Lokales FD 16.07.2026

Ein Jahr Fulda – Wie aus einer fremden Stadt ein Stück Heimat wurde

Fulda – Von Silas Messing – Vor einem Jahr war Fulda für mich vor allem eines: ein neuer Arbeitsort. Eine Stadt, die ich aus den Ansagen im ICE kannte, die ich mit dem Dom, barocker Architektur und Geschichte verband, aber nicht mit eigenen Erinnerungen. Ich kam nach Osthessen, weil mein beruflicher Weg mich hierher führte: Das Volontariat bei der Osthessen-Zeitung sollte der erste Schritt auf meinem Weg als Journalist werden. Eine neue Redaktion, neue Aufgaben, neue Menschen – und gleichzeitig die Frage, die wohl jeder kennt, der einen vertrauten Ort verlässt: Wie wird das wohl werden?

Zahlreiche Eindrücke aus einem Jahr, das aus einer fremden Region ein Stück Heimat machte. Silas Messing mit seiner Mama Melanie. Fotos: Privat.

„Denn wo immer wir auch landen, in welcher Hafenbar wir stranden. Welche Gipfel wir erklimmen, irgendwann hören wir die Stimmen. Kommt zurück, wo ihr auch sein magt. Kommt nach Fulda in die Heimat. Da wo Rhön und Kreuzberg locken. Für euch läuten hier die Glocken.“ Die Mambo Kingx besingen in „Heimat“ genau das Gefühl, das Fulda ausstrahlt – und das man erst versteht, wenn man bleibt.

Damals konnte ich nicht wissen, dass dieser Schritt nicht nur meinen Arbeitsplatz verändern würde, sondern auch meinen Blick auf eine ganze Region. Denn eine Stadt lernt man nicht durch ihre Sehenswürdigkeiten kennen. Man versteht sie erst durch die Menschen, die sie prägen. Durch diejenigen, die Veranstaltungen organisieren, Vereine am Leben halten, Unternehmen führen, politische Entscheidungen treffen oder einfach jeden Tag dafür sorgen, dass eine Gemeinschaft funktioniert.

Der erste Schritt – Ankommen in einer fremden Stadt

Wenn man irgendwo neu anfängt, denkt man zunächst an die großen Veränderungen. An den neuen Arbeitsplatz, die neuen Aufgaben, die neue Umgebung. Doch tatsächlich sind es die kleinen Dinge, die einen neuen Alltag prägen. Der erste Weg zur Arbeit. Der erste Einkauf in einer unbekannten Stadt. Das erste Gespräch mit Menschen, deren Namen man sich noch merken muss. Es sind diese unscheinbaren Momente, in denen aus etwas Fremdem langsam etwas Vertrautes entsteht.

So begann mein erstes Kapitel. Mit einem Umzug, einem ersten Arbeitsplatz und vielen offenen Fragen. Schlitz wurde mein neuer Ausgangspunkt. Nicht Fulda selbst, sondern eine kleinere Stadt wenige Kilometer entfernt. Von dort führte mich jeden Morgen der Weg in die Redaktion der Osthessen-Zeitung. Eine Strecke, die heute selbstverständlich ist, am Anfang aber jedes Mal ein kleines Stück Orientierung bedeutete. Welche Straße nehme ich? Wo muss ich abbiegen? Wie komme ich am schnellsten durch den Verkehr?

Auch der erste Tag in der Redaktion bleibt. Dieses Gefühl, wenn man einen neuen Ort betritt und weiß: Hier beginnt etwas Neues. Man versucht, sich möglichst viele Namen zu merken, obwohl man genau weiß, dass ein Teil davon wenige Minuten später wieder weg ist. Man beobachtet Abläufe, hört zu und versucht herauszufinden, wie ein Team funktioniert. Wer ist für welches Thema zuständig? Wie entstehen die Geschichten, die am nächsten Morgen gelesen werden? Welche Themen bewegen die Menschen in dieser Region? Gerade im Journalismus sind diese Fragen entscheidend. Denn man kann nicht einfach in eine Stadt kommen und sofort verstehen, was die Menschen beschäftigt. Man muss zuhören, beobachten und sich langsam ein Bild machen.

Dabei wurde mir der Einstieg leichter gemacht, als ich es erwartet hatte. Die Kollegen begegneten mir offen und herzlich. Niemand vermittelte das Gefühl, dass ich mich erst beweisen müsse, bevor ich wirklich dazugehöre. Stattdessen wurde ich von Beginn an mitgenommen, bekam Unterstützung und konnte Fragen stellen. Gerade am Anfang sind solche Dinge entscheidend, denn ein neuer Arbeitsplatz besteht nicht nur aus Aufgaben und Abläufen. Er besteht vor allem aus Menschen.

Mit der Zeit wurden aus neuen Gesichtern vertraute Ansprechpartner. Aus Gesprächen über die Arbeit wurden Gespräche über den Alltag. Aus einem neuen Team wurde ein Umfeld, in dem man sich wohlfühlen konnte. Rückblickend war diese erste Phase vielleicht der wichtigste Grundstein für alles, was danach kam. Denn bevor man über eine Stadt berichten kann, muss man erst einmal selbst anfangen, in ihr anzukommen.

Die ersten eigenen Schritte: Schloss Fasanerie und der Ernst des Berufs

Mein erster wirklicher Kontakt mit Fulda außerhalb der Redaktion war das Genussfestival auf der Pauluspromenade. Zwischen Ständen, Essen, Musik und Besuchern bekam ich einen ersten Eindruck davon, wie die Menschen diese Stadt erleben. Noch war ich vor allem Beobachter. Es war noch keine große Erkenntnis. Aber es war ein erster Blick auf eine Stadt, die mehr ist als ihre Gebäude: Fulda zeigte sich als Ort, an dem Menschen zusammenkommen.

Wirklich spannend wurde es mit meinem ersten eigenen Termin: Schloss Fasanerie. „Zeitreise ins 18. Jahrhundert“ – Menschen in historischen Kleidern, Musik, Handwerkskunst, Kutschen. Für die Besucher ein schönes Erlebnis. Für mich ein wichtiger Schritt. Denn zum ersten Mal lag die Verantwortung vollständig bei mir. Kein Kollege, der danebenstand. Es war mein Termin, mein Interview, meine Geschichte.

Vor der Veranstaltung saß ich noch im Auto, Kamera und Notizblock neben mir. Eigentlich war alles vorbereitet. Und trotzdem gingen dieselben Gedanken durch den Kopf: Habe ich an alles gedacht? Funktioniert der Stift? Sind die Fotos gut genug? Mein Gesprächspartner war Andreas Clemens, der Organisator. Für ihn war es vermutlich ein normaler Pressetermin. Für mich war es der Moment, in dem ich zum ersten Mal wirklich spürte: Jetzt beginnt der journalistische Alltag.

Mit jeder Antwort wurde ich ruhiger. Irgendwann hörte ich auf, darüber nachzudenken, ob ich alles perfekt mache, und begann einfach zuzuhören. Genau diese Erfahrung begleitet mich bis heute: Gute Interviews entstehen nicht dadurch, dass man möglichst viele Fragen stellt. Sie entstehen dadurch, dass Menschen den Raum bekommen, ihre Geschichte zu erzählen.

Zurück in der Redaktion wartete die nächste Herausforderung: aus Notizen, Zitaten und Bildern einen Artikel schreiben. Mein erster eigener Text von einem Termin, den ich allein absolviert habe. Ich las ihn mehrfach. Änderte Formulierungen. Strich Sätze. Wahrscheinlich habe ich selten einen Artikel so oft kontrolliert wie diesen. Heute muss ich darüber schmunzeln. Damals war es die wichtigste Geschichte, die ich bis dahin geschrieben hatte. Denn es ging um den Moment, in dem aus Theorie Praxis wurde.

Mit diesem ersten Termin begann auch eine Erkenntnis, die mich durch mein gesamtes Jahr begleiten sollte: Journalismus bedeutet nicht, einfach irgendwo hinzugehen und aufzuschreiben, was passiert. Es bedeutet, Menschen kennenzulernen. Orte zu verstehen. Hinter die Oberfläche zu schauen. Jede Veranstaltung, jeder Verein, jedes Unternehmen und jede Begegnung erzählt etwas über eine Stadt. Man muss nur zuhören.

Der Moment, in dem die Stadt persönlich wurde

Wenn man neu nach Fulda kommt, zeigt sich die Stadt sofort – aber sie erklärt sich nicht sofort. Ich sah den Dom. Die barocken Fassaden. Das Stadtschloss. Geschichte an jeder Ecke. Und verstand nichts.

Verstanden habe ich erst, als die Orte anfingen, wehzutun oder gut zu tun. Als ich bei der Fastnacht im Schlossgarten stand, nass geschwitzt bis auf die Socken, und merkte: Das hier ist nicht „historische Anlage“. Das ist der Ort, an dem die halbe Stadt nach dem Umzug gemeinsam ihr Bier trinkt. Erst da begriff ich: In Fulda wird die Vergangenheit nicht wie ein Museum behandelt. Sie wird genutzt. Sie lebt mitten im Alltag.

Der Dom wurde für mich erst Dom, als ich beim Hessentag sah, wie 10.000 Menschen davor tanzen. Da stand er nicht mehr abseits. Er war mittendrin. Die Fulda-Aue wurde erst Fulda-Aue, als ich nach einem 12-Stunden-Tag dort auf einer Bank saß und zum ersten Mal seit Wochen fünf Minuten lang an nichts dachte. Es sind keine spektakulären Momente. Aber genau solche Orte machen eine Stadt vertraut.

Ich habe Fulda nicht verstanden, als mir jemand die Orangerie erklärt hat. Sondern als ich bei einer Fastnachtssitzung dort saß, die Witze nicht verstand und trotzdem merkte: Die Leute hier meinen es ernst mit ihrem Humor. Ich habe die Stadt nicht verstanden, als mir jemand sagte, die Hochschule bringe junge Leute. Sondern als ich nachts um zwei mit einem Studenten an der Tankstelle sprach, der nicht nach Hause, sondern in die Bib wollte. Plötzlich war klar: Die Hochschule ist nicht nur eine Zahl in der Stadtinfo. Sie ist der Grund, warum diese Stadt nachts um zwei noch nicht schläft.

Neue Cafés, Geschäfte, der Bilderfuchs – ich habe sie nicht besucht, weil sie „die Entwicklung der Innenstadt“ zeigen. Sondern weil ein Gesprächspartner sagte: „Triff mich da, der Kuchen ist gut.“ So wurde aus Stadtentwicklung mein Stammplatz. Und ich begriff: Kultur findet hier nicht nur auf großen Bühnen statt. Sie entsteht in kleinen Räumen, durch Leute, die es einfach machen.

Natürlich diskutiert Fulda. Über den Einzelhandel, über Bauvorhaben, über alles. Am Anfang dachte ich: Die reden viel. Heute weiß ich: Die reden, weil es ihre Stadt ist. Gleichgültigkeit ist leise. Streit ist laut, aber ehrlich. Vielleicht ist das der Unterschied zu vielen Großstädten: In Fulda wird man irgendwann erkannt. Man bleibt nicht anonym. Aus einem Gespräch wird eine Verbindung, aus einer Verbindung eine Geschichte. Die Stadt ist klein genug für Begegnungen, aber groß genug, dass dir nie die Geschichten ausgehen.

Die Wasserkuppe war für mich erst ein Termin: Paragliding-WM. Fotos, Zitate, ab dafür. Persönlich wurde sie Monate später, als ich nach einem beschissenen Tag einfach hochfuhr, oben im Wind stand und zum ersten Mal dachte: Okay. Hier kann ich bleiben. Da verstand ich: Fulda endet nicht an der Stadtgrenze. Die Stadt ist nur so stark, weil die Region sie trägt.

Zwischen Blaulicht, Politik und der Verantwortung, Geschichten richtig zu erzählen

Als ich nach Fulda kam, dachte ich vor allem an eines: schreiben. Doch erst dieses erste Jahr hat mir gezeigt, welche Verantwortung hinter diesem Beruf steckt. Nicht nur dann, wenn es um schöne Geschichten geht, um Eröffnungen oder Veranstaltungen. Sondern vor allem dann, wenn es schwierig wird. Wenn Menschen betroffen sind. Wenn hinter einer Nachricht plötzlich ein persönliches Schicksal steht.

Gerade die Blaulichtberichterstattung hat mir eine andere Seite dieser Region gezeigt. Man kommt an, sieht Blaulichter, Einsatzkräfte und eine Situation, die Minuten zuvor passiert ist. Gleichzeitig muss man sich bewusst machen: Für die Menschen dort ist das kein journalistischer Termin. Es ist ihr Leben, das sich in diesem Moment verändert hat. Man lernt, vorsichtiger mit Worten umzugehen. Man lernt, dass Geschwindigkeit wichtig sein kann, aber niemals wichtiger als der Respekt gegenüber den Menschen, über die man berichtet. Vielleicht war genau das eine der wichtigsten Erfahrungen: Ich habe gelernt, zuzuhören, bevor ich urteile.

Man sieht, wie professionell Feuerwehrleute, Rettungsdienste, Polizei und THW arbeiten. Gleichzeitig sieht man die menschliche Seite: Angehörige, die warten, Betroffene, die plötzlich aus ihrem Alltag gerissen werden, und Einsatzkräfte, die nach schwierigen Situationen trotzdem weitermachen. Hinter jeder Einsatzmeldung steckt mehr als eine Uhrzeit oder eine Zahl. Es stecken Menschen dahinter.

Einige Ereignisse haben sich besonders eingeprägt. Der Hackerangriff auf ein Autohaus, die Auseinandersetzungen rund um ein Fußballspiel in der Johannisau oder Einsätze, bei denen die ersten Informationen noch unvollständig waren. Gerade solche Situationen zeigen, wie wichtig saubere journalistische Arbeit ist. Während in sozialen Medien oft innerhalb weniger Minuten Vermutungen entstehen, beginnt die eigentliche Arbeit erst dann: Fakten prüfen, Informationen einordnen, verschiedene Perspektiven hören und eine Geschichte fair erzählen. Es ist einfach, schnell eine Meinung zu haben. Schwieriger ist es, eine Geschichte richtig zu erzählen.

Eine der prägendsten Geschichten war der Blick auf das ehemalige Goodyear-Werk – die „Gummi“. Auf den ersten Blick geht es um alte Hallen. Doch je intensiver man sich mit diesem Ort beschäftigt, desto deutlicher wird: Es geht um Erinnerungen. Um Menschen. Um Arbeitsplätze. Um einen Teil der Geschichte dieser Stadt. Wer mit ehemaligen Beschäftigten spricht, merkt schnell, dass die „Gummi“ für viele nicht einfach nur ein Arbeitsplatz war. Es war ein Ort, an dem Generationen gearbeitet haben, an dem Freundschaften entstanden sind. Manchmal erzählen Orte ihre Geschichten, bevor überhaupt ein einziger Satz geschrieben ist.

Auch die politische Berichterstattung hat meinen Blick verändert. Vor meinem Volontariat hätte ich Politik vielleicht stärker mit Sitzungen und Beschlüssen verbunden. Heute weiß ich: Politik besteht vor allem aus Menschen. Im vergangenen Jahr durfte ich viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister begleiten. Benjamin Tschesnok in Hünfeld, Claudia Brandes in Petersberg, viele weitere Verantwortliche in anderen Gemeinden und die Menschen, die täglich versuchen, ihre Orte weiterzuentwickeln. Dabei wurde deutlich: Egal, ob große Stadt oder kleine Gemeinde – am Ende geht es immer um dieselben Fragen. Wie bleibt ein Ort lebenswert? Wie entwickelt er sich weiter?

Besonders spannend waren die Begegnungen mit der Stadtspitze Fuldas. Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, Bürgermeister Dag Wehner und Stadtbaurat Daniel Schreiner. Im persönlichen Gespräch merkt man schnell, dass hinter diesen Funktionen Menschen stehen, die ihre Stadt gestalten möchten. Dabei ist journalistische Nähe immer eine Balance. Sympathie darf niemals die Berichterstattung beeinflussen. Gleichzeitig entsteht guter Journalismus aber auch durch Vertrauen. Menschen erzählen ihre Geschichten nicht, wenn sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden.

Eine besondere Erinnerung bleibt die Teilnahme an der Bischofskonferenz. Dieser Termin war nicht nur journalistisch außergewöhnlich, sondern hatte auch persönlich eine Bedeutung. Meine Oma war unglaublich stolz und aufgeregt, dass ich dabei sein durfte. Solche Momente zeigen, dass Journalismus manchmal mehr ist als nur ein Beruf.

Nach diesem ersten Jahr hat sich mein Blick auf Journalismus verändert. Am Anfang habe ich Termine gesehen. Heute sehe ich Geschichten. Am Anfang habe ich Orte gesehen. Heute sehe ich Menschen. Ein Feuerwehrhaus ist nicht mehr nur ein Gebäude. Es ist ein Ort voller Menschen, die Verantwortung übernehmen. Ein Rathaus ist nicht nur Verwaltung. Es ist ein Ort, an dem Entscheidungen getroffen werden, die das Leben anderer beeinflussen. Ein Sportplatz ist nicht nur ein Spielfeld. Er ist ein Treffpunkt, an dem Gemeinschaft entsteht.

Wann wurde Fulda eigentlich Heimat?

Es gibt keinen bestimmten Moment, in dem eine Stadt plötzlich Heimat wird. Keinen einzelnen Tag, keinen besonderen Termin, bei dem man sagen kann: Genau hier ist es passiert. Heimat entsteht leise. Oft merkt man es erst, wenn man zurückblickt und feststellt, dass aus fremden Straßen vertraute Wege geworden sind, aus unbekannten Gesichtern bekannte Menschen und aus einzelnen Erlebnissen Erinnerungen, die untrennbar mit einem Ort verbunden sind.

Vor einem Jahr bin ich nach Fulda gekommen. Nicht, weil ich diese Stadt schon kannte. Ich kam nicht mit Lieblingsorten oder einem festen Freundeskreis. Mein Grund war ein beruflicher: Mein Volontariat bei der Osthessen-Zeitung. Die Stadt war zunächst der Ort, an dem mein neuer Alltag begann. Ein Arbeitsplatz. Ein unbekannter Abschnitt meines Lebens.

Heute, ein Jahr später, verbinde ich mit Fulda nicht mehr nur meinen Beruf. Ich verbinde diese Stadt mit Menschen, Begegnungen und Momenten, die geblieben sind. Natürlich gehören die vielen Artikel dazu, die Termine, die Veranstaltungen. Aber wenn ich zurückblicke, denke ich nicht zuerst an Überschriften. Ich denke an die Augenblicke dazwischen. An Gespräche nach einem Termin. An Menschen, die sich Zeit genommen haben.

Vielleicht beginnt Heimat genau dort: Wenn aus Erlebnissen Erinnerungen werden. Die Wasserkuppe, der Schlossgarten, das Stadtschloss, die Orangerie und der Dom waren am Anfang Sehenswürdigkeiten, die man betrachtet. Nach einem Jahr sind sie verbunden mit persönlichen Geschichten. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Besucher und jemandem, der beginnt, eine Stadt wirklich zu verstehen. Ein Besucher sieht Gebäude. Wer länger bleibt, sieht Geschichten.

Die größte Erkenntnis dieses Jahres war deshalb nicht, wie schön Fulda ist. Das merkt man schnell. Die eigentliche Erkenntnis war, wie sehr diese Stadt von ihren Menschen lebt. Der Dom, das Schloss und die barocke Innenstadt prägen das Bild. Aber das eigentliche Herz dieser Stadt schlägt an vielen anderen Orten: in Feuerwehrhäusern, auf Sportplätzen, in Vereinsheimen, bei Veranstaltungen und überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.

Es sind diese Menschen, die aus einem Ort mehr machen als eine Ansammlung von Straßen und Gebäuden. Ehrenamtliche, die nach Feierabend Zeit investieren. Musiker, die mit Leidenschaft auf Bühnen stehen. Sportler und Trainer, die Woche für Woche für ihren Verein arbeiten. Viele dieser Begegnungen wären vielleicht auf den ersten Blick keine großen Geschichten gewesen. Doch genau diese Geschichten haben mein Bild von Fulda geprägt.

Auch die Redaktion ist ein wichtiger Teil dieser Entwicklung. Ich hatte das Glück, in ein Team zu kommen, das mich aufgenommen, gefordert und unterstützt hat. Ein Team, in dem Fragen erlaubt sind, in dem Kritik dazugehört und in dem man gemeinsam besser werden möchte. Gerade für einen jungen Journalisten ist das entscheidend. Diesen Beruf lernt man nicht nur durch Schreiben. Man lernt ihn durch Gespräche, durch Erfahrungen und durch Menschen, die bereit sind, Wissen weiterzugeben.

Natürlich war dieses Jahr nicht immer einfach. Ein neuer Ort bedeutet auch Unsicherheit. Es gab Momente, in denen vieles ungewohnt war. Tage, an denen Fehler passiert sind. Thieß Brammer, Hauptdarsteller der Bad Hersfelder Festspiele, sagte in einem persönlichen Interview zu mir: „Durch das Scheitern vergesse ich das nicht wieder. Das brennt sich ganz anders ein, als wenn immer alles glatt läuft.“ Genau diese Erfahrungen gehören dazu. Heimat entsteht nicht dadurch, dass alles perfekt läuft. Sie entsteht dadurch, dass man einen Ort mit seinen Stärken und Schwächen kennenlernt und trotzdem eine Verbindung aufbaut.

Denn Fulda ist nicht perfekt. Und genau deshalb ist diese Stadt interessant. Sie liebt ihre Geschichte, diskutiert über Veränderungen und versucht, Tradition und Zukunft miteinander zu verbinden. Manchmal werden Dinge ausführlich besprochen. Manchmal braucht Veränderung Zeit. Doch genau diese Eigenschaften geben einer Stadt ihren Charakter.

Wenn ich heute auf mein erstes Jahr zurückblicke, sehe ich deshalb nicht nur einen beruflichen Abschnitt. Ich sehe eine Entwicklung. Aus Unsicherheit wurde Routine. Aus Fremdheit wurde Vertrautheit. Aus einem Arbeitsplatz wurde ein Ort, mit dem ich viele persönliche Erinnerungen verbinde.

Ich denke an den ersten eigenen Termin auf Schloss Fasanerie und die Nervosität vor dem ersten Interview. Ich denke an die großen Momente beim Hessentag, als eine ganze Stadt gezeigt hat, was in ihr steckt. Ich denke an die Fastnacht, an die Bühnen der Region, an die Bad Hersfelder Festspiele, an Sportplätze, Vereinsheime und Gespräche mit Menschen, deren Geschichten vielleicht nicht immer die größten Schlagzeilen waren, aber trotzdem wichtig waren. Ich denke an die Stille im ehemaligen Goodyear-Werk und an die Lautstärke des Domplatzes bei großen Veranstaltungen. Ich denke an die Rhön und an die vielen kleinen Begegnungen, die dieses Jahr geprägt haben.

Vor einem Jahr kannte ich Fulda kaum. Heute kenne ich die Wege durch die Stadt, kenne Gesichter, Stimmen und Geschichten. Ich weiß, wie sich Fulda verändert, wenn Fastnacht beginnt. Ich weiß, wie laut das Stadion bei einem Großereignis werden kann. Ich weiß, wie viel Leidenschaft in den Vereinen dieser Region steckt und wie viel Geschichte in Orten verborgen liegt, die man auf den ersten Blick vielleicht übersieht.

Vor allem aber weiß ich, dass Heimat nicht zwingend der Ort ist, an dem man geboren wurde. Heimat kann auch der Ort sein, an dem Menschen dafür sorgen, dass man bleiben möchte.

Danke, Fulda. Danke für ein Jahr voller Begegnungen, Geschichten und Erfahrungen. Danke für offene Türen, ehrliche Gespräche und Menschen, die aus einem neuen Arbeitsplatz etwas gemacht haben, das viel größer geworden ist.

Diese Stadt ist nicht perfekt. Aber vielleicht wäre sie genau deshalb nicht dieselbe. Sie lebt von ihrer Geschichte, diskutiert über ihre Zukunft, bewahrt ihre Traditionen und wagt gleichzeitig neue Wege.

Vor einem Jahr bin ich nach Fulda gekommen, um hier zu arbeiten.
Heute fahre ich nicht mehr einfach zur Arbeit.
Heute fahre ich nach Fulda.
Und genau darin liegt der Unterschied.

 

 

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Ein Jahr Fulda aus der Sicht von Silas Messing. Fotos: Privat.