Lokales FD 10.09.2025

Wenn Normalität kippt – Leseland-Reihe mit Arno Frank eröffnet

Fulda (sim) – Ein Ort, an dem alles seinen gewohnten Gang geht. Menschen grüßen sich auf der Straße, kaufen Bücher, sprechen über das Wetter. Und doch lauert etwas in den Zwischenräumen – etwas, das langsam, fast unmerklich, alles verändert. Mit dieser stillen Bedrohung beginnt Arno Franks neuer Roman „Ginsterburg“, aus dem der Autor am Dienstagabend zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe Leseland Hessen in Fulda las.

Von Links: Richard Hartwig (Sparkasse), Arno Frank, Jutta Sporer und Klaus OrthFoto: Silas Messing

Die Kapelle des Vonderau Museums war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Klaus Orth vom Kulturamt das Publikum begrüßte. Er übermittelte die Grüße von Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, der dem Festival trotz Abwesenheit viel Erfolg und starke literarische Momente wünsche. Im Anschluss führte Jutta Sporer, langjährige ehrenamtliche Leseland-Organisatorin in Fulda, sachkundig und mit spürbarer Begeisterung durch den Abend.

Frank, der bereits 2017 mit seinem Debüt in Fulda zu Gast war, entführte die Zuhörer in die fiktive Kleinstadt Ginsterburg zwischen 1935 und 1945. Seine Figuren – etwa die Buchhändlerin Merle, ihr flugbegeisterter Sohn Lothar oder der Journalist Eugen – stehen exemplarisch für eine Gesellschaft, die unter dem Hakenkreuz langsam ihr moralisches Fundament verliert. In eindrucksvollen Szenen zeigte Frank, wie Ideologie in Gespräche, Beziehungen und sogar in Kindheitsträume sickert. Wie Nachbarn sich verändern, wie Schweigen lauter wird als Worte. Die Atmosphäre: dicht, bedrückend, fast filmisch – ohne Effekthascherei, aber mit umso größerer Wirkung.

„Ich wollte nicht kommentieren, was heute passiert – sondern zeigen, wie es damals geschah“, sagte der Autor während der Lesung. Die intensive Recherche und das Gespür für Zwischentöne waren in jeder Zeile spürbar. Besonders berührte ein Abschnitt, in dem Merle spürt, wie ihr Sohn ihr innerlich fremd wird – nicht durch einen Bruch, sondern durch viele kleine Schritte, die ihn langsam von ihr entfernen. Das Publikum reagierte sichtbar bewegt – und mit langem Applaus.

Der Abend markierte den Fuldaer Auftakt für das 23. Literaturfestival Leseland Hessen, das landesweit mit 221 Veranstaltungen und 132 Autorinnen und Autoren Literatur erfahrbar macht. Fulda ist mit sechs öffentlichen Abendlesungen und 28 Lesungen an Schulen dabei – und bietet damit Literatur für Jung und Alt. Möglich gemacht wird das durch zahlreiche Unterstützer: das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, die Sparkasse Fulda, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, das Kulturamt Fulda, hr2 kultur, sowie engagierte Einzelpersonen wie Jutta Sporer, das Team des Malteser Hilfsdienstes und die Buchhandlung Ulenspiegel.

Für die kommenden Wochen sind unter anderem Lesungen mit Zoran Drvenkar, Kristine Bilkau, Claudia Bardelang, Dmitrij Kapitelman und Katerina Poladjan geplant – eine Mischung aus Thriller, Zeitgeschichte, Familiendrama und politischer Literatur, die das Festival facettenreich und aktuell macht. Klaus Orth lud das Publikum herzlich ein, weiter dabei zu sein: „Literatur berührt, wenn wir ihr Raum geben – und genau das wollen wir mit Leseland Hessen tun.“ Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei. Das vollständige Programm gibt es unter: www.fulda.de/kultur-freizeit/veranstaltungen/leseland-hessen

Leseland-Auftakt mit Arno Frank. Fotos: Silas Messing