Das Projekt versteht sich als Beitrag zu Nachhaltigkeit, Biodiversität und Bildungsarbeit. „Wir begleiten unsere Büchereien fachlich und wollten dieses Thema bewusst aufnehmen“, erklärte Stefanie Fuß von der Büchereifachstelle. Das Saatgut bezieht das Bistum vom Verein VEN. „Die Mitglieder bauen die Pflanzen selbst an, gewinnen daraus Samen und stellen sie interessierten Büchereien zur Verfügung“, so Fuß. Wichtig sei dabei, dass es sich nicht um hybride Sorten handele: „Diese Sorten sind frei verfügbar, es liegen keine Nutzungsrechte darauf. Sie sind samenfest – das heißt, man kann aus der Ernte wieder Saatgut gewinnen.“
Das Prinzip ist einfach: Nutzerinnen und Nutzer holen sich in ihrer Bücherei ein Tütchen Saatgut, bauen die Pflanzen im eigenen Garten oder auf dem Balkon an und gewinnen im besten Fall aus der Ernte neues Saatgut. Dieses wird getrocknet, sortenrein verpackt und an die Bücherei zurückgegeben. Dort beginnt im nächsten Jahr ein neuer Ausleihzyklus. „Wenn wir 30 Prozent Rücklauf bekommen, ist das schon viel“, erläuterte Fuß: Schließlich sei die Saatgutgewinnung anspruchsvoll und gelinge nicht immer. Begleitend erhalten Teilnehmende Informationsmaterial sowie einen digitalen Newsletter mit Anbau- und Pflegetipps. „Uns geht es zentral darum, dass Menschen wieder sehen: Wo kommt mein Essen eigentlich her? Viele haben sich von diesen ursprünglichen Prozessen entfremdet“, betonte Fuß.
Warum sich eine Bibliothek mit Saatgut beschäftigt, erklärt Bibliotheksdirektorin Dr. Alessandra Sorbello Staub: „Auf solche Problematiken aufmerksam zu machen, ist aus unserer Sicht ein Bildungsauftrag, den jede Bibliothek erfüllen sollte. Deshalb haben wir uns auf dieses Abenteuer eingelassen.“ Es gehe nicht nur ums Gärtnern, sondern auch um Bewusstseinsbildung.
Christine Waider vom Umweltzentrum Fulda sieht vor allem den Aspekt der Unabhängigkeit: „Das Wissen um die Vermehrung unserer Kulturpflanzen ist ein ganz wichtiger Schritt, um unabhängig zu bleiben und die Sortenvielfalt zu erhalten.“ In den vergangenen Jahren sei insbesondere die Saatgutgewinnung in den Hintergrund gerückt. „Saatgut wird meist neu gekauft. Dass man weitgehend ohne Zukauf auskommen könnte, ist ein interessanter und wichtiger Gedanke.“
Rieke Trittin, ebenfalls vom Umweltzentrum, ergänzte: „Zu unserer Gartenkultur zählen Erholung, Schönheit, aber auch ganz klar Biodiversität und Lebensmittelsicherheit.“ Die Saatgutbibliothek sei ein niedrigschwelliger Einstieg in ein komplexes Thema. „Alles, was wir im Supermarkt kaufen, beginnt mit Saatgut. Wer diesen Prozess versteht, versteht auch, warum Sortenvielfalt für die Zukunft so entscheidend ist.“ Gerade mit Blick auf Klimaveränderungen brauche es unterschiedliche, angepasste Sorten. „Wir machen mit diesem Projekt keinen nostalgischen Blick zurück, sondern stellen uns gut für die Zukunft auf.“
Auch Dr. Beatrice van Saan-Klein von der Fachstelle Nachhaltigkeit und Förderprogramme des Bistums Fulda verwies auf globale Zusammenhänge. In vielen Ländern des Südens sei es traditionell üblich gewesen, eigenes Saatgut aufzubewahren. „Große Hersteller verbieten das teilweise oder machen abhängig von neuem Saatgut und passenden chemischen Mitteln“, erklärte die Diplom-Biologin. Vielfalt sei daher ein Schutzmechanismus. „Wenn nur wenige Sorten die Welt ernähren und eine Krankheit oder ein Schädling auftritt, kann es schnell kritisch werden. Dann sind wir froh über viele kleine Gärten mit unterschiedlichen Pflanzen.“ Zudem habe das eigene Säen und Ernten eine sinnliche, persönliche Dimension: „Durch das eigene Tun entsteht wieder eine Beziehung zur Schöpfung – man erlebt Wachstum, Duft, Veränderung.“
Die Ausleihe startet gestaffelt: In Freigericht-Neuses beginnt sie bereits am kommenden Dienstag, Simmershausen und Kleinsassen folgen kurz darauf. Interessierte können während der Öffnungszeiten Saatgut mitnehmen, erhalten Informationsmaterial und werden auf Wunsch über einen Newsletter begleitet. Ziel ist es, das Projekt langfristig zu etablieren und möglichst viele Menschen für nachhaltiges Gärtnern und den Erhalt alter Sorten zu begeistern – ganz im Sinne einer lebendigen, geteilten Gartenkultur.
