
Und genau das soll auch die letzte Frage der Inszenierung bewirken: „Und was willst du jetzt tun?“ Für Osthoff ist dieser Moment entscheidend, weil das Publikum nicht einfach nur nach Hause gehen soll.
„Wir durchbrechen diese vierte Wand, weil wir alle gefragt sind für die Zukunft, weil wir alle unsere Verantwortung tragen.“ Es gehe nicht darum, mit einer großen Handlung alles zu verändern. Vielmehr gehe es darum, sich auch im Kleinen einzusetzen. „Die entscheidende Frage ist: Was kann ich selbst, auch im Kleinen, tun, um Demokratie zu stärken und Frieden zu bewahren?“
Noch kurz vor der Premiere war übrigens nicht endgültig klar, wie der Abend enden würde. Lange arbeitete das Team an der Idee, gemeinsam mit dem Publikum „Imagine“ von John Lennon zu singen. Letztlich entschied man sich dagegen.
„Es ist schwierig, dann einfach anzufangen zu singen“, erklärt Osthoff. Der Schluss müsse die Ernsthaftigkeit des Themas bewahren und gleichzeitig Hoffnung vermitteln. „Es war ein totaler Balance-Akt, da herauszufinden: Wie endet man? Wie verharmlost man nicht die Geschichte, aber wie endet man auch nicht mit einem total negativen und schweren Ende?“
Für Osthoff zeigt gerade dieser Entstehungsprozess, wie lebendig Theater ist. Es entsteht nicht nur auf dem Papier, sondern entwickelt sich durch Schauspieler, Regie, Publikum und den besonderen Ort gleichermaßen.
Ob die Rolle der Lysistrata sie auch nach dem Sommer begleiten wird, weiß sie selbst noch nicht genau. Zum Zeitpunkt des Gesprächs liegen noch zehn Vorstellungen vor ihr. Erst danach könne sie wirklich sagen, was diese Figur mit ihr gemacht hat.
Sicher ist aber schon jetzt: Der Festspielsommer ist für sie ein Erfolg. „Ehrlich gesagt ist er es jetzt, mit der Premiere bereits.“ Die Uraufführung sei gelungen, das Team großartig und das Publikum offen gewesen.
Besonders freue sie, dass die Inszenierung den Spagat zwischen Unterhaltung und Tiefe schafft. „Ich finde bereits, dass uns der Spagat zwischen Komödie und trotzdem sehr tiefgehendem, berührendem Theater gelungen ist.“
Am Ende bleibt vor allem eine Einladung an das Publikum, sich auf diesen Abend einzulassen. Denn „Lysistrata“ ist für Gioia Osthoff nicht nur eine Geschichte über Krieg und Frieden. Es ist eine Geschichte über Mut, Zusammenhalt und die Frage, welche Rolle jeder Einzelne dabei spielt.
„Wenn Theater etwas kann, dann ist es Emotionen zu wecken.“, sagt Osthoff. Genau diese Emotionen sollen die Zuschauer mit nach Hause nehmen – und vielleicht noch lange beschäftigen, nachdem der Applaus längst verklungen ist.
