Per Zufall wird im 18. Jahrhundert die sogenannte „Spätlese“ entdeckt. Zu dieser Zeit lagert der auf Schloss Johannisberg gekelterte Wein im Keller des Fuldaer Stadtschlosses. Da das Schloss Johannisberg damals in fuldischem Besitz ist, braucht es die Weinlesegenehmigung des Fürstabtes um mit der Ernte beginnen zu können. Als diese im Jahr 1775 mehrere Wochen zu spät eintrifft sind die Früchte bereits vergoren. Die Sorge vor einer Missernte bestätigt sich jedoch nicht, denn statt eines fauligen Geschmacks zeigt die Spätlese ein ganz besonderes Aroma. Was genau damals zu der Verspätung führt, bleibt bis heute ungeklärt. Die Mutmaßungen reichen von Faulheit, über ein Liebesabenteuer bis hin zu einem Raubüberfall.
Seit den 1960er Jahren erinnert auf Schloss Johannisberg eine Skulptur an dieses Ereignis. Doch das Fuldaer Gegenstück lässt lange auf sich warten. Im Jahre 2020 initiiert die Stadt Fulda eine Auslobung (Mehrfachbeauftragung), bei der deutschlandweit fünf Bildhauerinnen und Bildhauer dazu aufgefordert wurden, einen Entwurf einzureichen. Beurteilungskriterien sind neben der künstlerischen und freiräumlichen Qualität auch die Herausarbeitung des Ortsbezugs im Schlossinnenhof und die historische Aufarbeitung. Aufgrund des gelungenen Entwurfs entscheidet sich die Jury für die bereits mehrfach ausgezeichnete Berliner Bildhauerin Valerie Otte. Die Herstellung des Spätlesereiters – mitten in der Pandemie – benötigt rund sechs Monate Zeit für die entsprechende Modellierung und ca. drei Monate Umsetzung in der Gießerei. Hierfür steht zwischendurch sogar ein echtes Pferd Portrait, um Feinheiten wie bspw. Muskeln und Sehnen richtig auszuarbeiten.
Die Figur nach dem Entwurf von Valerie Otte, eher romantisch und klassisch, hebt sich deutlich von der Figur auf Schloss Johannisberg ab. Frau Otte verzichtet auf die Darstellung, den Reiter auf dem Pferd zu platzieren, da dies kulturgeschichtlich an Herrscher oder das Militär erinnere. Sie sieht darin einen Konflikt zum Standort im Schlosshof. Das Pferd wird in Bewegung dargestellt, um Eile auszudrücken. Nicht nur, dass der Bote nach Schloss Johannisberg ausgerichtet ist, sondern auch die Begegnung auf Augenhöhe – und damit die Partizipation durch die direkte Teilnahme an der historischen Geschichte – zeichnet den Spätlesereiter als beliebtes Fotomotiv aus.
Mehr Infos unter www.fulda.de/objekt-des-monats
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