Es gibt es einen Ort, an dem der Hessentag noch immer nicht ganz vorbei ist. Die Kleider hängen noch im Schrank. Nicht säuberlich verpackt in einer Kleiderhülle für den nächsten Einsatz. Sondern einfach da. Gelüftet. Wartend. „Wir sagen uns eigentlich jeden Tag, wir müssen die unbedingt mal in die Reinigung bringen, das haben wir noch nicht gemacht“, erzählt Vera Dudyka. „Wir haben sie die ganzen zehn Tage nicht gereinigt. Natürlich immer gelüftet und alles dafür getan, dass sie wieder frisch sind, aber das Kostüm ist der Wahnsinn.“ Vielleicht, weil damit endgültig ein Kapitel abgeschlossen würde. Vielleicht auch, weil sich manche Erinnerungen einfach nicht so leicht zusammenfalten lassen wie Stoff.
„Am Sonntag war ich traurig und am Montag war ich erleichtert“, sagt sie leise. Zwei Gefühle, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Und doch beschreiben sie besser als alles andere, was nach zehn Tagen Ausnahmezustand im Inneren eines Hessentagspaares passiert. Schon während der große Festumzug durch Fulda zog, ahnte sie, dass dieser Moment schneller kommen würde, als ihr lieb war. „Ich habe schon während des Umzugs gemerkt: Krass, jetzt ist das schon vorbei. Auf diesen Moment hat man sechs Jahre hingearbeitet – und dann vergeht dieser letzte Tag so unfassbar schnell.“ Sechs Jahre voller Termine, Vorbereitungen, Planungen und Vorfreude. Und dann bleiben zehn Tage, die wie im Zeitraffer vorbeiziehen. „Eigentlich wollte ich gar nicht, dass es vorbei geht. Aber gleichzeitig musste es irgendwann auch vorbei sein. Diese zehn Tage waren einfach unglaublich intensiv.“
Der eigentliche Einschnitt kam erst am nächsten Morgen. „Der Montag hat sich angefühlt, als wäre man zwanzig Kilo leichter“, sagt Vera. Nicht, weil plötzlich alles vorbei war, sondern weil erst da klar wurde, welche Last die Wochen vorher bedeutet hatten. „Das war gar nichts Negatives. Aber da war einfach eine dauerhafte Anspannung. Man wollte alles richtig machen, man wollte funktionieren. Und als das plötzlich vorbei war, ist diese ganze Anspannung einfach abgefallen. Das haben wir beide genauso empfunden.“
Während viele Besucher nach dem letzten Wagen nach Hause fuhren, dauerte der Abschied für Vera und Max noch länger. Am Montag das Ehrenamtsfest, nebenan auf dem Domplatz Peter Maffay, Tochter Flora durfte nochmal mit hinter die Bühne schauen – „das war irgendwie unser Familienabschluss“. Am Dienstag das Dankeschön für die städtischen Mitarbeiter. „Da haben wir auch nochmal ordentlich gefeiert, da konnte man dann wirklich einmal loslassen.“ Erst am Mittwoch blieb die Hessentagskleidung zum ersten Mal im Schrank. Für Max hat sich genau an diesem Übergang ein anderes Bild eingebrannt, kein Bühnenmoment. „Es gibt dieses eine Bild, wo wir einem Mitarbeiter der Stadtreinigung abklatschen, so einer Kehrmaschine, die hinter uns die Straße aufkehrt, wo die Tribüne war. Und da habe ich beim Laufen bis zum Auto gedacht: Jetzt ist Fahnenübergabe. Sechs Jahre, und jetzt fährt der Zug ohne dich weiter. Das ist schon verrückt.“
Dass danach nicht sofort Alltag einkehrte, überrascht Vera selbst. „Ich bin erst einmal zur perfekten Prokrastiniererin geworden“, erzählt sie und lacht. Vor dem Hessentag hatte sie sich selbst als Logistikwaffe bezeichnet, alles durchgeplant. „Nach diesen 180 Prozent wollte ich einfach erstmal nichts machen. Das bleibt erstmal alles liegen.“ Doch lange ging das nicht. Der Urlaub endete, der Beruf rief, Steuerfristen wollten eingehalten werden, Freunde und Familie bekamen wieder den Platz, den sie zehn Tage zurückstellen mussten. „Vorher konnte man immer sagen: Wir haben gerade Hessentag. Plötzlich ging das nicht mehr. Jetzt kümmert man sich wieder um Freunde, um Familie, gibt mal was zurück von dem, was man die ganze Zeit nur genommen hat.“ Dass das funktionierte, verdanken sie vielen Menschen im Hintergrund. „Wir können einfach nur dankbar sein. Wir hatten Menschen, auf die wir uns hundertprozentig verlassen konnten.“
Denn gerade die dreieinhalbjährige Tochter war der größte Gedanke. „Ich dachte vorher, sie sitzt vielleicht mal bei Veranstaltungen auf meinem Schoß oder wir laufen gemeinsam über den Hessentag, mehr so als Familiending“, sagt Vera. Die Realität war „Business, Business“. Zu eng getaktet die Termine, zu groß das Interesse. „Wenn die kleine Maus bei mir war, wollte sie natürlich, dass ich ihr das Essen hole oder mit ihr auf Toilette gehe. Und ich hatte teilweise keine Zeit, selber auf Toilette zu gehen. Und die Menschen haben uns schon aufgefressen, medial, mit Fotos, mit Umarmungen. Was schön war, aber für sie wäre das viel zu viel geworden.“ Deshalb blieb Flora meist bei den Großeltern. Und war trotzdem immer dabei: „Abends sind wir fast immer gemeinsam ins Bett gegangen. Acht von zehn Abenden. Haben uns erzählt, was wir erlebt haben. Das hat uns unglaublich geerdet.“ Dabei begann die Woche turbulent: Am ersten Wochenende bekam Flora Fieber und übergab sich. „Zum Glück hatte ich mein Kostüm schon ausgezogen. Ich dachte: Hoffentlich zieht sich das nicht durch die Woche“, so Vera. „Heute glaube ich, sie hat einfach unsere Aufregung gespürt und so verarbeitet. Einen Tag später ging es ihr wieder gut.“
Was den beiden am stärksten geblieben ist, sind weder Minister noch Konzerte, sondern was zwischen ihnen passiert ist. „Natürlich haben wir uns vorher auch mal gestritten“, erzählt Vera offen. „Wenn jeder aus seinem Alltag kommt und plötzlich wieder in diese Hessentagsrolle schlüpft, liegen die Nerven manchmal blank.“ Umso überraschter waren beide von den zehn Tagen selbst. „Wir haben uns blind verstanden. Wir haben uns gegenseitig total supportet. Wenn einer gemerkt hat, der andere braucht gerade etwas, war das selbstverständlich, da musste gar nichts ausgesprochen werden.“ Beide beschreiben es gleich: „Es hat sich angefühlt wie zehn Tage Hochzeitsgefühl.“ Max ergänzt: „Meine Vorstellung war immer, es ist wie eine Hochzeit, nur ist die Hochzeit zack, bumm rum. Und so hast du zehn Tage Hochzeitsfeeling.“
Sie waren immer zusammen unterwegs. „Wir haben gesagt: Wenn wir das Outfit tragen, dann gehen wir auch gemeinsam. Nie alleine“, so Max. „Es gab ja sogar Kommentare, dass wir uns nach dem Hessentag bestimmt trennen würden. Aber genau das Gegenteil ist passiert“, sagt Vera. „Wir wussten vorher gar nicht, wie wir reagieren, wenn alles anders läuft als geplant. Aber wir haben gemerkt, dass wir uns hundertprozentig aufeinander verlassen können. Im Alltag fällt man irgendwann wieder in diese typischen Kleinigkeiten zurück – wer hat dies nicht weggeräumt? Während des Hessentags gab es das überhaupt nicht. Das würde ich mir manchmal gerne wieder zurückholen.“
Viele haben sie gefragt, wie sie nach zehn Tagen noch so fit aussehen konnten. Selbst Ministerpräsident Boris Rhein fragte sie im kleinen Kreis bei der Kabinettssitzung. Die Antwort war für beide gleich und erstaunlich unspektakulär: früh ins Bett. „Normalerweise bin ich der Typ, der als Letzter geht, der sehr gerne versackt“, sagt Max. „Wir haben uns aber gesagt, wir gehen zusammen. Und aus dem Grund sind wir immer so um halb zehn gegangen. Wir haben einen Bogen ums Weindorf gemacht oder nur kurz rein mit der Ansage, dass wir gleich gehen. Konsequent. Nur am achten oder neunten Tag habe ich morgens mal Elektrolyte gebraucht. Zu Hause wartete schließlich unsere kleine Tochter. Wir waren vielleicht nicht die Party-Tiger, die wir früher einmal waren.“
Mindestens genauso überraschend war die Reaktion der Menschen. Immer wieder hatten sie vorher gehört: Bleibt einfach so, wie ihr seid. „Man fragt sich natürlich: Können wir allen gerecht werden? Müssen wir uns anders verhalten?“, sagt Vera. „Aber man kann sich zehn Tage gar nicht verstellen. Zwangsläufig kommt es irgendwann raus.“ Also redeten sie, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Schon bei der Eröffnung im Schlosshof wurde das klar. Erst hieß es Rede, dann Interview mit drei festgelegten Fragen, dann doch wieder Rede. „Wir hatten gar keine richtige Rede dabei“, erinnert sich Vera. „In der Grundaufregung dachte ich, ich antworte einfach spontan, weil es wird nur komisch, wenn ich es auswendig lerne. Die ganze Masse hat an den Lippen geklebt, die haben uns so freudig angeschaut. Da konnte man nur aus dem Herzen sprechen.“ Später wurde das Normalität. „Es war häufig gar nicht geplant. Dann kam so ein Blick vom OB: Wollt ihr noch? Und ich dachte, ich kann jetzt nicht runtergehen, ohne den Ehrenamtlichen Danke zu sagen. Das muss jetzt nochmal raus“, sagt sie. Eine Absprache hatten sie dabei immer: „Vera fängt an – und ich mache den Abschluss“, sagt Max schmunzelnd. „So habe ich noch ein paar Minuten zum Überlegen. Wir hatten keine Karten, wo wir was abgelesen haben. Wir haben einfach so geredet, wie wir sind.“
So entstand auch der Moment beim Abschlussempfang, der für viele im Raum hängen blieb. Nach zahlreichen Grußworten, Ministerpräsident zu spät, OB zu spät, alle hatten lange geredet, warteten alle aufs Buffet. Max trat ans Mikrofon und eröffnete das Essen in anderthalb Sätzen. „Ich habe in die Gesichter geschaut und dachte: Die wollen jetzt einfach essen. Was soll ich hier noch groß reden? Ihr erinnert euch eh nicht mehr daran. Papa hat immer gesagt, man muss mit einem Lachen enden, weil du dann in Erinnerung bleibst“, erzählt er. Der Ministerpräsident habe hinterher gelacht und gesagt, das gehe für ihn in die Hessentagsgeschichte ein. „Da hat Max wirklich einen rausgehauen“, sagt Vera bis heute.
Ein kleiner Frust blieb: der Festumzug. „Es heißt ja immer, der Karnevalsprinz zum Beispiel hat seinen Umzug. Und wir hatten gar nicht unseren Umzug“, sagt Max. „Wir sind ins Auto eingestiegen und dann nach 200 Metern wieder ausgestiegen. Wir hätten den ganzen zwei Kilometer langen Zug mit Kapelle vor uns mitnehmen können. Das ist ja im Prinzip unser Festumzug.“ Grund war, dass der Ministerpräsident noch Wein und Blumenstrauß überreichen wollte und zu spät kam, während der HR schon die Freigabe gegeben hatte, weil die Liveschaltung stand. „Beide Seiten kann man verstehen. Aber du fieberst zehn Tage darauf hin und hast dann deinen Umzug nicht. Das war schon sehr schade.“
Was Max dagegen wirklich bewegt hat, kam unerwartet. „Ich bin eigentlich gar nicht so der Mensch mit Religion“, sagt er. „Aber der ökumenische Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche, neben beiden Pastoren zu stehen, das war einer der beeindruckendsten Momente.“ Genauso die Gelöbnisse und Vereidigungen von Polizei und Bundeswehr. „Als ich bei meinem Gelöbnis dabei war, stand ich selbst in der Reihe und habe mit dem Kreislauf gekämpft, dass ich nicht umfalle. Plötzlich stehst du auf der anderen Seite, neben sehr hochrangigen Menschen. Das war super organisiert.“
Natürlich haben beide auch in die Kommentare geschaut. „Man möchte ja Botschafter für möglichst viele sein“, sagt Vera. „Man guckt rein, ob es auch andere Meinungen gibt.“ Hängen blieb die Diskussion, warum sie immer wieder Polizei und Bundeswehr erwähnten, ob das Whitewashing sei. „Das war eine berechtigte Nachfrage. Aber das wurde uns nicht aufinstruiert, das ist aus unserer Historie, wir haben beide dort mal Dienst versehen. Wir konnten uns sowieso nicht verstellen.“ Auch Max kennt Vorurteile aus seinem beruflichen Alltag. Als Personalvermittler im Fachkräftebereich arbeitet er seit vielen Jahren mit Unternehmen zusammen und vermittelt unter anderem Fachkräfte aus verschiedenen Nationen. „Mein Beruf hat manchmal einen schlechten Ruf. Dabei geht es darum, Menschen und Unternehmen zusammenzubringen.“ Er hätte sich gewünscht, diese Seite ebenfalls stärker zeigen zu können. „Wenn der Ministerpräsident fragt, was ich mache, geht der Blick schnell wieder zu Vera und ihrer Aufgabe als Hessentagspaar.“
Wenn beide heute über den Hessentag sprechen, fällt immer wieder ein Wort: Menschen. „Egal, wo wir hinkamen – alle waren gut gelaunt. Diese positive Stimmung war ansteckend. Die Leute haben so richtig gesprüht vor Freude. Das hat uns beflügelt. Wir wurden einfach so angenommen, wie wir sind“, sagt Vera. „Es war ein Rausch. Alles geht unfassbar schnell. Man muss loslassen, weil man kann das ja sowieso nicht mehr steuern. Und dann muss man sich als Mantra sagen: Ich genieße jetzt mal den Moment, sonst rennt man durch und vergisst, es selbst zu genießen. Aber das haben wir immer wieder gemacht.“
Was also bleibt? „Ganz viele Glücksgefühle. Erinnerungen. Freundschaften. Ein Netzwerk. Aber auch Stolz. Nicht auf sich selbst, sondern auf eine Stadt. Wir haben den Hessentag nicht gemacht. Wir durften ihn repräsentieren. Gemacht haben ihn unzählige andere Menschen“, sagt Vera. Max ergänzt: „Ich hatte vorher immer gedacht, hoffentlich geht alles gut, ich habe immer einen Plan B, das liegt an meinem Beruf. Und es war friedlich. Fulda hat sich von seiner besten Seite gezeigt. Deutschland bräuchte mehr Fulda, sagte der Ministerpräsident – das trifft es auf den Nagel.“ Ihr Wunsch: „Man hat Fulda in so einem Ausnahmezustand der guten Laune gesehen. Das wäre schön, wenn uns das weiter trägt und den Zusammenhalt bestärkt. Nehmt dieses Gefühl mit. Lasst es nicht einfach als schöne Party in Erinnerung bleiben, sondern macht was draus, nutzt das Netzwerk. Wo sonst kann jeder Bürger so nahbar in politische Wirkungskreise eintauchen? Das ist einzigartig.“
Als sie sich vor mehr als sechs Jahren bewarben, wussten sie nicht, worauf sie sich einließen. Heute kennen sie die Antwort. Ob sie es wieder machen würden: „Zu hundert Prozent“, sagt Vera. „Definitiv“, ergänzt Max. Und dann fällt noch einmal jener Satz, der nach diesen zehn Tagen noch mehr Gewicht bekommen hat: „Einmal Hessentagspaar, immer Hessentagspaar.“ Denn die Bühnen mögen verschwunden sein. Die Festmeile ist längst wieder Alltag. Die Kleider werden irgendwann gereinigt sein. Doch manches verschwindet eben nicht mit der letzten Veranstaltung. Manches bleibt. Im Herzen. Und manchmal auch einfach im Kleiderschrank.
