Häuser stürzten ein, die Versorgung brach zusammen und tausende Menschen verloren ihr Leben: Die Lage im Erdbebengebiet von Venezuela war und ist nach wie vor dramatisch. Selbst für die spezialisierte SEEBA-Einheit des THW war der Einsatz belastend und herausfordernd: Täglich über 30 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eine Woche später ist Josephine Koch wieder in Hünfeld angekommen, hat die Erlebnisse verarbeitet und schildert sie OZ-Gespräch.
Dem THW ist Koch vor zehn Jahren beigetreten – nach dem Erdbeben in Nepal im Frühjahr 2015. Die Ereignisse in der Himalaya-Region riefen in ihr eine Reaktion hervor: „Da war für mich die Entscheidung gefallen“, sagt sie und absolvierte direkt die Ausbildung und Lehrgänge für die spezialisierte Auslandseinheit. „Die Vorbereitung auf solche Einsätze ist sehr dezidiert und zeitintensiv. Es gibt Grundlehrgänge, aber auch fortlaufende Ausbildungen, mehrere Übungen pro Jahr und Impfungen, die aktuell sein müssen“, erklärt sie. In vielerlei Hinsicht – psychischer, körperlicher und sogar politischer – werden die THW-Kräfte auf Auslandseinsätze vorbereitet. 2023 war Koch schon in der Türkei, nun folgte Venezuela. Just vor dem Erdbeben absolvierte die Hünfelderin Ende Juni in NRW eine Nachhol-Übung, kam mittwochs nach Hause. „Ich habe noch Wäsche gewachsen“, erinnert sie sich – dann ging am frühen Donnerstagmorgen um 0.39 Uhr der Melder, nur wenige Minuten nach dem Beben.
Über einen individuell eingestellten Erdbebenalarm bekam Koch von den Geschehnissen in Venezuela mit – innerlich konnte sie sich bereits auf alle Szenarien einstellen. Dann ging alles ganz schnell und folgte einem strukturierten Ablauf: Das THW prüfte die Lage du stellte das Team auf. Aus weit über 80.000 Ehrenamtlichen im THW bundesweit setzte sich die SEEBA-Einheit aus 46 Einsatzkräften und vier spezialisierten Hunden zusammen. Rund 150 Menschen gibt es in Deutschland, die qualifiziert für den Einsatz gewesen wären – Koch war auf Abruf bereit, der Rucksack stand gepackt beim THW in Hünfeld, das große Gepäck zuhause. Ebenfalls gepackt. „Wir sind 365 Tage im Jahr einsatzbereit“, sagt sie.
14 Stunden Flug mit der Luftwaffe
Die Einheit versammelte sich in Köln-Porz, konnte aber nicht von Köln-Bonn aus fliegen, da der Luftraum über Venezuela bereits gesperrt war. Die Bundeswehr schaffte Abhilfe: Mit zwei A400M-Maschinen der Luftwaffe wurden die THWler mitsamt 15 Tonnen Material von Wunstorf in Niedersachsen aus geflogen. 14 Stunden Flugzeit lagen vor allen, eine Zwischenlandung musste auf den Azoren gemacht werden.
Vor Ort blieb dann keine Zeit, und abermals lief alles klar strukturiert ab: Mehrere hundert internationale Einsatzkräfte schlugen ihr Camp auf. „Die, die zuerst vor Ort sind, holen die UN-Flagge raus und koordinieren“, erklärt Koch. Die Standardisierung der Vereinten Nationen ermögliche es den THW-Teams, mit klarer Struktur und auf Augenhöhe zu arbeiten: „Unter den Teams spricht man eine Sprache, egal ob Russland, Ukraine oder Katar. Die Teams sind von den Leistungen und Fähigkeiten identisch aufgestellt, das ist bemerkenswert“, betont Oliver Renz als Kreisbeauftragter des THW in Fulda und Einsatzleiter des OV Hünfeld, der Koch auch zum Treffpunkt gefahren und im Hintergrund supportet hatte. Das gilt für die Ehrenamtler übrigens als offizieller Inlandseinsatz.
Im Erdbebengebiet teilte sich das Team aus Deutschland (Einsatzkräfte aus Hessen, dem Saarland, Rheinland-Pfalz, NRW und Bayern) dann in Führungsriege, Logistiker, Mediziner und zwei Einheiten auf. Eine Einheit baute das Camp auf, die andere wurde direkt losgeschickt. Im Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb zu arbeiten, sei bei den klimatischen Bedingungen nicht möglich gewesen, so Koch, also mussten die Stunden reduziert werden – umso kürzer wurden auch die Ruhezeiten. Im 14-Kilo-Rucksack, den die Einsatzkräfte immer dabei haben, befinde sich alles, was gut drei Tage ausreichen muss, „um unabhängig zu leben“ – Wasser, Essen, Kopien von Dokumenten, Desinfektionsmittel, Medikamente, Handtuch und mehr.
„Kaum Anzeichen auf Leben“
„Auf den Anblick ist man vorbereitet, aber das Ausmaß der Zerstörung dort war schon sehr groß“, berichtet Koch. Sie war mit ihrem auf städtische und urbane Gebiete spezialisierten Team in Caraballeda, etwas nördlich der Hauptstadt Caracas, stationiert. An der Küste waren ganze Hotels in sich zusammengebrochen – durch das doppelte Erdbeben war das Ausmaß umso gravierender: „Das erste Erdbeben hat die Gebäude einstürzen lassen, das zweite 30 Sekunden später hat die Trümmer nochmal verdichtet“. Dadurch seien die Chancen auf Lebendrettungen sehr gering gewesen – so viel war bereits klar.
„Man geht von Haus zu Haus, und findet kaum Anzeichen auf Leben“, schildert die Hünfelderin. Gesucht wurde mit Mensch, Tier und Technik: Ein spezielles Geophon scannt Geräusche, ausgebildete Hunde, die bei der Hitze allerdings sehr zu kämpfen hatten, suchen nach Spuren, und die Einsatzkräfte tun ihr Mögliches. Von Freitag bis Donnerstag war das Team vor Ort, von der Alarmierung bis zur Ankunft zuhause waren es gar zehn Tage Einsatz für Koch.
Insgesamt ist zwei Wochen nach dem Beben von über 3800 Toten die Rede, internationale Schätzungen gehen aber weit in die Zehntausender. Nur ganz wenige Lebendrettungen gab es – das THW spricht aktuell von 14 insgesamt, bei über 100 internationalen Teams. Kochs Team konnte kein Leben retten, doch darf am Ende auch von einem erfolgreichen Einsatz sprechen. Für die Retter selbst, aber auch die Einheimischen: „Was wir gespürt haben, war tief empfundene Dankbarkeit der Menschen dort. Wir wurden damit überschüttet. Sie hätten nicht gedacht, dass professionelle Teams zu ihnen kommen und helfen“, schildert Koch emotional. Kommuniziert wurde auf Englisch und teilweise Spanisch – das THW erklärte den Betroffenen detailliert, was die Hunde gerochen, die Kameras aufgezeichnet oder die Helfer gesehen hätten. Und für die Menschen vor Ort sei die Gewissheit – auch in trauriger Hinsicht – das Wichtigste gewesen. „Es war ihnen wichtig, dass einfach jemand kommt. Wir haben unser Bestes getan – und alle sind heil wieder nach Hause gekommen“, so Koch zufrieden.
Mehrere Tonnen Hilfsgüter und Medikamente hinterließ die SEEBA vor Ort, so unter anderem auch das aufgebaute Camp für das örtliche Rote Kreuz. Das Einsatzende sei ein komplexer Prozess, in den THW-Leitung, Auswärtiges Amt, Innenministerium und internationale Teams sowie das hilfeersuchende Land mit eingebunden seien. Generell, erklärt Oliver Renz, gelte aber die 100-Stunden-Regel nach dem Ereignis. Dort seien Lebendrettungen möglich, danach hänge es von der Lage vor Ort ab und die Chancen sinken.
Vor den Ferien Lehrerin, in den Ferien Ortungs-Spezialistin
Nach der Landung in Wunstorf gab es für die Ehrenamtlichen ein „Debriefing“, dabei stand auch das Einsatznachsorgeteam des THW den Kräften zur Seite, die noch einmal gemeinsam übernachteten. „Einfach so in den Alltag überzugehen, wäre schwierig und ist auch so nur schrittweise möglich“, sagt Koch offen.
Die 35-Jährige ist Lehrerin an der Wigbertschule – und war in den Sommerferien ehrenamtlich im Erdbebengebiet in Venezuela im Einsatz. Und die Ortungsspezialistin ist jederzeit wieder bereit für ein solches Szenario. Diese selbstlose Hilfe ist kaum in Worte zu fassen, doch genau dafür steht das THW. Die venezolanische Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez dankte den Kräften noch vor Ort, und auch Deutschlands THW-Präsidentin Sabine Lackner lobte: „Die großflächigen Zerstörungen, die vielen Vermissten und das tropische Klima im venezolanischen Katastrophengebiet haben unsere Einsatzkräfte vor große Herausforderungen gestellt. Als Botschafterinnen und Botschafter für unser Land haben sie erneut bewiesen, dass Deutschland weltweit Menschen in Not tatkräftig hilft“.
Wer dem THW beitreten und mithelfen möchte, sei herzlich eingeladen. Über Instagram oder per E-Mail kann Kontakt aufgenommen werden, beispielsweise auch beim Ortsverband Hünfeld (@thw_ov_huenfeld). Renz betont: „Nicht jeder THWler muss ins Ausland – jeder kann uns unterstützen. Ich sage immer, wenn mich ein Banker fragt, was wir mit ihm anfangen können: Alles. Man muss keine Vorkenntnisse haben“.
Mehr Infos, auch zum Einsatz in Venezuela, gibt es unter https://www.thw.de/SharedDocs/Dossiers/DE/Ausland/dossier_venezuela.html und https://story.thw.de/venezuela#bergungseinsatz.
