Lokales FD 18.09.2025

Vorgaben belasten regionale Banken – Austausch mit EBA und BaFin

Großenlüder (sim) – Was als engagierter Brief begann, wurde zu einem Treffen mit Symbolkraft: Über die Herausforderungen für regionale Banken durch internationale Regulierungen wurde am Mittwoch in der Raiffeisenbank in Großenlüder diskutiert. Auf Einladung von Torsten Leinweber von der Raiffeisenbank im Fuldaer Land und Torsten Priemer von der Kreissparkasse Schlüchtern kamen dafür hochrangige Vertreter der europäischen und nationalen Bankenaufsicht sowie der Politik zusammen.

Foto: Silas Messing

Zu den Gesprächspartnern zählten José Manuel Campa, Chef der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), Nikolas Speer, Exekutivdirektor für den Geschäftsbereich Bankenaufsicht der BaFin, Prof. Dr. Ralph-Alexander Lorz, hessischer Finanzminister, sowie Vertreter der Bundesbank und des Genossenschaftsverbands.

Der Anlass: ein Workshop zur „Proportionalität in der Bankenregulierung“, bei dem die Gastgeber der Aufsicht einen unmittelbaren Einblick in die Realität kleiner Regionalbanken ermöglichten. Das Treffen – laut Teilnehmern in dieser Form ein Novum in Deutschland – brachte zentrale Akteure der europäischen Finanzregulierung mit der Praxis vor Ort ins Gespräch. Im Mittelpunkt stand die wachsende Belastung kleiner und mittlerer Banken durch ein Aufsichtsregime, das in seiner Komplexität zunehmend an den Bedürfnissen und Möglichkeiten regionaler Institute vorbeigeht. „So ein Treffen gab es in Deutschland noch nie“, betonte Raiffeisen-Vorstand Leinweber: „Dass Herr Campa persönlich zugesagt hat, ist für uns ein Zeichen echter Wertschätzung.“

Die Gastgeber machten deutlich: Die Regulierung trifft alle – aber nicht alle gleich. Insbesondere das europäische „Single Rulebook“ führe dazu, dass auch kleine, risikoarme Institute dieselben Anforderungen erfüllen müssten wie große, systemrelevante Banken. „Wir wollen für die Menschen vor Ort da sein – nicht in erster Linie Aufsichtsrecht interpretieren und dokumentieren“, betonte Priemer. Dabei ging es nicht um das Abschaffen von Aufsicht, sondern um deren kluge Anwendung: Mehr Verhältnismäßigkeit, weniger Detailvorgaben, mehr Vertrauen. Leinweber sagte: „Jammern hilft nicht. Aber wir müssen zeigen, wie unser Alltag aussieht – und wie sehr uns Vorgaben belasten, die mit unserem Geschäftsmodell wenig zu tun haben.“

Regelungen, die operativ keinen Mehrwert erzeugen, frustrieren Mitarbeitende, binden Ressourcen und hemmen Innovation – so der Tenor während des Treffens. Die beiden Vorstände schilderten im Workshop anschaulich, wie umfangreiche Berichtspflichten, aufwendige Dokumentationen und immer neue Anforderungen ihren Häusern die Luft für Entwicklung und Kundennähe nehmen. Priemer erzählte: „Viele Aufgaben erfüllen wir, weil sie regulatorisch gefordert sind – nicht, weil sie einen erkennbaren Nutzen für unsere Kunden oder unsere Arbeit bringen.“ Nikolas Speer, seit April 2025 Exekutivdirektor für den Geschäftsbereich Bankenaufsicht der BaFin, zeigte sich offen für die vorgetragenen Anliegen. Erste Ideen zur stärkeren Orientierung der Eigenkapitalanforderungen am Geschäftsmodell seien in Arbeit und würden auch mit der EBA abgestimmt. „Wir sind bereit, neue Wege zu gehen. Es geht nicht um weniger Kontrolle, sondern um intelligentere Regulierung“, so Speer. Ziel sei es, die Realität kleiner Institute stärker in die Aufsicht einzubeziehen – ohne dabei die Stabilität des Systems zu gefährden.

Auch EBA-Chef Campa nahm wichtige Eindrücke mit: „Ich bekomme solche Einladungen selten – und gerade deshalb bin ich gekommen. Es ist wichtig, solche Signale zu setzen.“ Die Bedeutung kleiner Banken für das deutsche Finanzsystem sei kaum zu überschätzen. Die Gespräche in Großenlüder hätten ihm erneut vor Augen geführt, wie eng diese Institute mit dem Mittelstand und der regionalen Wirtschaft verbunden sind: „Ich nehme eine ganze Reihe von Hausaufgaben mit.“

Finanzminister Lorz begrüßte die Offenheit der europäischen Aufsicht und verwies auf den aktuellen Kurswechsel auf EU-Ebene: Die neue Kommission habe sich klar zur Entbürokratisierung im Finanzsektor bekannt. Gleichzeitig mahnte er, die Besonderheiten des deutschen Bankensystems nicht aus dem Blick zu verlieren: „Unsere mittelständische Struktur ist einzigartig in Europa – und sie braucht starke, handlungsfähige Banken vor Ort.“

Der Appell aus Osthessen war klar: Weniger ist mehr. Weniger unnötige Vorschriften, mehr praxisorientierte Aufsicht. Die Idee eines eigenen „Small Banking Regime“ auf EU-Ebene fand bei vielen Teilnehmern Zustimmung – als möglicher Weg, um kleine Banken von überbordender Regulierung zu entlasten, ohne Kompromisse bei der Stabilität einzugehen.

Ob sich aus dem Dialog in Großenlüder konkrete Schritte ergeben, wird sich zeigen. Aber eines wurde deutlich: Die kleine Bühne in Osthessen bot Raum für große Themen – und für eine Diskussion auf Augenhöhe, wie sie in dieser Form bislang selten war. „Wir wollen mitarbeiten – nicht klagen“, so Leinweber abschließend: „Aber wir erwarten, dass unsere Realität ernst genommen wird. Denn nur dann kann Regulierung auch wirklich sinnvoll gestaltet werden.“

Besuch der EBA und BaFin in Großenlüder. Fotos: Silas Messing