Lokales FD 06.02.2026

„Demokratie ist kein Zuschauersport“ – Ruprecht Polenz in Fulda

Fulda (sk) – „Anleitung zur Demokratie“ ist der Untertitel des neuesten Buches des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Ruprecht Polenz. In einem Vortrag im „Welcome In“ zog er das Fazit, dass jeder aktiv werden solle – sei es durch Zivilcourage bei diskriminierenden Aussagen, durch Teilnahme in den sozialen Medien oder durch den Eintritt in eine Partei.

Ruprecht Polenz. Foto: Stefan Krug.

Ruprecht Polenz ist mittlerweile 79 Jahre alt – und kein bisschen leise. Er gehörte fast zwanzig Jahre dem Bundestag an und war unter Angela Merkel im Jahr 2000 einige Monate Generalsekretär der Partei. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag war er einer der Initiatoren der Gruppierung „CompassMitte“, die innerhalb der christdemokratischen Parteienfamilie das liberale und soziale Element stärken will, das für Polenz derzeit zu stark hinter dem konservativen Politikanteil in der Union zurücktritt.

In den letzten zwei Jahren hat Polenz zwei Bücher geschrieben: Neben „Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie“ für Erwachsene auch das Kinderbuch „Wer bestimmt auf unserem Hof?“, in dem er kindgerecht Demokratie anhand von Tiergeschichten erklärt.

Auf Einladung der Fuldaer Ortsgruppe „Omas gegen Rechts“ stellte er am Donnerstag in mehreren Veranstaltungen im osthessischen Raum seine Bücher vor – im Stadtteiltreff „Welcome In“ gleich zweimal: vormittags vor zwei dritten Klassen das Kinderbuch und abends im vollbesetzten Saal „Tu was!“.

Es war keine klassische Lesung, sondern ein kurzweiliger Vortrag mit der Bitte an die Anwesenden, sich für die Demokratie zu engagieren – immer wieder mit einem Seitenblick auf die USA, wo Polenz die Demokratie durch die Regierung Trump gefährdet sieht. Gleich zu Beginn stellte er eine Frage an alle: „Was kann ich tun aus meiner Sicht?“ Niemand sei als Demokrat geboren – und es sei ein Glück, in eine Demokratie hineingeboren zu werden.

Weltweit gebe es nur 24 vollständige Demokratien. Hier erwähnte Polenz erstmals die USA und fragte, ob dort diese Bewertung künftig bestehen bleibe. Demokratie funktioniere nur durch Mitmachen: „Wer noch nie versucht hat, andere von etwas zu überzeugen, hat keine Ahnung von Demokratie. Genau darum geht es. Demokratie ist kein Zuschauersport.“

Er betonte, dass es sich lohne, für unsere Demokratie zu kämpfen: „Es gibt kein Land, in dem man lieber wohnen würde als Deutschland, und auch keine Zeit, in der man lieber leben würde.“ Selbst wer arm sei, habe es hier immer noch besser als beispielsweise in San Francisco: „Dort gibt es kein Bürgergeld.“ Der Grund, warum man mit dem deutschen Reisepass fast überall ohne Visum reisen könne, sei, dass alle wieder zurückwollten.

Bedenklich fand Polenz, dass 53 Prozent in einer Befragung keiner Partei zutrauten, Probleme zu lösen – dies galt in noch stärkerem Maße für Wähler der AfD und des BSW. „Alle Macht geht vom Volk aus“ bedeute aber auch, sich zu informieren: „Wer sich nicht informiert, bleibt bei Wahlen besser zu Hause. Demokratien sterben durch Wahlen. Wir sehen das in Ungarn, wir sehen das in den USA.“

Seinen Vortrag schloss Polenz mit seinen Vorstellungen, was jeder tun könne. Als Erstes forderte er Zivilcourage, wenn man rassistische oder sexistische Sprüche hören müsse: „Widersprechen Sie, Widerstand steckt an.“ Ebenso rief er dazu auf, an Demonstrationen gegen Rechts teilzunehmen.

Als zweiten Punkt solle jeder „politischer Influencer“ werden. Schon mit einfachen Likes und dem Teilen von Beiträgen würden die Algorithmen beeinflusst – und es seien so mehr Menschen erreichbar als auf anderen Kommunikationswegen. Als Drittes forderte er die Anwesenden auf, sich in einer der demokratischen Parteien zu engagieren: „Unsere repräsentative Demokratie lebt von Parteien.“ Er bat außerdem darum, sich bei Kommunalpolitikern zu bedanken. Diese setzten sich mehrere Stunden pro Woche für die Allgemeinheit ein, oft in unfreundlicher Atmosphäre.

Polenz selbst ist seit 53 Jahren CDU-Mitglied: „Niemand stimmt mit einer Partei hundertprozentig überein. Bei mir waren es im Laufe der Jahre immer etwa 70 Prozent.“ Auf Nachfrage ergänzte er, mit den Koalitionsregierungen aus CDU und Grünen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zu 90 Prozent übereinzustimmen. Zur Bundesregierung oder zu anderen Bundesländern äußerte er sich nicht.

Nach seinem Vortrag stand er noch – wenn auch leider zu kurz – für Fragen zur Verfügung. Dabei ging es unter anderem darum, ob Polenz ein AfD-Verbot befürworte. Er tut es und sieht Mehrheiten für eine Bundesratsinitiative. Weiter wurde gefragt, weshalb „CompassMitte“ so klein sei. Hier hatte bereits Cornelia Thiessen-Westerhoff („Omas gegen rechts“) in ihrer Begrüßung darauf hingewiesen, dass sie bisher keinen Fuldaer Unterstützer gefunden habe.

Sie berichtete auch über ihre Ortsgruppe, die nicht nur wie viele andere durch Stände, Mahnwachen und Demonstrationen versuche, „die Demokratie zu stärken“. Fulda sei die erste Gruppe bundesweit gewesen, die mit Kindern lese. Jochen Kohlert bedankte sich als Hausherr für den gelungenen Abend und die engagierten Diskussionen.

Ruprecht Polenz in Fulda. Fotos: Stefan Krug.