Die deutsche Berichterstattung wird vom israelisch-palästinensischen Konflikt dominiert. Dass in Israel auch circa zwei Millionen Araber leben, geht dabei oft unter, ebenso, dass Juden und Araber in Israel trotz aller Konflikte viele Formen des gedeihlichen Miteinanders gefunden haben. Und der Referent sprach bewusst von Arabern und nicht Palästinensern. „Ich halte mich an die Bezeichnung, die Menschen für sich selbst wählen“, so Avidan. „In Israel leben ungefähr 20 Prozent arabische Israelis, und der überwiegende Teil spricht von sich selbst als Arabern.“ Der israelische Staat definiere sich als „jüdisch und demokratisch“, nicht als „israelisch“. Zuwanderung nach Israel sei erwünscht, aber nur als jüdische Besiedelung. Avidan: „Die arabischen Israelis stecken in der Zwickmühle: Ihr Staat befindet sich in einem Konflikt mit ihrem Volk, der alle Palästinenser betrifft, auch die in den besetzten Gebieten und diejenigen, die geflüchtet sind. Und er flammt immer wieder auf.“
Ausgangspunkt für Avidans Buch „Und es wurde Licht! Jüdisch-arabisches Zusammenleben in Israel“ waren die mehrtägigen gewaltsamen Ausschreitungen im Mai 2021 im Land. „Ich beschloss, eine Reise durch Israel zu unternehmen und den Menschen zuzuhören, vor allem denjenigen, die an ein Zusammenleben glauben – aller Gewalt und Zerstörung zum Trotz“, so Avidan in der Einleitung zu seinem Buch. Er ging zu Juden und Arabern in den sogenannten gemischten Städten, also denen mit einem signifikanten Anteil an arabischer Bevölkerung: Akko, Haifa, Jaffa, Lod, Ramle und Jerusalem. Wie denkt man übereinander, wie lebt man miteinander?
Herausgekommen ist dabei ein bewegendes und tief berührendes Buch. Denn auf einmal denkt und redet man nicht mehr über Juden und Araber, sondern erinnert sich an die Geschichte über das „Haus der Ghettokämpfer“ im gleichnamigen Kibbuz (Lochamei haGetaot), das 1949 von ehemaligen Widerstandskämpfern und Partisanen am Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto gegründet wurde. „Und wenn Sie wissen wollen, was das für Leute sind – hier werden bei Feiern und Jubiläen die Hatikva (Israels Nationalhymne), die Internationale und das Partisanenlied gesungen“, lächelt Igal Avidan. In diesem Kibbuz wurde das weltweit erste Holocaust-Museum eingerichtet – architektonisch erinnert es an das israelische Parlament.
Man hat die Araberin Noha Khatib vor Augen, die hier das „Zentrum für humanistische Bildung“ leitet, in der sich jüdische und arabische Menschen begegnen, auch Kinder. Die Shoah bildet den Mittelpunkt ihrer Arbeit, und sie sucht immer wieder nach neuen Wegen, wie man sie vermitteln kann. „Jeder bringt seinen Schmerz in die Diskussionsrunden mit, auch die Nakba. Wir schreiben nicht vor, welches Leiden zulässig ist und welche nicht. Es geht nicht um Vergleiche, niemand wäre erleichtert, weil der Schmerz des anderen größer ist.“ Übrigens wird hier ein Preis für Menschlichkeit vergeben, dessen Symbol tief bewegt: Es zeigt eine Waage, die einer aus Schnürsenkeln, Draht und Holzresten gebaute Waage nachempfunden ist. Jüdische Zwangsarbeiterinnen bauten sie in Auschwitz, um die kärglichen Brotrationen fair zu verteilen. „Und wo Unmenschlichkeit herrscht, versuche Mensch zu sein“ – der Satz auf dem Preis stammt aus dem Talmud.
Normalität und Miteinander
In Akko ist etwa ein Drittel der Bevölkerung arabisch. Die jüdische und die arabische Bevölkerung sind durch die Eisenbahnlinie voneinander getrennt. Mitten in der Altstadt hat Uri Buri sein Fischrestaurant. Der mit seinem markanten Bart einem Weihnachtsmann ähnelnde Buri ist Israels berühmtester Fischkoch. Im Mai 2021 wurde sein Lokal niedergebrannt. Er machte weiter. Auch, weil er überzeugt ist: „Wir dürfen nicht einer Handvoll von Idioten – auf beiden Seiten – erlauben, eine ganze Stadt zu terrorisieren und unseren Alltag zu diktieren.“ Sein Ziel sei Normalität, pragmatisch und unideologisch: „In all meinen 77 Jahren hat mir noch niemand eine bessere Lösung präsentiert als Zusammenleben.“
Das Buch zeigt beglückende Momente, ohne den Schmerz oder die Geschichte auszublenden. Es zeigt Menschen, die Brückenbauer sind. Etwa im jüdisch-arabischen Frauenchor Rana in Jaffa, oder dem von Igal Ezraty gegründete arabisch-hebräische Theater in Jaffa. In Lod, einer Stadt, in der sowohl Araber als auch nationalreligöse Juden leben, gibt es Mosaiken aus römischer Zeit – mehr als 1700 Jahre alt. Auf die sind alle in Lod stolz, egal welcher Religion sie angehören. Aus dem palästinensischen Steinewerfer Mahmoud Safadi wurde ein Künstler. 1989 wurde er als junger Mann während der ersten Intifada festgenommen und saß 17,5 Jahre im Gefängnis. Dort lernte er hebräisch und erwarb seinen ersten akademischen Titel. Er erklärt, warum die einzige Demokratie in der arabischen Welt ausgerechnet in israelischen Gefängnissen funktioniere: „Weil es dort keine Schmiergelder oder Posten zu verteilen gibt.“ Weise sei, was Nahostwissenschaftler Professor Hillel Cohen sagt: „Alles hängt davon ab, ob man zuhört und bereit ist, sich zu ändern.“
