Der Maler, dessen Werke einst mit Roy Lichtenstein, Andy Warhol und Gerhard Richter in der Staatsgalerie Stuttgart in der Reihe „This is Tomorrow“ gezeigt wurden, überraschte mit einer Serie, die ebenso zeitlos wie zutiefst gegenwärtig ist. Moderator Thomas Stock führte mit sichtlicher Freude durch den Abend und stellte die Beteiligten vor: den Künstler selbst, seinen langjährigen Manager Ted Bauer sowie Manuel Moosherr – Autor des begleitenden Bildbands und kunsthistorischer Wegbegleiter Gills.
Die Werkreihe Women in Water ist keine nostalgische Rückschau, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger künstlerischer Auseinandersetzung mit einem Motiv, das Gill seit den 1960er-Jahren begleitet. In den vergangenen sechs Jahren arbeitete er intensiv an einer neuen Interpretation: weibliche Figuren im Wasser, getragen von Farbe, Licht und Emotion. „Er hat es in aller Stille für sich gemacht“, so Ted Bauer: „Und geht jetzt erst damit an die Öffentlichkeit.“ Dass Gill mit fast 91 Jahren neue Werke schafft, ist mehr als ein Statement – es ist ein Beweis künstlerischer Lebendigkeit.
Die Ausstellung selbst beeindruckt nicht nur durch großformatige Originale, sondern auch durch ihre technische Vielfalt. Besonders hervorzuheben sind die handsignierten Grafiken, die mit originalem Diamond Dust veredelt wurden und nur in der streng limitierten Auflage von zwölf Exemplaren verfügbar sind. Dazu kommen klassische Siebdrucke und weitere grafische Arbeiten. Jedes Motiv erscheint in mehreren Variationen, als würde Gill es immer wieder neu befragen, neu beleuchten, neu fühlen. Dass sein Atelier in Texas kürzlich von einer Flutkatastrophe schwer getroffen wurde, verleiht den erhaltenen Werken eine zusätzliche Tiefe: Das Thema Wasser ist nicht nur künstlerisches Symbol, sondern plötzlich auch biografische Realität.
In seiner Einführung, zu dem dazu erscheinenden Buch, spannte Moosherr den Bogen weit: von ägyptischen Darstellungen bis zu Klimt, Botticelli oder Hockney. Wasser sei immer schon mehr gewesen als nur ein Element – es stehe für Reinigung, für Transformation, für Sehnsucht. „In all diesen Werken, die wir hier sehen, können wir unsere persönlichen Sehnsüchte wiederfinden“, sagte Moosherr. Women in Water sei keine objektive Darstellung, sondern ein Spiegel: für das, was der Betrachter in sich selbst trage. Die Frau im Wasser – sie ist Projektionsfläche und Einladung zugleich.
Gill selbst beschrieb seine Arbeit mit leiser Poesie: „Die Sache mit dem Wasser ist, dass es so viele Farben gibt. Und meine Frauen im Wasser sind so, wie ich die Farben teile.“ Es ist dieser persönliche, fast intime Zugang, der seine Werke so lebendig macht. Moosherr zitiert im Bildband: „Gil legt in jede seiner Women in Water Leidenschaft, Gefühl und Persönlichkeit. Die Gemälde sind nicht nur ein Blick auf eine Frau, sondern ein Spiegel für das, was der Betrachter in diesem Moment sieht, fühlt oder ersehnt.“
Ein Schlüsselwerk der Serie ist Woman on the Beach von 1963 – ein Gemälde, das auf eine persönliche Erinnerung zurückgeht und zum Ursprung des Zyklus wurde. Die Inspiration durch Antoinette Bauer, eine prägende Figur in Gills Leben und seine Ex-Frau, zieht sich wie ein leiser Unterton durch viele Arbeiten. Es geht um Augenblicke jenseits des Alltags, um ideale Zustände – nicht im Sinne von Perfektion, sondern im Sinne von Freiheit, von Losgelöstheit, von emotionaler Wahrheit.
Im Anschluss an die Einführung wurde eine englischsprachige Dokumentation gezeigt – erstmals in Deutschland öffentlich. Das Video erlaubte einen Blick hinter die Kulissen, in das Atelier und die Gedankenwelt des Künstlers. Viele Besucher nutzten danach die Gelegenheit, mit Gill, Moosherr oder Bauer ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen, Eindrücke zu teilen und Signaturen für erworbene Werke zu ergattern. Es war ein Abend des echten Austauschs. „Ein besonderer Dank gilt dem gesamten Organisationsteam sowie Catering, Floristik und Technik“, sagte Thomas Stock zum Abschluss. Mit der Ausstellungseröffnung wurde ein neues Kapitel im Schaffen von James Francis Gill aufgeschlagen. Es ist ein seltener Einblick in die späte Schaffenskraft eines der prägenden Pop-Art-Künstler des 20. Jahrhunderts. Fulda ist der erste Ort, an dem diese Werkreihe der Öffentlichkeit präsentiert wird.
