Ulrich Halbleib, Geschäftsführer des Sanitätshauses Keil, sowie Stefan Hartung und Volker Büchel von der Amputierten-Selbsthilfe verdeutlichten die Notwendigkeit einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung. Hartung und Büchel, die beide selbst Beinprothesen tragen, stehen Betroffenen beratend zur Seite. „Es ist einiges noch im Argen, von Inklusion und Teilhabe ist es noch ein bisschen entfernt“, betonte Hartung. Deutschland liege im europaweiten Vergleich im unteren Bereich. Dabei sei das Thema hochrelevant: Jährlich werden in Deutschland zwischen 40.000 und 50.000 Amputationen durchgeführt. Besonders eine Sepsis führt im Falle eines Überlebens nicht selten zu Amputationen. „Für viele ist es ein totaler Zusammenbruch. Wie und was geht weiter?“, beschreibt Hartung die erste Phase nach dem Schicksalsschlag. Die Sorgen drehen sich meist um das Laufen, die Rückkehr in den Beruf, die Ausübung von Sport oder die Fähigkeit, weiterhin Auto zu fahren. Zudem gestalte sich der Erhalt von Zuschüssen kompliziert, was insbesondere Arbeitslose oder Rentner vor Herausforderungen stelle.
Zwischen High-Tech und Handwerkskunst
Halbleib hob hervor, dass moderne Prothesen mittlerweile echte High-Tech-Produkte sind. Dies gilt nicht nur für die Beine, sondern auch für die Hand. Während Prothesen früher oft rein ästhetischen Zwecken dienten, ermöglichen moderne Modelle heute komplexe Greifbewegungen durch die Steuerung via Muskelsignale. Halbleib betonte dabei, dass die Anfertigung dieser Hilfsmittel höchst anspruchsvoll sei, und lobte in diesem Zusammenhang den Einsatz seiner Mitarbeiter. Dennoch bleibe die Passform ein kritisches Thema: Verändere sich der Körper, beeinträchtigt dies sofort den Sitz der Prothese. Die Nutzungsdauer variiere je nach Bauteil: Beim Fuß liegt sie bei drei Jahren, beim Schaft normalerweise bei fünf Jahren und bei den Verbindungselementen zwischen fünf und acht Jahren. Ein Austausch einzelner Komponenten sei jedoch jederzeit möglich. Neben der Technik spiele die körperliche Verfassung eine entscheidende Rolle. Der Fitnesszustand vor dem Ereignis sei ein wichtiger Indikator dafür, wie schnell Patienten wieder buchstäblich auf die Beine kommen.
Psychische Last und unsichtbare Behinderung
Ein oft unterschätzter Aspekt sei der psychische Umgang mit dem Verlust eines Gliedmaßes. „Es gibt Leute, die können es nicht verarbeiten, und es gibt Leute, die stecken es besser weg“, erklärte Halbleib. Die tägliche Anstrengung beim Gehen oder Greifen mit einer Prothese sei enorm. Büchel brachte es treffend auf den Punkt: „Prothesenlaufen ist ein Sport, den man sich nicht ausgesucht hat.“ Zudem mahnte er an, die Wahrnehmung durch Ereignisse wie die Paralympics differenziert zu betrachten: „Von den Sportlern her ist das vollkommen in Ordnung, aber auf der anderen Seite vermittelt das in der breiten Öffentlichkeit, von unserer Lebensrealität einen falschen Eindruck“, so Büchel. Ein weiteres Problem im Alltag sei die „Unsichtbarkeit“: Tragen Amputierte normale Kleidung, werden sie oft nicht als beeinträchtigt wahrgenommen. In Menschenmengen führe das häufig dazu, angerempelt zu werden, wofür eine hohe körperliche Stabilität erforderlich sei.
