Lokales FD 24.09.2025

Zehn Jahre Flüchtlingshilfe: Kirche folgt klarem „Handlungsauftrag“

Fulda (pf/pm) – „Wir schaffen das“ – dieser historische Satz von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel fiel vor zehn Jahren. Im Rahmen der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda wurde nun nach einer Dekade eine Bilanz zum kirchlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe gezogen.

Screenshot: YouTube/ Deutsche Bischofskonferenz

Fotos: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic

Zu Beginn der Runde nahm Dr. Matthias Kopp, Pressesprecher der Bischofskonferenz, die Themen des Tages zum Anlass und zeigte sich fassungslos über die Äußerungen des AfD-Fraktionsvize Sachsen-Anhalts, Hans-Thomas Tillschneider. Dieser hatte den DBK-Vorsitzenden Bischof Georg Bätzing als „vom Teufel geschickt“ bezeichnet. Kopp: „Ich frage mich, ob er zu heiß geduscht hat, aber weise das mit aller Klarheit zurück und empfehle ihm das Johannesevangelium 8,7“. Dann kamen die Vertreter auf die Migration zu sprechen, und auch Krzysztof Zadarko als Mitglied der polnischen Bischofskonferenz – und dortiger Migrationsbeauftragte – war in Fulda zu Besuch.

Angesichts der Zahl von Menschen, die hierzulande Zuflucht suchten, und der damit verbundenen drängenden Fragen für Gesellschaft und Politik hat die Deutsche Bischofskonferenz bei der Herbst-Vollversammlung 2015 mit Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg) einen Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen ernannt. Unter seiner Federführung wurde unter anderem der Arbeitsstab für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz gegründet, jährliche Flüchtlingsgipfel organisiert und die Vernetzung der Flüchtlingsbeauftragten der (Erz-)Bistümer gefördert. So wurde in einem Jahrzehnt viel – gerade auch finanziell – auf den Weg gebracht, getragen vom großen und oft auch ehrenamtlichen Engagement zahlreicher Menschen vor Ort.

Der Sonderbeauftragte Erzbischof Dr. Stefan Heße blickte zu Beginn zehn Jahre zurück: Damals hing ein Zitat von Papst Franziskus auf einem großen Banner vor dem Fuldaer Dom: „Angesichts der Tragödie Zehntausender von Flüchtlingen, die vor dem Tod durch Krieg und Hunger fliehen und zu einem hoffnungsvolleren Leben aufgebrochen sind, ruft uns das Evangelium auf, ja es verlangt geradezu von uns, ‚Nächste‘ der Geringsten und Verlassenen zu sein. Die christliche Hoffnung ist kämpferisch.“

Dies sei ein konkreter Aufruf zu Nächstenliebe gewesen, „der damals unsere Beratungen bestimmt hat“, so Heße: Viele Geflüchtete seien einen gefährlichen Weg gegangen: „Das war keine Spazierfahrt, sondern ein existenzieller, lebensgefährlicher Weg“. Papst Franziskus habe stets vom Mittelmeer als größtem Friedhof der Welt gesprochen: „Und nach wie vor sterben dort Menschen“, so Heße. 35.000 Ehrenamtliche und mehrere tausend Hauptamtliche würden sich in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingshilfe engagieren, vor zehn Jahren war die Zahl gar sechsstellig. „Das geht über die Kirchen hinaus“, betonte Heße. Mehr als 1,1 Milliarden Euro hatten die Diözesen und Verbände in die Flüchtlingshilfe investiert – 60 Prozent davon im Ausland, 40 Prozent hierzulande.

Heße besuchte in den vergangenen Jahren mit Kenia und Ägypten zwei „Hotspots“, denn nicht etwa in Europa, sondern im „Globalen Süden“ finde die überwiegende Mehrzeit der 120 Millionen Geflüchteten Zuflucht. Der Erzbischof sprach von einem „starken internationalen Engagement“ und sah aus nächster Nähe, welchen „unverzichtbaren Beitrag“ die kirchlichen Hilfswerke leisten. „Als Teil der Weltkirche ist für die Bischöfe in Deutschland klar: Unsere Solidarität endet nicht an Staatsgrenzen“, so Heße, der auch mit Blick auf Deutschland betonte: „Wir sollten unsere Erfolge nicht kleinreden“. Alleine in Deutschland konnten 2024 rund 500.000 Flüchtlinge durch die Dienste der katholischen Kirche erreicht und angesprochen werden. Beispiele erfolgreicher Integration solle eine produzierte Videodokumentation zeigen, die nun abrufbar ist: Viele Gesichtern und Initiativen der kirchlichen Flüchtlingsarbeit kommen dort zu Wort. Heße nannte einen Syrer, der im Rheinland integriert ist: „Er spricht ohne Akzent, fließend Deutsch, und isst am liebsten Käsekuchen“. Auch auf das „Jubiläum der Migranten“, das Papst Leo XIV. im Rahmen des Heiligen Jahres am 4./5. Oktober 2025 in Rom begeht, wies der Erzbischof hin. „An der Seite der Schutzsuchenden“. So lautet nicht nur die Überschrift des Videos, sondern dies solle auch künftig Handlungsauftrag bleiben.

Auch Prof. Dr. Hannes Schammann, Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Hildesheim und Mitglied im bundesweiten Sachverständigenrat für Integration und Migration, kam zu Wort: „Wissenschaftler raufen sich die Haare bei der Frage: Haben wir es geschafft? Aber wer ist dieses ‚wir‘? Was ist ‚es‘? Und sind wir nicht noch dabei, es zu schaffen?“. Er versuchte, Antworten zu finden, und gab an, dass mit „Wir“ nicht nur die Regierung oder Verwaltung gemeint war, „sondern es schloss die Zivilgesellschaft mit ein – allen voran die Kirchen“.

Monika Schwenke als Migrationsbeauftragte im Bistum Magdeburg berichtete als „Praktikerin“ von mehreren Beispielen gelungener Integration aus ihrer Heimat. „Seit 1994 bin ich im Bereich tätig – 2015 war ein besonderes und herausforderndes Jahr“, sagte sie. Der Satz „Wir schaffen das“ von Kanzlerin Merkel sei damals ein starkes, humanitäres Zeichen Deutschlands, das allerdings strukturelle Anstrengungen nach sich zog: Personalmangel in Behörden, aufwendige Asylverfahren, und die „Fantasie, dass Integration schnell geht“. Doch sie fügte an: „In dieser Situation, als damals die Not vor unseren Grenzen war, hätte ich persönlich diesen Satz genauso gesagt“. Trotz angemessener Kritik sei etwas erreicht worden: „Denn in ganz Deutschland, in allen Diözesen, haben unzählige Ehrenamtliche aus Kirchengemeinden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, Einzelpersonen, Bürgerinnen und Bürger sich bei der Aufnahme und Versorgung der Geflüchteten und auf ihren weiteren Integrationswegen eingebracht“.

Aus der internationalen Perspektive berichtete Dr. Andreas Frick, der seit etwas mehr als einem Jahr Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks Misereor ist: „Deutschland hat Menschen Zuflucht geboten, die Kommunen und Länder, die zivilgesellschaftlichen Organisationen und viele Bürger und Bürgerinnen. Und sie tun dieses bis heute. Oft ist dies nicht genug gewürdigt worden“. Damit sprach er an, dass der Wind gegenüber geflüchteten Menschen sich „spürbar und massiv“ gedreht habe. Auch Erzbischof Heße sprach von einem „raueren Klima“ gegenüber Geflüchteten, machte aber deutlich: „Was wir nicht brauchen, sind polemische Debatten und flüchtlingspolitische Unterbietungswettbewerbe“.

Themenseite der DBK zur Flüchtlingshilfe: https://www.dbk.de/themen/fluechtlingshilfe