„Manchmal haben wir zusammen geweint“ – erinnert sich Rosi Helbig an Zeuginnenbefragungen in Vorbereitung auf die von dem Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegen große Widerstände initiierten Prozesse zur Aufarbeitung der Verbrechen von Auschwitz. Roland Reusing erlebte als junger Justizsekretär beim 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess sowohl Fritz Bauer als auch viele der angeklagten Nazis und Zeugen aus nächster Nähe. Was die beiden jungen Menschen in diesen Wochen und Monaten an Ungeheuerlichkeiten hören mussten, prägte ihr weiteres Leben und lässt sie bis heute nicht los – auch wenn sie im Laufe ihres Lebens das schleichende Gift des Misstrauens gegenüber Mitmenschen hinter sich lassen konnten. So fragten sich die beiden beispielweise bei Bahnfahrten mit Blick auf älterer Mitreisender lange, was diese wohl vor 1945 gemacht haben. Davon erzählten die beiden im Rahmen eines Bildungsurlaubes an der Katholischen Akademie des Bistums Fulda.
Helbig war im Rahmen des sogenannten Krumey-Hunsche-Prozesses als Protokollantin bei vielen Terminen dabei, bei denen Sinti- und Roma-Frauen von den von ihnen erlittenen und beobachteten Gräueltaten in Auschwitz berichteten. „Es war schlimm“ wiederholt Helbig mehrmals im Laufe des Nachmittags – und meint offenbar die Taten an sich, aber auch die Vernehmungen, die auch für sie herausfordernd waren. Vor allem auch, weil sie – zur Verschwiegenheit verpflichtet – mit niemanden darüber habe sprechen können. Reusing betonte, Auschwitz sei die Hölle gewesen, mit normalem menschlichem Geist nicht zu begreifen. Er erinnerte sich unter anderem an Begegnungen und Gespräche mit dem Darmstädter SS-Mann Hans Stark. Stark wurde bereits als 16jähriger – nach eigener Darstellung gedrängt von seinem Vater – Mitglied der SS-Totenkopfverbände und war bereits wenige Monate später im KZ Oranienburg im Einsatz. Später in Auschwitz entwickelte er sich zu einem der brutalsten SS-Männer überhaupt, der auch vor der eigenhändigen Tötung Neugeborener nicht zurückschreckte. Im Prozess zeigte er sich als einziger der 22 angeklagten Männer aussagewillig und schuldbewusst.
Während Reusing auch von Sadisten zu berichten wusste, die sicherlich unabhängig vom System ihre niederen Instinkte in irgendeiner Form ausgelebt hätten, drängt sich dem Zuhörer im Falle von Hans Stark die Frage auf, ob er auch in normaleren Zeiten zum Mörder geworden wäre. Reusing verwies darauf, dass jeder Mensch eine gute und eine schlechte Seite in sich trüge und immer die Wahl habe, für welche er sich entscheide. In diesem Sinne muss man die Demokratie auch als ein System verstehen, welches eher die guten Seiten im Menschen sich entwickeln lässt, während eine Diktatur dazu tendiert, die schlechten Seiten zu mobilisieren. Demokratie lässt uns zu besseren Menschen werde. Ein weiteres gewichtiges Argument, für ihren Erhalt zu kämpfen.
Zur Sache
Für in Hessen beschäftigte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen besteht nach dem Hessisches Gesetz über den Anspruch auf Bildungsurlaub (Hessisches Bildungsurlaubsgesetz – HBUG) ein Anspruch auf Freistellung von der Arbeit, um an anerkannten Veranstaltungen teilnehmen zu können. Bildungsurlaube sind Chance und Recht auf neue Perspektiven, vertieftes Wissen und bewusste Gestaltung der (eigenen) Zukunft. Jede Form der Weiterbildung stärkt nicht nur die Person selbst, sondern auch ihr berufliches und gesellschaftliches Umfeld. Die Katholische Akademie des Bistums Fulda ist anerkannter Träger und bietet jährlich rund 16 Bildungsurlaube vorrangig zu historisch politischen Themen, aber auch zur Persönlichkeitsentwicklung an. Sie ist damit einer der größten Anbieter von Bildungsurlaub in Hessen.
