Um den Schülerinnen und Schülern ein möglichst breites Spektrum an Möglichkeiten der Berufswahl vorzustellen, gehört daher auch ein tiefer Einblick in Berufe in Handwerk und Verwaltung und vielen anderen Bereichen zum Angebot der Berufsorientierung. Diese wiederum ist fester Bestandteil des Schulprogramms. Studiendirektor Oliver Stoy zeichnet dafür an der Alexander-von-Humboldt-Schule verantwortlich. Damit verbunden ist in der Stufe 9 vor den Praxistagen im Berufsbildungszentrum (BBZ) in Fulda eine Potenzialanalyse. Hier werden überfachliche Kompetenzen, beispielsweise im sozialen oder kommunikativen Bereich, ermittelt. „Diese Analyse ist für die jungen Menschen sehr hilfreich“, so Stoy. Er bedauert, dass die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend dafür nun ausläuft. „Die Alexander-von-Humboldt-Schule wird daher Lehrkräfte in der „Kompetenzfeststellung für Gymnasien [KomPoG] schulen lassen“, kündigt er an, denn die Ergebnisse liefern Schülerinnen und Schülern einen guten Blick auf die eigenen Fähigkeiten und eignen sich dazu, sich mit ersten beruflichen Tendenzen sowie ihren Motivationen auseinanderzusetzen. Teil dieses Verfahrens ist außerdem, dass sich die jungen Menschen gegenseitig beraten und einschätzen, was für ihr Gegenüber passen könnte. „Die sogenannte Peer-Beratung wird ein wichtiger Baustein“, betont Stoy. An der AvH wird das Berufsorientierungsprogramm seit Beginn der Erweiterung für Gymnasien im Jahr 2023 angewandt. „In Kombination mit den Praxistagen am BBZ geht es darum, auch Berufe in den Blick zu nehmen, die man als Abiturient nicht unbedingt auf dem Schirm hat“, erläutert Karsten Krämer, stellvertretender Schulleiter. „Empathie für Handwerksberufe, sich selbst ausprobieren und die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, ist eine Facette dieses Projekts“.
Zwei Wochen lang, zweimal fünf Tage, fahren die Jugendlichen mit öffentlichen Verkehrsmitteln „an die Arbeit“. In den Lehrbetrieben des BBZ können sie dann, angeleitet von Fachlehrkräften und Ausbildern in die verschiedensten Berufe aus den Bereichen Soziales, Pflege und Gesundheit, Wirtschaft und Verwaltung, Tourismus und Gastgewerbe, Gewerbe und Technik, Industrie, Naturwissenschaft sowie Handwerkt schnuppern.
„Für die Schülerinnen und Schüler ist dies eine komplett neue Erfahrung“, wissen die Pädagogen, denn: „Sie erleben (fast) einen kompletten Arbeitstag mit teilweise langer Anfahrt, und einem Siebenstunden-Arbeitstag. Danach waren die meisten von ihnen nach eigenen Aussagen ganz schön erledigt.“ Dennoch haben alle gut durchgehalten: Es gab wenige Fehlzeiten und viele der Kommentare zeigten, dass die jungen Leute trotz des Aufwands und der Anstrengungen viele Erkenntnisse mitgenommen haben: So gaben sie an, dass sie Spaß an Berufen gefunden hätten, die sie zunächst ganz anders eingeschätzt hatten. Die meisten von ihnen fanden, die Werkstatttage seien eine gute Ergänzung zum Schulunterricht und hätten ihnen geholfen, die eigenen Stärken besser kennenzulernen. Besonders interessant war sowohl für die Schülerinnen und Schüler als auch für die Lehrpersonen, dass die jungen Menschen einige selbstgebaute Werkstücke mit nachhause nehmen konnten: Zu sehen, dass man mit eigenen Händen ein Vogelhäuschen bauen kann, einen Schaltkreis erstellen oder eine Metallarbeit umsetzen, ist für viele eine neue, schöne Erfahrung. „Diese selbst vor Ort zu machen, in der Werkstatt, gemeinsam mit anderen Menschen und nicht im virtuellen Raum, fördert die Selbstwirksamkeit und kann Kraft für neue Herausforderungen vermitteln“, so Karsten Krämer.
Vor- und nachbereitet werden die Praxistage an der AvH übrigens mit Hilfe der Berufswahl-App, die die Schule schon vor vier Jahren eingeführt hat. Hier nehmen die Schülerinnen und Schüler alle Auswertungen vor, hier speichern sie ihre Zertifikate und behalten einen digitalen Überblick über ihre Maßnahmen im Rahmen der Berufsorientierung von der Mittelstufe bis zum Abitur. „Mit dieser App sehen wir ein gutes Beispiel für den Einsatz digitaler Mittel“, so Krämer. „Damit folgen wir auch unserem Motto ‚Digital vernetzt, analog verankert‘“.
Für die Organisatoren an der AvH ist all das ein Beleg dafür, dass gerade der Einblick in das Handwerk und andere Ausbildungsberufe sich auch für Gymnasiasten lohnt. Schließlich bieten auch diese Berufe gute Perspektiven – vom Handwerksmeister über ein Duales Studium bis hin zur Selbstständigkeit. Oliver Stoy und Karsten Krämer sind sich einig: „Die Praxistage sind für die Schülerinnen und Schüler ein Blick über den Tellerrand, der sich lohnt.“
