Lokales FD 30.01.2026

Bergsportschule Rhön schließt: Rainer Griebel hört nach 40 Jahren auf

Poppenhausen (sim) – Wenn Rainer Griebel durch seine Kletterhalle geht, hängen an vielen Wänden Erinnerungen: an tausende Kurse, unzählige Seile, an mutige Anfänger und ehrgeizige Profis. An Schulklassen, Firmengruppen, Kindergeburtstage und ambitionierte Sportkletterer, die hier ihre ersten Erfolge feierten. Nach 40 Jahren endet in diesem Herbst ein besonderes Kapitel des Rhöner Bergsports: Die Bergsportschule Rhön schließt ihre Türen. Gründer und Betreiber Rainer Griebel (76) beendet damit nicht nur seinen Betrieb, sondern auch sein Lebenswerk.

Fotos: Rainer Griebel

„Jetzt ist einfach ein guter Zeitpunkt“, sagt er ruhig. Gleich mehrere Jubiläen fallen in diesem Jahr zusammen: 40 Jahre Kletterhalle, 50 Jahre Berufsjubiläum als Bergführer. „Ich habe 1976 angefangen – damals gab es diesen Sport in der Form noch gar nicht.“ Viele Entwicklungen seien eher zufällig entstanden. „Das hat sich alles Schritt für Schritt ergeben“, erklärt Griebel.

Ursprünglich studierte Griebel Mathematik und Geografie. Über sein Studium fand er zum Bergsport, der ihn zunehmend faszinierte. Nach dem Studium absolvierte er sein Referendariat in Fulda und arbeitete später bis 1993 als Lehrer an der Marienschule. Parallel baute er seine Tätigkeit als Bergführer aus. Oft habe er Schule und Bergsport miteinander verbunden. „Ich war tagsüber Lehrer und am Wochenende in den Bergen unterwegs.“

In den Anfangsjahren war der Bergsport ein Nischenthema. „Davon konnte man nicht leben“, erinnert er sich. Erste Aufmerksamkeit erhielt er Ende der 1970er-Jahre, als er bei Fernsehveranstaltungen als Moderator mitwirkte. Damals begann sich der Sport langsam zu verändern. Mit dem Aufkommen des sogenannten „Rotpunkt-Kletterns“ aus den USA wurde er in den 1980er-Jahren zunehmend populär. Jugendliche warteten vor den Kletterwänden, um sich zu beweisen. „Da wurde der Bergsport plötzlich groß“, so Griebel. Auch seine Honorare bei Fernsehauftritten stiegen – und die Idee einer eigenen Bergsportschule nahm konkrete Formen an.

1986 eröffnete er schließlich seine Kletterhalle in Poppenhausen. Der Standort war bewusst gewählt: Die bekannte Steinwand liegt nur wenige Kilometer entfernt und gilt bis heute als Anziehungspunkt für Kletterer aus ganz Deutschland. „Eine Bergsportschule mitten in Deutschland war damals eigentlich unvorstellbar“, sagt er. Bundesweit gab es zu dieser Zeit nur wenige vergleichbare Einrichtungen.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Halle zu einem besonderen Zentrum des Klettersports. Mit der größten Klettersteig-Indooranlage Europas, spezialisierten Trainingsbereichen und einer eigenen Anlage für Kindergeburtstage setzte Griebel immer wieder neue Maßstäbe. Auch Firmenevents, Schulklassen und Vereinsgruppen gehörten regelmäßig zum Programm. Statt auf Laufkundschaft setzte die Bergsportschule vor allem auf Kurse, Ausbildungen und individuelle Betreuung. „Wir wollten Qualität bieten und keine Massenabfertigung“, erklärt Griebel. „Das alles ist mein Werk“, betont er nicht ohne Stolz.

Auch international war Griebel aktiv. Geführte Wanderungen auf Mallorca, Höhlentouren in ganz Europa und zahlreiche Spezialangebote gehörten zum Programm. Viele Touren seien lange im Voraus ausgebucht gewesen. „Wir waren immer nah am Zahn der Zeit“, sagt er rückblickend.

Mehrfach habe es Interessenten für eine Übernahme gegeben. Für Griebel kam eine Weitergabe jedoch nicht infrage. „Ich habe genug verdient. Ich brauche das Geld nicht“, sagt er offen. Wichtiger sei ihm gewesen, sein Lebenswerk nicht aus der Hand zu geben. „Ich möchte nicht erleben, dass der Name irgendwann für etwas steht, das ich nicht mehr vertreten kann.“ Vor allem wolle er nicht riskieren, dass sein Ruf und sein Konzept verloren gehen. „Wenn ich aufhöre, soll es gut enden.“

Bereits vor zwei bis drei Jahren habe er über ein Ende nachgedacht und die Entscheidung schließlich gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden getroffen. Zum 1. Oktober wurde das Gebäude verkauft. Neuer Eigentümer ist Stefan Weber, Ortsvorsteher des Poppenhausener Ortsteils Rodholz. Wie das Gebäude künftig genutzt wird, ist noch offen. Unter keinen Umständen wolle Griebel dort jedoch eine weitere Kletterhalle sehen. Die Inneneinrichtung soll bis Ende des Jahres ausgebaut werden.

Bis Ende September läuft der Betrieb regulär weiter. Kurse, Touren und Veranstaltungen werden schrittweise reduziert. Eine große Abschiedsfeier plant Griebel nicht. „Ich habe über 4000 Kunden in ganz Deutschland. Das ist schwer zu bündeln“, erklärt er. Statt großer Worte wolle er die Schule ruhig und würdevoll auslaufen lassen.

Auch im Ruhestand will der 76-Jährige aktiv bleiben. Jede Woche fährt er rund 400 Kilometer mit dem Fahrrad. „Ich bin immer noch extrem sportlich.“ Angst vor einem „Loch“ nach dem Berufsende hat er nicht. Rückblickend zeigt sich Griebel zufrieden: „Ich habe in meinem Leben viel erlebt. Ich war mehr als 100 Prozent zufrieden.“ Der Extremsport habe ihn stets angetrieben, immer neue Ziele zu verfolgen. „Man war 48 Stunden glücklich – dann kam das nächste Ziel“, sagt er mit einem Lächeln. Heute empfindet er Ruhe. „So wie es jetzt ist, passt alles. Ich höre am Höhepunkt auf.“

Mit dem Ende der Bergsportschule Rhön verschwindet eine Institution, die Generationen von Kletterinnen und Kletterern geprägt hat – und untrennbar mit dem Namen Rainer Griebel verbunden bleibt.