Zu Beginn begrüßte Akademiedirektor Gunter Geiger die Gäste und dankte Aline Gros für die Übernahme der Moderation. Gros stammt aus Thüringen und ist wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeiterin der Point-Alpha-Stiftung. Gerade mit Blick auf unterschiedliche Erfahrungen und Prägungen in Ost- und Westdeutschland sei es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben, betonte Geiger. Point Alpha sei hierfür ein besonderer Ort des Austauschs. Er ermutigte die Anwesenden: „Suchen Sie die Gespräche und tauschen Sie sich aus.“
Die Erinnerungen an den Abend des 9. November 1989 mit Mauerfall und Grenzöffnung sind bei Ermes und Beck ganz unterschiedlich. „Ich habe es verschlafen“, gesteht Ermes. Denn er musste am nächsten Morgen in die Schule. Dort habe er sich gewundert, dass nach zwei Stunden der Unterricht schon zu Ende war. Der Grund: Die meisten Lehrer und Schüler waren nicht da. Ermes erinnert sich auch an die Reaktion seiner Eltern, die sagten: „Wir warten erst mal ab, bis der Rummel vorbei ist, und fahren dann rüber.“
Der evangelische Theologe Beck war am 9. November 1989 Pfarrer in einem kleinen Dorf im Grenzgebiet zu Hessen unweit von Eisenach. Als er von der Öffnung der Grenze erfuhr, dachte Beck als Erstes an sein Kind, das damals vor der Schuleinführung stand. Es müsse nun nicht das DDR-Schulsystem durchlaufen. Der Hintergrund: Er selbst durfte zunächst kein Abitur machen.
Beck engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung der DDR und in der friedlichen Revolution, die zum Ende des SED-Regimes führte. „Vieles von der revolutionären Kraft ist verloren gegangen“, sagte er. Mit Blick auf die Reisefreiheit und den damit verbundenen Konsum im Westen fügte er hinzu: „Vieles ist in den Regalen der Supermärkte hängen geblieben.“ Auch Ladenketten könnten gefangen nehmen. „Wir wähnten uns frei. Aber die Freiheit reichte nur so lange wie der Dispo.“
Beim damaligen Schüler Ermes fiel die Reaktion auf die Grenzöffnung ganz anders aus: „Wir hofften, dass unsere strenge Mathelehrerin im Westen bleibt. Aber sie kam wieder.“ Auch sein damaliger Berufswunsch war durch die Wende dahin. „Ich wollte Offizier in der Nationalen Volksarmee werden. Aber es gab ja den Feind – die bösen Kapitalisten im Westen – auf einmal nicht mehr.“ Im Nachhinein ist er froh, dass er nicht Soldat wurde. Von Dingen wie dem Schießbefehl an der Grenze wusste Ermes damals nichts.
Beck und Ermes zeigten sich zudem erschrocken über den Zulauf der AfD, vor allem im Osten. Durch seine Arbeit in einer Inobhutnahmestelle kennt Ermes die Schicksale unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. „Sie sind durch eine Hölle gegangen. Und hier haben sie gleich angefangen, Deutsch zu lernen.“ Deshalb sei für ihn die AfD mit ihren Parolen „nicht wählbar“. Das mache er auch im Gespräch mit jungen Erwachsenen deutlich, die ihre Informationen aus dem Internet beziehen.
Beck betonte mit Blick auf die AfD: „Wir müssen die Bürgerrechte stärken.“ Ein Weg dazu sei es, auf kommunaler oder Landesebene die Möglichkeiten von Volksbegehren voranzubringen. So ließe sich mehr Einfluss auf politische Prozesse nehmen – gerade angesichts des zunehmenden Vertrauensverlustes in die Demokratie.
Beck bedauerte außerdem, dass der Verfassungsentwurf, den der Runde Tisch in der DDR in „Rekordzeit“ erarbeitet und in die Volkskammer eingebracht hatte, nicht gemeinsam mit dem Grundgesetz erörtert wurde. „Das wäre einmalig gewesen – West und Ost auf Augenhöhe. Das hätte uns zusammengeschmiedet.“ Dazu sei es jedoch nicht gekommen. Hintergrund sei Artikel 149 des Grundgesetzes gewesen, der eine gemeinsame Verfassung vorsah. Dass es nicht dazu kam, habe zur Folge gehabt: „Der Westen sah sich als Sieger, der Osten als Verlierer.“
