65 Jahre später erinnert die Katholische Akademie Fulda an dieses Ereignis. Für die Akademie ist der Jahrestag weit mehr als ein historisches Gedenken. Als Ort politischer und gesellschaftlicher Bildung will sie Geschichte verständlich machen, unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch bringen und aus der Vergangenheit Fragen für die Gegenwart entwickeln.
„Die Berliner Mauer war das sichtbarste Symbol der deutschen Teilung und zugleich ein Symbol dafür, dass eine Diktatur ihre Bürgerinnen und Bürger durch Abschottung und Repression am Verlassen des Landes hindern musste“, so Gunter Geiger, Direktor der Katholischen Akademie Fulda. „Erinnerungskultur bedeutet für uns deshalb nicht, Geschichte lediglich zu bewahren. Sie muss dazu beitragen, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte als Werte zu verstehen und zu verteidigen.“
Vom Mauerbau zur Friedlichen Revolution
Der 13. August 1961 wirft bis heute grundlegende Fragen auf: Warum errichtete die SED-Führung die Mauer? Wie wurde das Grenzregime in den folgenden 28 Jahren technisch perfektioniert und politisch-ideologisch gerechtfertigt? Warum gelang es dem Regime trotz Repression und Überwachung nicht, den Freiheitswillen der Menschen dauerhaft zu unterdrücken? Und weshalb verlor die Mauer 1989 ihre Funktion als zentrale Frontlinie des Kalten Krieges?
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur weist zum 65. Jahrestag darauf hin, dass die Mauer nicht dem Schutz vor einem äußeren Feind diente, sondern vor allem nach innen gerichtet war: Sie sollte verhindern, dass Menschen die DDR verließen, und die Bevölkerung von westlichen Einflüssen abschirmen.
Die Mauer steht damit auch für das Leid der Menschen, die sich nach Freiheit und Demokratie sehnten. Viele Fluchtversuche endeten mit Haft, Gewalt oder Tod. Die Geschichten der Opfer, der Familien und derjenigen, die sich der Diktatur widersetzten, gehören nach Überzeugung der Katholischen Akademie dauerhaft in die deutsche Erinnerungskultur.
Erinnerungskultur als politische Bildung
Die Katholische Akademie Fulda sieht die Aufgabe, historische Ereignisse nicht auf einzelne Gedenktage zu reduzieren. Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur, der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung ist Teil einer umfassenden politischen Bildung.
Dabei geht es auch um die Frage, was aus der Geschichte nach 1989 geworden ist. Die staatliche Einheit wurde erreicht – die gesellschaftliche Einheit ist jedoch ein Prozess geblieben. Unterschiedliche Erfahrungen in Ost und West, wirtschaftliche Umbrüche, Enttäuschungen über die Entwicklung nach 1990 und bis heute vorhandene gegenseitige Vorurteile prägen die deutsche Gesellschaft.
„Die Frage nach der inneren Einheit ist auch 36 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung nicht abgeschlossen“, betont Geiger. „Politische Bildung muss deshalb Räume schaffen, in denen unterschiedliche Erfahrungen ausgesprochen, historische Entwicklungen kritisch hinterfragt und gemeinsame Perspektiven für die Zukunft entwickelt werden können.“
Dabei soll es nicht um eine einfache Gegenüberstellung von „Ost“ und „West“ gehen. Vielmehr müsse gefragt werden, welche politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen nach 1990 getroffen wurden, welche Alternativen denkbar gewesen wären und wie sich unterschiedliche Biografien und Erfahrungen bis heute auf das Zusammenleben auswirken.
Fulda und Point Alpha: Geschichte vor Ort begreifbar machen
Für die Arbeit der Katholischen Akademie besitzt dabei auch die geografische Lage Fuldas eine besondere Bedeutung. Fulda lag jahrzehntelang unmittelbar am Eisernen Vorhang und damit an der Nahtstelle zwischen den politischen und militärischen Blöcken des Kalten Krieges.
Ein wichtiger Kooperationspartner ist deshalb die Point Alpha Stiftung. Point Alpha gilt als herausragender Erinnerungs- und Bildungsort an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Heute stehen dort unter anderem die Geschichte des Kalten Krieges, die deutsche Teilung und Fragen von Freiheit und Demokratie im Mittelpunkt.
„Point Alpha ist für unsere Akademiearbeit ein besonderer außerschulischer Lern- und Erinnerungsort“, erklärt Geiger. „Wo einst zwei politische Systeme unmittelbar aufeinandertrafen, lässt sich Geschichte konkret erfahren. Gerade für politische Bildung ist es wichtig, historische Zusammenhänge nicht nur abstrakt zu vermitteln, sondern Orte aufzusuchen, an denen diese Geschichte sichtbar und erfahrbar wird.“
Die Verbindung von Fulda als ehemaligem Zonenrandgebiet und Point Alpha als ehemaligem Brennpunkt des Kalten Krieges eröffnet dabei einen besonderen Zugang zur Geschichte der deutschen Teilung. Das Forschungsinstitut Point Alpha arbeitet heute unter anderem zu den Themen „Kalter Krieg in Geschichte und Gegenwart“, „Border Studies“ und „Demokratie in der Globalen Ordnung“.
Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Aufarbeitung
Auch mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verbindet die Katholische Akademie Fulda eine enge Zusammenarbeit. Die Stiftung fördert die Auseinandersetzung mit den Ursachen, der Geschichte und den Folgen der kommunistischen Diktatur in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR und begleitet die Auseinandersetzung mit der deutschen Einheit. Zum 65. Jahrestag des Mauerbaus stellt sie umfangreiche historische Informationen, Bildungsmaterialien und Zeitzeugenberichte zur Verfügung.
Für die Katholische Akademie ist diese Zusammenarbeit ein wichtiger Bestandteil ihres Verständnisses von Bildungsarbeit: Wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Quellen, persönliche Erinnerungen und aktuelle gesellschaftliche Debatten sollen miteinander verbunden werden.
Der 13. August 1961 ist deshalb nicht nur ein Blick zurück. Er ist auch eine Einladung, über die Voraussetzungen demokratischer Gesellschaften nachzudenken: über Freiheit und Menschenrechte, über die Bedeutung offener Grenzen, über politische Verantwortung und über die Frage, wie demokratische Kultur dauerhaft bewahrt werden kann.
„65 Jahre nach dem Mauerbau gilt daher: Erinnerung ist kein Blick zurück, der in der Vergangenheit stehen bleibt. Erinnerung ist politische Bildung – und damit ein Beitrag zur Gestaltung der Gegenwart und Zukunft.“, so Gunter Geiger.
