Die Bürgerstiftung antonius : gemeinsam Mensch rückt diesen „blinden Fleck“ der Medizin nun stärker in den Fokus. Beim Fachtag „Inklusive Medizin“ am Dienstag brachte antonius Expertinnen und Experten sowie Betroffene und Angehörige zusammen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Die Veranstaltung des Therapiezentrums Zitronenfalter fandin der antonius Festscheune statt. Ergänzt werden die Fach- und Impulsvorträge durch eine Podiumsdiskussion sowie eine Zukunftswerkstatt.
Sebastian Bönisch aus der antonius-Geschäftsführung begrüßte zum Auftakt des Fachtags und wies dabei auf die zentrale Frage hin: „Baut moderne Medizin Ungleichheiten auf oder ab? Inklusive Medizin bedeutet, von Anfang an so zu planen, dass alle mitgedacht werden.“ Zum Auftakt des eingebetteten Gesundheitstages begrüßte dessen Organisatorin Madita Bahr die Teilnehmenden: „Herzlich willkommen, mein Name ist Madita Bahr und ich bin die Leiterin des Projekts Gesundheitsförderung bei antonius. Ich freue mich sehr, Sie heute noch einmal zu unserem Gesundheits- und Fachtag ‚Inklusive Medizin‘ begrüßen zu dürfen.“
Auch Staatssekretär Michael Brand richtete digitale Grüße aus Berlin aus, da er nicht vor Ort sein konnte. In seiner Videobotschaft betonte er: „Die medizinische Versorgung und die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen sind keine freiwillige Leistung, sondern eine moralische Pflicht und ein Menschenrecht nach der UN-Behindertenrechtskonvention.“ Brand verwies darauf, dass sich Deutschland verpflichtet habe, ein inklusives und barrierefreies Gesundheitssystem zu schaffen. „Die Realität sieht aber noch oft anders aus. Menschen mit Handicaps haben nach wie vor deutlich schlechtere Gesundheitschancen. Das darf uns nicht zufriedenstellen“, so der Bundestagsabgeordnete. Zugleich hob er die Rolle der Region hervor: „Umso mehr freut es mich, dass Fulda und antonius gemeinsam Mensch hier erneut als Modellregion vorangehen.“ Er erinnerte an die Entwicklung der vergangenen Jahre – vom Aufbau der Frühförderstelle Zitronenfalter bis hin zur Eröffnung des Medizinischen Zentrums für Erwachsene mit Behinderung im Jahr 2024. „Dass nun mit der inklusiven Medizin ein weiterer Baustein hinzukommt, ist ein wichtiger und richtiger Schritt“, sagte Brand. Ziel müsse es sein, neben Modellprojekten auch langfristige strukturelle Lösungen zu schaffen: „Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das für alle da ist.“
Inklusive Medizin kein Nischenthema
„Wir sprechen hier nicht von einem Nischenthema, sondern von rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die unser Gesundheitssystem systematisch vernachlässigt“, ordnet Sebastian Bönisch aus dem antonius-Führungsteam die Relevanz ein. „Menschen mit intellektueller Behinderung bringen im medizinischen Kontext häufig Besonderheiten mit – sie können beispielsweise in ihrer Kommunikation eingeschränkt sein, verunsichert auf neue Situationen reagieren, Unterstützung bei einer gesunden Lebensführung benötigen oder an komplexen körperlichen und psychischen Erkrankungen leiden. Wir bei antonius sind überzeugt, dass eine medizinische Versorgung, die gezielt auf diese Gruppe abgestimmt ist, diese Versorgungslücke schließen kann.“
Gesundheits- und Innovationszentrum geplant
Konkret plant antonius den Aufbau eines Gesundheits- und Innovationszentrums, das medizinische Versorgung, ärztliche Ausbildung und Forschung miteinander verbindet. Herzstück soll eine inklusive Hausarztpraxis sein, die Fachärzte, Therapeuten und Telemedizin interdisziplinär vernetzt. Ziel ist es, die Gesundheit und Lebenserwartung von Menschen mit Behinderung nachhaltig zu verbessern und ein Modell für das gesamte Gesundheitssystem zu schaffen.
„Ein Recht auf Gesundheit wie wir alle“
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt unter anderem von der Hochschule Fulda, dem Klinikum Fulda sowie durch eine Telemedizinstudie von Dr. med. Carlos Plappert. Er sagt: „Bei antonius fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass mir Menschen mit geistiger Behinderung weder im Studium noch an der Charité oder in der US-Spitzenforschung je begegnet sind. Sie finden im Gesundheitssystem schlicht nicht statt – dabei haben sie ebenso ein Recht auf Gesundheit wie wir alle.“ Weiter erklärt er: „Bei unserem Forschungsprojekt wollen wir Daten aus dem Alltag der Menschen mit Behinderung sammeln, um besser zu verstehen, wie sich Krankheiten entwickeln und wo Prävention ansetzen kann – etwa mit Telemedizin. Das ist auch für den Einsatz von KI elementar: Wenn diese Gruppen heute nicht berücksichtigt werden, fehlen morgen die Datensätze.“
Inklusive Medizin als Gewinn für alle
Unterstützung kommt auch von Prof. Dr. med. Tanja Sappok, Professorin für Inklusive Medizin. Sie bezeichnet das Vorhaben als „vielversprechende Initiative“ und betont: „Inklusive Medizin nutzt letzten Endes uns allen. Es geht darum, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und sich die Versorgung am Bedarf des Einzelnen ausrichtet.“
Starke Partner und gemeinsames Ziel
Der Fachtag soll zugleich den Grundstein für einen Forschungs- und Transferverbund für inklusive Gesundheit legen. Zu den Partnern zählen unter anderem die Hochschule Fulda, die Philipps-Universität Marburg, die Charité Berlin, das Sozialmedizinische Institut Hamburg sowie das Klinikum Fulda.
Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel: Barrieren abbauen und eine medizinische Versorgung schaffen, die allen Menschen gerecht wird. Eingebettet ist der Fachtag in einen internen Gesundheitstag für die Mitarbeitenden von antonius, der das Thema Prävention auch praktisch erlebbar machen soll. Bahr betonte die besondere Bedeutung der Veranstaltung: „Dieser Tag ist in dieser Form etwas Besonderes. Bei antonius denken wir Arbeit nicht in klassischen Werkstätten, sondern in inklusiven Arbeitsbereichen. Genau dieses Verständnis tragen wir heute auch an die Gesundheitsförderung heran. Damit setzen wir ein neues Zeichen für gelebte Inklusion in der betrieblichen Gesundheitsförderung in unserer Region.“
