„Ihre Arbeiten zeigen innere Landschaften, die Werke sprechen leise, aber eindringlich“, erklärt Akademiedirektor Gunter Geiger in seiner Begrüßung. Lili Gebhard, die aus der Literaturwissenschaft kommt, habe gemerkt, dass man nicht alles mit Worten ausdrücken kann. In ihrem künstlerischen Schaffen verarbeite Gebhard die oft leidvolle Geschichte ihrer russlanddeutschen Familie. Sie sind Mennoniten und kamen 1978 nach Deutschland; Lili wurde 1979 geboren.
Gebhard fiel auf, dass viele Leiderfahrungen der Russlanddeutschen vor allem aus der Zeit der Sowjetunion sehr nüchtern und emotionslos dargestellt wurden. In ihrem poetischen und künstlerischen Schaffen will sie diesen Erfahrungen Ausdruck verleihen. Die Bilder sind geprägt durch mehrere Schichten – bis zu 20 auf einem Bild. Manches wird durch eine darüberliegende Schicht verborgen, anderes bleibt sichtbar. Als Materialien verwendet sie Acrylfarbe, Jute, aber auch Steinstaub oder Asche. „Als ich Steinstaub auf ein Bild mit Farbe auftrug, sagten meine Kinder einmal entsetzt: ,Schon wieder Steinstaub, Du zerstörst ja das ganze Bild!“, erinnert sich Gebhard.
Eines der Bilder ist durch gelbe Farbe geprägt. Es ist entstand zum Ukraine-Krieg. "Ich habe mich dabei auch an die Erzählungen über die leidvollen Erfahrungen meiner Familie in der Sowjetunion erinnert.“ Auch auf diesem Bild sind zahlreiche Schichten übereinander und ineinander aufgetragen – also vielschichtig. „So wie jedes menschliche Leben vielschichtig ist durch die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen“, erklärt die Künstlerin dazu.
Zum Abend der Finissage gehört auch ein Gespräch Gebhards mit Edwin Warkentin. Er leitet das Kulturreferat der Russlanddeutschen in Detmold. Und er ist Co-Autor von „Steppenkinder– der Aussiedler-Podcast“. Wie Gebhard stammt er aus einer russland-deutschen Familie. Warkentin sagt von sich, er sei kein kirchlicher Mensch. Er identifiziere sich aber mit der besonderen Kultur und Geschichte seiner Vorfahren. Und das waren die Täufer, eine Konfession, die 15. und 16. Jahrhundert neben dem Luthertum entstanden ist. Er nennt ein Beispiel: „Ich habe den Kriegsdienst verweigert, weil ich durch die pazifistische Tradition des Täufertums geprägt bin“, so der Referent.
Warkentin berichtet von abenteuerlichen Wegen, auf denen Russlanddeutsche in der Zeit der Verfolgung unter Stalin unterwegs waren. So zogen einige in die Nähe des Flusses Amur ganz im Osten Russlands an der Grenze zu China und siedelten sich dort an. In der Weihnachtsnacht 1930 floh das gesamte Dorf über den zugefrorenen Amur nach China. Nach einer Odyssee durch China erreichten sie in Shanghai das letzte Schiff, bevor der Krieg mit Japan ausbrach. Die Geflohenen wurden auf die Länder Paraguay, Brasilien, Kanada und USA verteilt. Gebhard bestätigt, sie habe Verwandte in Kanada, die sie auch schon besucht habe. Und Warkentin war schon bei Russlanddeutschen in Paraguay. Diese verstünden kaum Hochdeutsch, weil sie dort nur die Mundart der Wolgadeutschen sprechen. Dieser Dialekt ähnelt dem Pfälzischen und Hessischen.
Zur Situation der Russlanddeutschen in der Bundesrepublik betont Warkentin: „Sie sind nicht alle gleich. Wir leben in verschiedenen Milieus.“ Gebhard ergänzt dazu: „Wir kommen beide aus Milieus, die sprachfähig sind. Das wurde uns in die Wiege gelegt“. So habe ihr Vater für seine Bibliothek viele deutsche literarische Werke aus der DDR bezogen. Warkentins Eltern wiederum waren Schauspieler, arbeiteten am einzigen deutschsprachigen Theater in Russland, das vom Staat gefördert wurde. Dadurch vermittelten sie der russischen Mehrheit, was ihre Identität als deutsche Minderheit ausmacht.
