Die Premiere liegt erst wenige Tage zurück, trotzdem spricht Brammer bereits mit einer erstaunlichen Gelassenheit über diesen besonderen Sommer. Das war nicht immer so. Vor den ersten Vorstellungen war da vor allem Respekt. „Ich hatte ein wenig Bammel, dass es zu überwältigend wird“, erzählt er. Die Stiftsruine ist eben keine gewöhnliche Bühne. Ihre Größe, ihre Offenheit und die besondere Atmosphäre können einschüchtern. Dass die Generalprobe bereits vor Publikum stattfand, habe ihm deshalb enorm geholfen. Trotzdem sei die Nervosität riesig gewesen.
In dieser Situation war es Regisseur Michael Schachermaier, der ihm einen Satz mit auf den Weg gab, den Brammer bis heute in jeder Vorstellung mit sich trägt. „Michael hat gesagt: ,Ich soll loslassen, genießen und einfach passieren lassen, was passiert.‘“ Genau das sei schließlich gelungen. Nach dem Schlussapplaus habe er deshalb gar nicht sofort beurteilen können, ob der Abend nun besonders gut oder vielleicht weniger gut gewesen sei. Er habe den Moment einfach erlebt.
Überhaupt spricht Brammer auffallend selten von sich allein. Immer wieder lenkt er den Blick auf die Menschen um ihn herum. Auch deshalb möchte er gar nicht von „seinem" Parzival sprechen. „Als Rolle ist mir aufgefallen, dass er ein großes Geschenk ist. Man darf eine große Bandbreite an Mensch darstellen“, sagt er. Doch gleich darauf schiebt er hinterher: „Das ist gar nicht mein Parzival, sondern unser. Der von Michael und mir – unsere Vorstellung. Und irgendwie auch von allen. Alle vom Ensemble spielen mit dieser Rolle.“ Gerade dadurch bekomme die Figur Farben, auf die er selbst niemals gekommen wäre. „Wie die Truppe mich da auch durchschleift, das macht einfach Bock. Da kann man abschalten und genießen – dank der anderen.“
Dieses Gemeinschaftsgefühl zieht sich durch den gesamten Festspielsommer. Brammer erzählt weniger von sich als von den Menschen hinter den Kulissen. Von Kolleginnen und Kollegen, von der Maske, der Technik oder den Werkstätten. Besonders eine Situation ist ihm bis heute im Kopf geblieben. Für eine Szene wurde kurzfristig eine neue Ritterrüstung benötigt. „Da hat jemand hinter der Bühne bis nachts um vier gesessen, damit wir am nächsten Tag wieder eine neue haben“, erzählt er. „Da denkt man einfach nur: Wow.“ Genau das sei Theater für ihn. „Es wird alles einfacher, wenn man mit Menschen unterwegs ist, die so toll sind. Wir sind ein Team und alle sind immens wichtig.“
Natürlich gibt es auch Momente, in denen auf der Bühne längst nicht alles nach Plan läuft. Einer davon bringt Brammer heute noch zum Lachen. In einer Szene bewundert Parzival den Roten Ritter und dessen Pferd. Feierlich schaut er das Tier an und sagt: „Eine wahre Schönheit.“ Ausgerechnet in diesem Moment erleichterte sich das Pferd mitten auf der Bühne. „Da musste ich wirklich sehr lachen“, erzählt Brammer grinsend. Genau solche Augenblicke seien das Schöne am Theater. Kein Abend sei wie der andere.
Auch die Figur Parzival lebt davon, dass sie eben nicht perfekt ist. Viele würden den jungen Ritter zunächst für naiv halten. Brammer widerspricht entschieden. „Der ist ja nicht dumm. Sobald er Sachen erfährt, lernt er relativ schnell und versteht sie.“ Das eigentliche Problem sei, dass ihm von seiner Mutter viele Dinge vorenthalten wurden. „Am Anfang fehlen ihm einfach die Informationen.“ Genau deshalb sei seine Naivität keine Dummheit, sondern eine Form von Unschuld. „Das Wissenswollende ist wichtig“, sagt Brammer. „Diese Unschuld ist bei ihm so spannend, weil sie auch etwas Brutales hat.“
Gerade diese Mischung habe ihn während der Proben besonders beschäftigt. Wie spielt man einen Menschen, der alles entdecken möchte, ohne dass er dabei nervt oder lächerlich wirkt? „Sich immer wieder auf Null setzen und immer wieder wissen wollen“, beschreibt Brammer seinen Zugang zur Figur. „Das ist die Herausforderung.“
Dabei entdeckt er durchaus Parallelen zu sich selbst. Beide verbinde eine große Neugier. Erst vor Kurzem habe er an einem Schauspielworkshop teilgenommen. Dort sei ihm bewusst geworden: „Es gibt keinen Menschen mit einer langweiligen Lebensgeschichte.“ Genau diese Offenheit für andere Menschen finde er auch bei Parzival wieder. Gleichzeitig gebe es aber einen entscheidenden Unterschied. „Er hat einen größeren Aktionismus. Einfach mal machen. Da bin ich häufig zögerlicher und denke länger nach.“ Parzival glaube zunächst, alles erreichen zu können. „Da bin ich häufiger von Selbstzweifeln geplagt. Da wünsche ich mir manchmal etwas von ihm.“
Im Verlauf des Stückes verändert sich diese Unbeschwertheit allerdings grundlegend. Für Brammer liegt der eigentliche Wendepunkt in einer Szene ganz am Ende. Dort erfährt Parzival vom Tod seiner Mutter. „Die kostet viel Kraft“, sagt der Schauspieler. „Die geht nicht spurlos an mir vorüber.“ In diesem Augenblick verstehe Parzival zum ersten Mal, worum es eigentlich geht. „Da begreift er, dass er für diesen äußerlichen Anspruch – Ritter sein zu wollen – den letzten liebenden Menschen verloren hat.“
Von diesem Moment an verliere die Ritterrüstung ihre Bedeutung. Der Titel, die Anerkennung, der Ruhm – all das werde plötzlich nebensächlich. „Für mich geht es unbedingt um Menschwerdung“, sagt Brammer. Der Gral sei deshalb weit mehr als ein geheimnisvoller Kelch. „Es geht um Empathie und ich selbst sein dürfen.“ Eigentlich suche Parzival etwas ganz anderes. „Er sucht die ganze Zeit dieses Loslassen können und die Freiheit, für die Menschen wirklich da sein zu können.“
Vielleicht ist genau deshalb auch das Scheitern so wichtig. Parzival macht Fehler. Immer wieder. Er trifft falsche Entscheidungen, versteht Situationen falsch und muss mit den Konsequenzen leben. Für Brammer liegt gerade darin die größte Stärke der Geschichte. „Wir hangeln uns von Scheitern zu Scheitern“, sagt er. „Das zu akzeptieren, macht ihn ja auch sympathisch.“
Dass ihn dieses Thema so beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Auch als Schauspieler habe er erlebt, wie wertvoll Fehler sein können. Während der Proben habe er einmal Requisiten vergessen. „Durch das Scheitern vergesse ich das nicht wieder. Das brennt sich ganz anders ein, als wenn immer alles glatt läuft.“ Genau deshalb sei Scheitern nichts Negatives. Es gehöre zur Entwicklung dazu – auf der Bühne genauso wie im Leben.
Auch körperlich verlangt Parzival ihm einiges ab. Vor jeder Vorstellung hat Brammer deshalb sein festes Ritual. Er dehnt sich, bringt den Körper in Bewegung und spielt Basketball. „Ich habe lange Basketball gespielt. Da merkt der Körper: Jetzt kommt was.“ Die Rolle sei anstrengend, besonders bei sommerlichen Temperaturen in der Stiftsruine. Gleichzeitig helfe genau diese körperliche Belastung. „Man schaltet den Kopf aus und kommt in so einen Rausch.“ Den spüre er allerdings häufig noch am nächsten Tag.
Dass die Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Schachermaier so gut funktioniert, führt Brammer vor allem auf Vertrauen zurück. „Er schafft wirklich einen angstfreien Raum, wo man viel ausprobieren kann.“ Das sei ein großes Geschenk. „Da durfte ich viel scheitern.“ Stundenlang hätten beide über Szenen gesprochen. „Ich konnte ihn immer anrufen.“ Es sei nie darum gegangen, möglichst schnell eine Lösung zu finden. Vielmehr habe man gemeinsam nach dem richtigen Weg gesucht. „Es war zwischen uns immer sehr empathisch und menschlich.“
Auch die Aufmerksamkeit nach der Premiere nimmt Brammer durchaus wahr. Kritiken lese er schon. „Das interessiert mich schon sehr, was andere Leute dazu sagen.“ Am wichtigsten sei für ihn aber eine ganz andere Rückmeldung gewesen. „Michael hat nach der Premiere gesagt, es war eine Punktlandung und er ist stolz auf mich.“ Mehr habe er eigentlich nicht gebraucht. Auch seine Familie und seine Freundin hätten sich über die Aufführung gefreut.
Neben den Festspielen sorgte zuletzt noch eine weitere Nachricht für Aufmerksamkeit. Kurzfristig ging es für Brammer nach Paris – wegen eines internationalen Filmprojekts. „Das war ganz schön“, sagt er bescheiden. Viel organisieren musste er dafür allerdings nicht. „Das hat meine Freundin alles für mich übernommen.“ Für Brammer war es bereits die zweite Hollywood-Produktion, an der er in diesem Jahr mitwirkte. Mit wem er dabei gemeinsam vor der Kamera stand, dürfe er derzeit noch nicht verraten. „Das ist noch geheim“, sagt er. Die Erfahrung sei für ihn aber „sehr aufregend“ gewesen.
Wenn Brammer über Erfolg spricht, denkt er ohnehin nicht zuerst an große Rollen oder Schlagzeilen. Noch vor einiger Zeit wurde sein Vertrag am Theater Freiburg nicht verlängert. „Das tat auch weh“, sagt er offen. Heute blickt er anders darauf. Gerade Bad Hersfeld habe ihm gezeigt, dass sich Umwege lohnen können. Ein Freund habe ihm einmal einen Satz mitgegeben, den er bis heute nicht vergessen hat: „Ein Sargdeckel kann auch ein Sprungbrett sein.“ Genau dieses Gefühl nehme er aus diesem Sommer mit.
Und wann wäre dieser Festspielsommer für ihn wirklich gelungen? Die Antwort kommt ohne Zögern. Natürlich freue man sich über volle Zuschauerreihen. Noch wichtiger sei aber etwas anderes. „Wenn wir Spaß haben und die Zuschauer etwas mitnehmen – einen Gedanken oder eine Frage, was der Gral für sie ist.“ Dann lächelt er. „Wenn da ein Mensch sitzt, in dem wir etwas bewegen, dann haben wir alles erreicht.“
Vielleicht beschreibt genau dieser Satz auch Parzival selbst am besten. Nicht als Rittergeschichte. Nicht als Suche nach einem geheimnisvollen Kelch. Sondern als Geschichte über Menschen, die Fehler machen, scheitern, weitergehen – und dabei irgendwann herausfinden, wer sie wirklich sind. In Bad Hersfeld erzählt Thieß Brammer genau diese Geschichte. Und gerade deshalb wirkt sie nach mehr als 800 Jahren erstaunlich gegenwärtig.
