Lokales FD 16.04.2026

Irina Scherbakova zu Gast in Fulda: „Menschenfresser-Zeit“

Fulda (pm/gü) – Einen außergewöhnlichen Abend erlebten die Besucherinnen und Besucher der Katholischen Akademie Fulda am Dienstag: Dr. Irina Scherbakova, Historikerin, Germanistin und Mitgründerin der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, stellte ihr neues Buch „Der Schlüssel würde noch passen“ vor.

Gunter Geiger (Akademiedirektor), Mareen Kölker (Friedrich-Naumann-Stiftung), Dr. Irina Scherbakova, Sascha Tamm und Andreas Christ (Moderator des Abends). Fotos: Katholische Akademie Fulda.

Irina Scherbakova während der Diskussion

Irina Scherbakova signiert ein Exemplar ihres neuesten Buchs.

„Jemanden von Memorial begrüßen zu können, das passiert nicht oft“, betonte Akademiedirektor Gunter Geiger bei seiner Begrüßung: „Ich habe mich schon vor Irina Scherbakova verbeugt.“ Gleichzeitig machte Geiger auf die aktuelle Bedrohungslage aufmerksam: „Ich könnte unseren Gast auch eine Terroristin nennen.“ Hintergrund: Die russische Regierung hatte „Memorial“ als „extremistische Bewegung“ verboten, wodurch Mitglieder und Unterstützer kriminalisiert werden. Unter der Moderation von Andreas Christ diskutierte Sascha Tamm von der Friedrich-Naumann-Stiftung (Mitveranstalter des Abends) gemeinsam mit Scherbakova über die historische Aufarbeitung der Sowjetzeit, die Gegenwart in Russland und die Gefahren für Menschenrechte unter der Regierung Wladimir Putins.

Scherbakova, 1949 in Moskau geboren, betonte ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat: „Ich wollte Russland nie verlassen. Davor hatte ich immer Angst.“ 1989 gründete sie „Memorial“, um die Gräueltaten der Vergangenheit – von Stalin bis Hitler – aufzuarbeiten. Die Organisation sammelte Dokumente über Millionen Opfer politischer Gewalt, Deportationen und Zwangsarbeit. Die Historikerin beschreibt die aktuelle Epoche in Russland als „Menschenfresser-Zeit“ und stellt einen drastischen Kontrast zu den letzten Jahren der Sowjetunion her, die sie als „lahme Diktatur“ bezeichnet. Putin sei „besessen von Geschichte“ und nutze diese, um die Vergangenheit zu verklären, die Sowjetunion aufzuwerten und den Krieg gegen die Ukraine ideologisch zu rechtfertigen. Nach der Durchsuchung des Büros von „Memorial“ im März 2022 – symbolisch markiert durch ein „Z“ für den Ukraine-Krieg – verließ Scherbakova mit zwei Koffern ihre Heimatstadt Richtung Westen. Trotz aller Widrigkeiten bleibt sie zuversichtlich: „Ich glaube daran, dass das aktuelle Machtsystem überwunden wird und ‚Memorial‘ in Russland wieder arbeiten kann.“

Auch Sascha Tamm beleuchtete historische und aktuelle Hintergründe: Die Perestrojka sei eine Zeit der Wirren gewesen, aus der die heutigen Machtstrukturen hervorgingen. Profiteure dieser Zeit waren frühe Milliardäre aus Sicherheitskreisen. Putin selbst stamme aus einfachen Verhältnissen und habe sich über den Geheimdienst nach oben gekämpft. Schon in seinen ersten Jahren als Präsident habe er Presse und Fernsehen unter Kontrolle gebracht und historische Narrative manipuliert. Über Putins Herkunft sagte Scherbakova: „Er stammt aus den Vorstadtsbezirken Moskaus der 50er/60er Jahre – ein Milieu, das man mit dem Wort ‚Gosse‘ beschreiben könnte. Eigentlich ist er ein ‚Mann ohne Eigenschaften‘. Manchmal, wenn er sich in Rage redet, verfällt er noch in die menschenverachtende Sprache jener Zeit. Über die Partei wäre sein Aufstieg langsamer verlaufen.“

Auf die Frage, ob sich Putin seit 2001 verändert habe – als er im Bundestag noch als Hoffnungsträger beklatscht wurde – antwortete Scherbakova: „Ich habe ihm schon damals kein Wort geglaubt.“ Sie führte Beispiele an: Die sowjetische Hymne wurde wieder gesungen, Schulbücher umgeschrieben, und bereits in seinen ersten Amtsjahren ging er gegen Presse und Fernsehen vor. Scherbakova beschrieb auch die Beziehung zwischen Russland und dem Westen: Anfangs sei Putin auf gute Wirtschaftsbeziehungen angewiesen gewesen, doch innenpolitisch habe er seine Macht sichern und ausbauen müssen. Die pro-russischen Akteure im Westen hätte die russische Machtelite als „nützliche Idioten“ betrachtet.

Der Abend in Fulda zeigte eindrucksvoll, wie eng historische Aufarbeitung, Menschenrechte und aktuelle politische Entwicklungen in Russland miteinander verknüpft sind. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bot sich eine seltene Gelegenheit, aus erster Hand über die Gefahren autoritärer Politik und den Wert historischer Wahrheit zu lernen.