Lokales FD 07.09.2025

Der Terror der „Herrenmenschen“ – Spannender Vortrag in Fulda

Fulda (pm/as) – Mit dem Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Was dies für die Menschen im Nachbarland bedeutete, zeichnete Dr. Markus Roth (Fritz-Bauer-Institut Frankfurt) bei einem Akademieabend der Katholischen Akademie Fulda im Bonifatiushaus nach.

Der Referent mit den Organisatoren: Gunter Geiger, Rolf Müller, Dr. Markus Roth und Dr. Sebastian Koch. Foto: Katholische Akademie Fulda

Die Musik von "Ladscho Swing" machte die im Vortrag geschilderten Gräueltaten "erträglicher".

Dr. Markus Roth vom Fritz Bauer Institut, Frankfurt

Die Veranstaltung zum Anti-Kriegstag, der ebenfalls am 1. September begangen wird, fand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) statt.  Der Vorsitzende des DGB-Kreisverbands Fulda, Rolf Müller, erinnerte an den früheren Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der sich gegen ein Vergessen der Nazi-Greuel wandte – unter anderem in den Frankfurter Auschwitzprozessen. Von Bauer stammt der Satz „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Dr. Sebastian Koch, Bildungsreferent der Akademie, betonte in seiner Begrüßung, dass Diktatoren nicht so abgebrüht seien, um nicht ihr Handeln rechtfertigen zu wollen, am besten aus der Geschichte.

Dem Überfall der Wehrmacht am 1. September vorausgegangen war ein fingierter Überfall der SS auf den Sender in Gleiwitz. Zudem wurde im deutschen Radio gezielt von Übergriffen auf die deutsche Minderheit in Polen berichtet. Was dann in der Folgezeit geschah, hatte laut Roth nicht viel mit einem Kampf Armee gegen Armee zu tun. Vielmehr waren die fünfeinhalb Jahre Besatzungszeit von gezieltem Terror, Demütigung, Leid und Tod vor allem gegen die Zivilbevölkerung geprägt.

Der Referent nannte dramatische Beispiele, die für die zahllosen Untaten der Besatzer standen. Diese führten aus, was Adolf Hitler in einer Rede als Ziel ausgab: die Vernichtung Polens. Immer wieder kam es zu Massenermordungen von Zivilpersonen, einschließlich Frauen und Kinder.

Nicht alle Übergriffe waren angeordnet, so Roth. Sie entstanden manchmal aus einer Laune heraus, denn die Besatzer hatten ja die Macht. "Mitgemacht bei den Taten haben nicht nur Soldaten oder SS-Schergen, auch Beamte in den Verwaltungen trugen ihren Teil dazu bei." Und nach dem Krieg wurden viele nicht dafür belangt. Im Gegenteil: Einer von ihnen wurde Bürgermeister von Westerland auf Sylt.

Als Ursachen dieses zum Teil abgrundtiefen Hasses der deutschen Besatzer auf die Polen nannte der Referent die Propaganda der Nazis, bestehende Feindbilder, aber auch der Verlust deutscher Gebiete an Polen nach dem Ersten Weltkrieg. Manch einer, der dort vor 1918 gelebt hatte und vertrieben worden war, hatte dann als Besatzer noch seine eigene Rechnung offen. Denn es fällt auf, dass die Besatzer die Bewohner nicht nur töteten, sondern auch noch zusätzlich demütigten und quälten.

Die besetzten Gebiete waren hierarchisch strukturiert wie ein völkisches Apartheidregime. Ganz oben standen die "Herrenmenschen", Deutsche aus dem Reichsgebiet, sowie danach die deutsche Minderheit in Polen. Ganz unten in der Rangordnung standen Juden sowie Sinti und Roma. Zwei Nachfahren der Sinti waren beim Akademieabend vertreten. Sie gehören der Musikgruppe "Ladscho Swing" an. Sie trugen mit zwei Gitarren und einer Geige schwungvolle, aber auch nachdenkliche Klänge bei. Und sie machten die im Vortrag gehörten Gräuel "erträglicher".

Gezielt wurden von den Besatzern die Eliten Polens ermordet. Konkret wurden 45 Prozent der Mediziner, 50 Prozent der Rechtsanwälte und 18 Prozent der Priester ausgelöscht. Kulturgüter in Bibliotheken oder Archiven wurden gezielt in großem Umfang vernichtet. SS-Chef Heinrich Himmler erklärte zur Schulbildung, dass für Nichtdeutsche die viergliedrige Volksschule ausreiche, konkret Rechnen bis 500. Und, so Himmler: "Lesen halte ich nicht für erforderlich."

Was dann geschah, ist laut Roth kaum vorstellbar. In Polen bildete sich ein Untergrund-Staat mit Verwaltung, Schulen und Hochschulen. Jedes 3. Kind schaffte einen Schulabschluss. Und die 10 000 Studenten bedeuteten ein Drittel der Studentenzahl der Vorkriegszeit.

www.katholische-akademie-fulda.de