Lokales FD 04.02.2026

Zwischen Fulda und Filmset: Lisa-Marie Spiegel erobert Bollywood

Bronnzell/Mumbai (jah) – Mitten im Trubel von Mumbai hat Lisa-Marie Spiegel das gefunden, wonach sie lange gesucht hat: ihren Platz als Schauspielerin. Die 29-Jährige aus Bronnzell lebt seit Mai 2023 in Indiens Filmmetropole und arbeitet dort erfolgreich in Serien, Werbespots und Kurzformaten. Ihr Weg dorthin war alles andere als geradlinig – und führte sie über Wiesbaden und Los Angeles schließlich bis nach Bollywood.

Fotos: privat

Schon als Kind wusste Lisa-Marie Spiegel, wohin sie ihr Weg führen sollte. „Eigentlich wollte ich mein ganzes Leben lang Schauspielerin werden“, sagt die heute 29-Jährige, die in Bronnzell aufgewachsen ist. Doch dieser Traum passte lange nicht in das Bild eines „vernünftigen“ Lebenswegs. „In Deutschland ist ein kreativer Beruf nicht besonders angesehen. Wenn man sagt, man will Schauspielerin werden, kommt oft die Frage: Und was willst du wirklich machen?“ Also entschied sie sich zunächst für einen anderen Weg – einen, der Sicherheit versprach. Sie studierte International Business Administration in Wiesbaden, machte Praktika und sammelte Erfahrungen in der Wirtschaft. Doch das Gefühl, angekommen zu sein, stellte sich nicht ein. „Ich habe gemerkt: Das ist nicht mein Platz. Ich habe nichts gefunden, was sich wirklich richtig angefühlt hat.“
Der Wendepunkt kam in London – bei einem Schauspielworkshop. Schließlich gab Spiegel die Schauspielerei nie komplett auf, auch während des Studiums verschlug es sie immer wieder ins Ausland, um sich im Schauspielbereich weiterzubilden. „Schon am ersten Wochenende in London wusste ich: Das ist es.“ Kurz darauf verschlug es die 29-Jährige zum ersten Mal über den großen Teich: Es folgte ein Praktikum bei Porsche Design in Los Angeles. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich will das jetzt nicht nur nebenbei, ich will es wirklich ausprobieren.“

Ausbildung in Hollywood
Der nächste Schritt führte sie an eine der bekanntesten Schauspielschulen der Welt: das Lee-Strasberg-Institut in Los Angeles, benannt nach dem Begründer des Method Actings. Dort absolvierte sie eine einjährige, ganzheitliche Ausbildung. „Wir hatten bis zu acht Stunden am Tag Method-Training, dazu Gesang, Tanz, Kameraarbeit – aber auch Business-Kurse. Wie man sich selbst vermarktet, ist in dieser Branche entscheidend.“
Darüber hinaus belegte Spiegel Kurse am UCLA Extension Gayley Center – Schauspiel, aber auch Regie und Pre-Production. Doch trotz intensiver Ausbildung blieb der Durchbruch schwierig. „Ich habe fast eineinhalb Jahre lang vorgesprochen, hatte aber nur ein Studentenvisum. Es ist unglaublich schwer, unter diesen Bedingungen Rollen zu bekommen.“

Der mutige Sprung nach Indien
Der Impuls für einen Neuanfang kam aus ihrem eigenen Umfeld. Freunde aus Indien, die sie am Lee-Strasberg-Institut kennengelernt hatte, machten ihr Mut: „Sie meinten: In Indien findest du auf jeden Fall Arbeit – auch, weil du als Europäerin auffällst.“ Im Mai 2023 wagte sie den Schritt. Zunächst nur mit einem Touristenvisum für drei Monate. „Ich dachte: Ich habe nichts zu verlieren. Ich probiere es einfach aus.“ Doch kaum in Mumbai angekommen, ging alles rasend schnell. „Es kam Schlag auf Schlag: Ich fand eine Agentur, hatte Castings und bekam meine erste Rolle. Ich bin angekommen – und habe mich sofort komplett wohlgefühlt.“ Mumbai sei für sie wie New York: laut, chaotisch, voller Energie. „Hier wird rund um die Uhr gearbeitet. An jeder Ecke wartet gefühlt die nächste große Chance.“

Leben in Bollywood
Heute dreht Lisa-Marie Spiegel Serien, Werbespots und Kurzformate für den boomenden Verticals-Markt. Spontaneität ist Pflicht. „Letzte Woche kam mittwochmorgens ein Anruf von meinem Agenten: Dreh am selben Abend in Bangalore. Zwei Tage, täglich 16 Stunden am Set. Das ist in Indien normal und stellenweise wirklich eine große Herausforderung.“
Ihr gesamter Alltag ist auf den Beruf ausgerichtet. „Ich nehme Tanz- und Gesangsunterricht, mache Akzenttraining, pflege Social Media. In Indien ist das extrem wichtig. Mein ganzes Leben ist darauf ausgelegt.“ Bollywood sei darüber hinaus längst nicht mehr nur Kitsch und Tanz. „Das wird es immer geben – aber es entstehen auch immer mehr Thriller, Action- und Serienformate, die sich am Westen orientieren.“

Arbeit am Set
Die Unterschiede zur westlichen Filmwelt sind allerdings dennoch enorm. „In Indien gibt es an jedem Set ein eigenes Spot-Team, für alles gibt es Personal. Wenn die Sonne scheint, steht sofort jemand mit einem Schirm hinter dir. Diese Manpower ist hier einfach da.“ Besonders prägend war ihre Arbeit in der Marathi-Filmindustrie. Für eine Rolle sang die 29-Jährige Lieder in einer Sprache, die sie kaum beherrschte – mit In-Ear-Kopfhörern. „Manchmal hat es besser geklappt, manchmal schlechter – aber genau das war der Sinn der Rolle, immerhin war das Ziel, dass die Teilnehmer das Lied erraten, was ich gesungen habe.“ Ein knappes halbes Jahr lang arbeitete sie an diesem Projekt. „Am Set wurde ich wie ein Star behandelt. Ich musste nie irgendwo hingehen, das Essen wurde mir gebracht. Das ist schon verrückt.“

Zwischen den Welten
Trotz aller Erfolge weiß Lisa-Marie Spiegel allerdings auch: Als westliche Schauspielerin gibt es Grenzen. „Man stößt irgendwann an ein Ceiling. Darüber hinaus zu kommen ist kaum möglich.“ Deshalb hält sie sich die Bronnzellerin alle Türen offen, was ihre Zukunft angeht. „Ich schaue, was in Europa und den USA gedreht wird. Man muss als Schauspielerin flexibel sein.“ Hollywood sei schon von klein auf der Traum gewesen, und irgendwann will Spiegel ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zurückkehren – doch nicht nur die USA sind das Ziel: „Ich würde gerne überall so ein bisschen arbeiten. Mit einer Art Homebase, zunächst einmal vollkommen egal, wo die wäre. Ein weiterer, großer Traum von mir ist außerdem ein größeres Projekt auf Netflix.“

Heimat als Ruhepol
Einmal im Jahr kehrt Spiegel derweil in die Heimat zurück – mehr ist aufgrund des fordernden Berufs nicht möglich. „Das ist mein Ruhepol. Ich war jetzt das erste Mal seit fünf Jahren wieder an Weihnachten zu Hause.“ Kleine Veränderungen würden ihr dann besonders auffallen. „Der Bronnzeller Kreisel sah plötzlich anders aus – banales Beispiel, aber irgendwie schön zu sehen, was sich in einem Jahr so getan hat.“ Im Gegensatz zum „ruhigeren“ Fulda bedeute Mumbai dagegen Reizüberflutung. „Man muss offen sein, sich auf alles einlassen. Für das Nervensystem ist das enorm – deshalb ist es so wichtig, zwischendurch nach Hause zu kommen.“ Das berufliche Zuhause von Lisa-Marie Spiegel ist derweil weiterhin Mumbai, und mittelfristig soll es das auch bleiben. „Aber es wird spannend sein, wohin mich mein Weg noch führt.“