Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie beschreibt, unter welchen Bedingungen Reallabore in der Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungsforschung gut funktionieren. An dem Papier, das in der Ständigen Senatskommission zur Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) entstand, wirkte Professorin Dr. Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda maßgeblich mit. Sie gehört der Kommission seit ihrer Einrichtung im Januar 2024 an und ist stellvertretende Sprecherin.
„Reallabore sind ein gemeinsames Testfeld. Forschende entwickeln Fragestellungen zusammen mit den Menschen, die es betrifft, probieren Lösungen aus und lernen Schritt für Schritt, was funktioniert und was nicht“, erklärt die Fuldaer Ernährungssoziologin. Wissenschaft, Landwirtschaft, Unternehmen, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft arbeiteten dabei gemeinsam an Lösungen. Als Beispiele nennt sie neue Anbau- und Vermarktungswege für Hülsenfrüchte oder Konzepte für eine gesündere und nachhaltigere Verpflegung in Kitas, Schulen und Krankenhäusern.
Die DFG-Kommission weist in ihrer Stellungnahme jedoch auch darauf hin, dass Reallabore mehr Zeit und verlässliche Rahmenbedingungen benötigen als klassische Forschungsprojekte. Kooperation, Abstimmung und Vertrauen entstünden nicht über Nacht. „Kurzfristige Projektlaufzeiten und die üblichen wissenschaftlichen Anreizsysteme erweisen sich als wenig geeignet für Reallabore“, sagt Rückert-John. „Wenn wir wollen, dass Lösungen im Alltag ankommen, müssen Reallabore langfristig ermöglicht werden und die aufwendige Arbeit in solchen Kooperationen muss anerkannt werden.“
Die Kommission empfiehlt deshalb langfristige Förderperspektiven von mindestens zehn Jahren. Zudem solle die Finanzierung nicht ausschließlich über klassische Wissenschaftsprogramme erfolgen, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam getragen werden. „Die Transformation unserer Agrar- und Ernährungssysteme ist eine Aufgabe, die wir nur gemeinsam stemmen können. Reallabore brauchen dafür verlässliche Strukturen und eine Finanzierung, die diesem Anspruch gerecht wird“, so Rückert-John.
Mit ihrer Stellungnahme möchte die DFG dazu beitragen, Forschung und Praxis künftig noch enger miteinander zu verzahnen. „Forschung findet häufig unter kontrollierten Bedingungen im Labor oder in klassischen Versuchsaufbauten statt. Reallabore bringen sie in den Alltag, wo viele Faktoren gleichzeitig wirken. Nur hier zeigt sich, ob sich neue Ansätze tatsächlich umsetzen lassen“, betont die Fuldaer Professorin.
Die Ständige Senatskommission zur Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen (SKAE) berät Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu Entwicklungen im Bereich der Agrar- und Ernährungssysteme. Der Kommission gehören derzeit 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen sowie ständige Gäste aus Forschungsinstitutionen an.
