„Heute Abend ist es nicht meine Stimme, die Sie hören. Es ist die Stimme meiner Mädchen“, betonte Rauf gleich zu Beginn vor den zahlreichen Interessenten. Gemeint waren jene Mädchen und Frauen, denen seit 2022 der Zugang zu Bildung verwehrt ist. Die Ausstellung verband Fotografien, Texte und Videoproduktionen. Besonders die Original-Handschriften der Mädchen, bewusst in ihrer ursprünglichen Sprache gezeigt, schufen Nähe. „Bitte lesen Sie die Texte, die Mädchen haben versucht, ihr komplettes Leben darin unterzubringen. Und trotzdem enden sie immer mit Hoffnung“, bewunderte Rauf.
Ein interaktiver Teil der Ausstellung lud die Besucherinnen und Besucher ein, eigene Nachrichten an die Mädchen zu verfassen. Diese werde Rauf später in einem Gedicht zusammenfassen und an die Mädchen übermitteln, erklärte sie. Die Fotoausstellung mit dem Titel „Blue as the Sky“, fotografiert von einem afghanischen ehemaligen Medizinstudenten, stelle all die verborgenen Talente dar, die sich unter der von den Taliban durchgesetzten blauen Burka in den Frauen versteckten. Zudem las Rauf eine Geschichte aus ihrer Sammlung vor, die vom Verlust von Identität handelte.
Nahid Rauf wuchs in Herat auf und studierte Medizin, bevor das Bildungsverbot sie traf. So schilderte sie, wie sich das Verbot nicht nur auf ihre Ausbildung, sondern auch auf ihr Selbstempfinden auswirkte: „Ich begann das Gefühl zu verlieren, dass ich überhaupt existiere.“ Erst durch das Veröffentlichen von Gedichten und Texten habe sie dieses Gefühl zurückgewonnen. „Ich möchte Menschen helfen, ihre eigene Existenz wieder zu fühlen und zu berühren.“
So stellte Rauf ihre persönliche Geschichte bewusst in einen größeren Zusammenhang: „Stellen Sie sich vor, das hier ist das Leben von Millionen von Mädchen gerade jetzt. Ich war die Privilegierte, ich konnte gehen.“ Sie berichtete von ihrer bewussten Entscheidung, ihr Medizinstudium nicht im Ausland fortzusetzen, und von ihren ambivalenten Gefühlen darüber, ihre Heimat zu verlassen. „Ich erinnere mich jeden Tag daran, dass ich glücklich sein sollte, hier zu sein. Aber ich muss meine grundlegenden Rechte nicht feiern“, betonte sie.
Zum Abschluss richtete Nahid Rauf einen klaren Appell an das Publikum: Wenn sich afghanische Mädchen mit Bitten nach Bildung an Arbeitsstellen wenden sollten, solle man es ihnen so leicht wie möglich machen.
Prof. Dr. Franziska Satzinger, Professorin für Global Health, betonte den außergewöhnlichen Mut der Studentin und sprach ihr dafür Respekt und Dankbarkeit aus: Sie nutze ihre Plattform, um Stimmen zu verstärken, die zum Schweigen gebracht wurden. Auch der Präsident der Hochschule, Karim Khakzar, zeigte sich tief beeindruckt. Er bezeichnete die Veranstaltung als außergewöhnlich und hob hervor, wie sehr internationale Studierende die Hochschule bereicherten. „Was sie als Einzelperson geschaffen hat, ist bemerkenswert“, betonte er und lobte Raufs Mut.
