Lokales FD 08.07.2026

Dreijährige Provenienzforschung: Fasanerie gibt Kunstwerke zurück

Eichenzell (pm/sim) – Das Museum Schloss Fasanerie hat die Ergebnisse eines dreijährigen Provenienzforschungsprojekts vorgestellt, in dessen Rahmen die Kunstsammlung der Kulturstiftung des Hauses Hessen systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut überprüft wurde. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt lief vom 1. Oktober 2022 bis zum 30. September 2025.

Jan van de Cappelle: Hafenszene mit großem Segelschiff, Ol auf Leinwand, um 1660. Aus der Kunstsammlung von Albert von Goldschmidt-Rothschild. Im Juni 2026 durch die Kulturstiftung des Hauses Hessen an die Nachfahren des jüdischen Sammlers restituiert. Fotos: Kulturstiftung des Hauses Hessen

Pfeilerschränkchen aus der Werkstatt von David Roentgen, um 1775. Aus der Kunstsammlung von Rudolf von Goldschmidt-Rothschild. Im Juni 2026 durch die Kulturstiftung des Hauses Hessen an die Nachfahren des jüdischen Sammlers restituiert.

Chinesische Vase mit „Modeldekor", China, Jingdezhen, Qing-Dynastie 1662-1722. Aus der Kunstsammlung des Kölner Industriellen Ottmar Edwin Strauss. Im Juni 2026 durch die Kulturstiftung des Hauses Hessen an die Nachfahren des jüdischen Sammlers restituiert.

Philipp Prinz von Hessen bei der Einweihung des Landgrafenmuseums in Kassel im Mai 1935.

Ziel des Forschungsprojekts war es, Kunst- und Kulturgüter aus dem Sammlungsbestand der Kulturstiftung des Hauses Hessen erstmals systematisch auf mögliche NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 zu untersuchen. Im Fokus standen Erwerbungen von Philipp Prinz von Hessen sowie seines Zwillingsbruders Wolfgang Prinz von Hessen. Das Projekt zählt damit zu den bislang seltenen Beispielen, bei denen eine große Privatsammlung freiwillig auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut überprüft wurde.

Im Rahmen des Projekts untersuchte der Kunsthistoriker Sven Pabstmann insgesamt 200 Sammlungsobjekte auf ihre Herkunft und bewertete ihren jeweiligen Provenienzstatus. Damit wurde die ursprünglich vorgesehene Zahl von rund 160 zu überprüfenden Objekten deutlich überschritten. Die höhere Anzahl ergab sich insbesondere durch die Auswertung zahlreicher Auktionskataloge, vor allem der Kunsthandlung Hugo Helbing in Frankfurt am Main.

Durch die Provenienzrecherchen konnten zahlreiche Erwerbungen aus der Zeit des Nationalsozialismus im heutigen Museumsbestand identifiziert werden. Dabei gelang es, bislang unbekannte oder nicht erkannte Erwerbungszusammenhänge aufzuklären und konkrete Vorprovenienzen zu rekonstruieren.

Besonders hervorzuheben ist die Zahl der Sammlungsobjekte, deren Provenienz nach heutigem Forschungsstand als NS-verfolgungsbedingt belastet einzustufen ist. Über die bereits zu Projektbeginn bekannten elf vermutlich belasteten Objekte aus den Sammlungen Rudolf von Goldschmidt-Rothschild und Ottmar Strauss hinaus konnten 19 weitere Objekte aus dem Besitz von vier bislang weitgehend unbekannten jüdischen beziehungsweise als jüdisch verfolgten Vorbesitzern identifiziert werden. Bei diesen ließ sich ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nachweisen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen.

Nach aktuellem Forschungsstand gelten insgesamt 30 Objekte aus dem früheren Besitz von sechs jüdischen beziehungsweise als jüdisch verfolgten Vorbesitzern als NS-verfolgungsbedingt belastet und damit restitutionsrelevant. Für mindestens sechs weitere Objekte bestehen gewichtige Verdachtsmomente auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug. Sie wurden daher als bedenklich eingestuft und sollen weiter erforscht werden.

Mit den Nachfahren des Kölner Sammlers Ottmar Strauss sowie der Familie Goldschmidt-Rothschild wurden in den vergangenen Monaten Rückgabeverhandlungen geführt. Diese konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Mit den von den Erben beauftragten Anwaltskanzleien wurden drei Restitutionsvereinbarungen geschlossen, auf deren Grundlage das Museum Schloss Fasanerie in diesem Sommer insgesamt 24 Objekte an die Berechtigten zurückgeben wird.

„Die Ergebnisse des Projekts sind für mich auch persönlich von großer Bedeutung, da sich die Untersuchungen mit Erwerbungen Philipp Prinz von Hessens befasst haben. Umso wichtiger war es uns, die Geschichte unserer Sammlung wissenschaftlich aufzuarbeiten und dort, wo sich NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte nachweisen ließen, gemeinsam mit den Nachfahren der früheren Eigentümer faire und einvernehmliche Lösungen zu finden. Ich freue mich sehr, dass dies in mehreren Fällen gelungen ist“, sagt Donatus Landgraf von Hessen, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung des Hauses Hessen.

Weitere sechs chinesische Porzellane mit belasteter Provenienz werden in der Lost-Art-Datenbank veröffentlicht. Sollten sich Anspruchsberechtigte melden, erklärt sich die Kulturstiftung des Hauses Hessen auch in diesen Fällen zur Rückgabe der Objekte bereit.

Die Forschungsergebnisse bestätigen die bereits zu Projektbeginn formulierte Annahme, dass beim Ausbau der Sammlung während der Zeit des Nationalsozialismus problematische Erwerbungskontexte eine Rolle spielten. Zugleich unterstreichen sie die Bedeutung der Provenienzforschung für die Kulturstiftung des Hauses Hessen und das Museum Schloss Fasanerie – insbesondere angesichts der lückenhaften historischen Sammlungs- und Erwerbungsdokumentation für die Zeit vor der Museumsgründung in den 1950er-Jahren.

Der von Sven Pabstmann erarbeitete Abschlussbericht umfasst knapp 600 Seiten. Er dokumentiert die methodische Vorgehensweise, die ausgewerteten Quellen, die untersuchten Objekte sowie zahlreiche neue Erkenntnisse zur Erwerbungs- und Sammlungsgeschichte der Kulturstiftung des Hauses Hessen.

„Mit dieser Vielzahl neuer Erkenntnisse zu den Objektbiografien und vor allem zu den ganz unterschiedlichen Schicksalen der als Juden verfolgten Sammler und ihrer Kunstsammlungen in der NS-Zeit habe ich zu Beginn des Projekts nicht gerechnet. Die Ergebnisse zeigen einmal mehr, welchen wichtigen Beitrag Provenienzforschung leisten kann – nicht nur zur Rekonstruktion historischer Unrechtskontexte, sondern auch zur Aufarbeitung der eigenen Institutions- und Sammlungsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus. Ich bin überzeugt, dass die vorgelegten Erkenntnisse über das Museum Schloss Fasanerie hinaus wichtige Anhaltspunkte für künftige Recherchen auch an anderen Häusern liefern werden“, so Projektbearbeiter Sven Pabstmann.

Museumsdirektor Dr. Markus Miller betont: „Unser besonderer Dank gilt dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das dieses Projekt über drei Jahre hinweg maßgeblich finanziell gefördert und damit überhaupt erst ermöglicht hat. Die Förderung hat es uns erlaubt, die Sammlung wissenschaftlich fundiert zu untersuchen und wichtige neue Erkenntnisse über ihre Erwerbungsgeschichte zu gewinnen.“