Lokales FD 21.04.2026

Politik-Dialog in der Aula: Sigmar Gabriel stellt sich Fuldaer Schülern

Fulda (pk) – Hoher Besuch an der Freiherr-vom-Stein-Schule: Der ehemalige Vizekanzler, Bundesminister und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel stand am Montag im Rahmen einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort. Moderiert von fünf Schülern eines Leistungskurses Politik und Wirtschaft, gab Gabriel in der voll besetzten Aula tiefe Einblicke in sein politisches Denken – auch das Publikum hatte die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Foto: Paul Kukula

Die Diskussion war in vier Themenblöcke gegliedert: Nach Fragen zum persönlichen Werdegang folgten Debatten über die politische Praxis, Generationengerechtigkeit, die Wiedereinführung der Wehrpflicht sowie Weltpolitik und Klimaschutz. Um das Eis zu brechen, bereitete das Quintett auf der Bühne ein „Entweder-oder-Spiel“ vor. Dabei geriet der ehemalige Vizekanzler kurzzeitig ins Stocken: Bei der Frage „Trump oder Putin?“ entschied er sich gegen die Spielregeln für ein klares: „Weder noch“.

Klartext zur SPD und zur Rüstungsindustrie

Im anschließenden Tiefgang erläuterte Gabriel seine Verbundenheit zur SPD. „Man muss sich eine Partei suchen, bei der ein Klima herrscht, bei der sie ihre eigenen Ideen, ihre abweichenden Meinungen, angstfrei äußern dürfen“, so Gabriel. Dies sei bei seinem Eintritt der Fall gewesen. Trotz Kritik bleibe die SPD für ihn die Partei der Wahl – unter anderem, weil sie in den dunkelsten Zeiten des Landes die Demokratie verteidigt habe. Dennoch sparte er nicht mit Kritik an der Gegenwart: „Was mich total nervt an der SPD heute ist, dass sie aus meiner Sicht nicht so richtig klarmacht wofür sie steht“, erklärte er.

Auch seine Rolle im Aufsichtsrat von Rheinmetall wurde thematisiert. „Was ich für wichtig halte, ist, dass sich die Rüstungswirtschaft konsolidieren muss“, so Gabriel. Er betonte jedoch seine Sorge, dass Aufrüstung derzeit als einziger Weg zu Frieden und Sicherheit gesehen werde: „Die Rolle der Diplomatie muss eigentlich zurückkehren.“

Wandel in der Politik

Im zweiten Block beschrieb Gabriel den Wandel der politischen Kultur: „Es ist viel ruppiger geworden, viel weniger zum Zuhören bereit, es ist beleidigender, es radikalisiert sich in den Umgangsformen und in der Sprache.“ Ein wesentlicher Faktor seien hierbei die sozialen Medien. „Erstens finde ich, bei Social Media sollte das Gleiche gelten wie außerhalb“, so Gabriel, wenngleich es schwierig sei, die Urheber greifbar zu machen. Zudem gab er Einblicke in die Zusammenarbeit verschiedener Parteien: Erfolgreiche Koalitionsbildungen begännen oft unter vier Augen zwischen den Parteivorsitzenden, um sich auf Kernpunkte zu einigen, bevor man in die Gremien gehe. Besonders deutlich wurde Gabriel beim Thema Bürgergeld: „Das ist für mich eine total bekloppte Veranstaltung“, so Gabriel. Dies sei ein Fehler der SPD gewesen, der die Partei viele Stimmen gekostet habe.

Plädoyer für die Wehrpflicht

Ein weiterer zentraler Punkt war die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht. Im Vorfeld der Veranstaltung war die Schülerschaft dazu befragt worden: Während Gabriel vermutete, dass die Mehrheit dagegen sei, bestätigte das Ergebnis dies mit 61 Prozent Ablehnung zu 39 Prozent Zustimmung. Er selbst vertrat jedoch eine klare Gegenposition: „Ich bin absoluter Befürworter der Wehrpflicht, ich war auch Soldat“, erklärte Gabriel. Für ihn sei es entscheidend, aktiv für den Erhalt der Sicherheit und den Wohlstand einzustehen. „Der Sinn der Bundeswehr ist, dass es nicht zum Krieg kommt, der Krieg kommt eher, wenn wir nicht verteidigungsfähig sind“, so der Politiker. Er erinnerte an den Kalten Krieg, den man gewonnen habe, ohne einen Schuss abzugeben, da der Gegner finanziell am Ende und nicht mehr kampffähig gewesen sei.

Zukünftige Konflikte sieht er zudem stark im technologischen Wandel: „Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der nächste Krieg nicht mit bewaffneten Fahrzeugen und Flugobjekten geführt wird“, so Gabriel. Der vermehrte Einsatz von Drohnen werde auch die Ausbildung verändern.

Weltpolitik und die kritische Sicht auf die Energiepolitik

Mit Blick auf die Weltpolitik benannte er Russland als größte Bedrohung, da das Land Krieg in Europa führe. Als zweite globale Gefahr identifizierte er die Auswirkungen des Klimawandels, wobei er den US-Ausstieg aus Klimaabkommen kritisierte. Gleichzeitig fand er deutliche Worte für den deutschen Weg: „Wir müssen aber auch zugeben, dass unsere Methodik in der Energiepolitik nicht besonders viele Nachahmer findet“, so Gabriel. Da Deutschland weder auf Kernenergie noch auf große Wasserkraftressourcen setze, verbrauche das Land sehr teure Energie. „Da ist schon die Frage, wie machen wir mit unserer Energiepolitik weiter“, schloss Gabriel kritisch.

Gabriel zu Gast an der Freiherr-vom-Stein-Schule. Fotos: Paul Kukula.