„Ehrlich gesagt fehlen mir da die Worte. Das kann so nicht gehen“, kritisiert Bleuel die Vorschläge des Verkehrsministers. Schnieder hatte am 16. Oktober Vorschläge präsentiert, die die Fahrausbildung deutlich vergünstigen sollen: So soll es in Zukunft möglich sein, das Fahren mit einem Wagen mit manueller Schaltung vollständig im Simulator zu erlernen, die Prüfung würde dann in einem Automatik-Pkw absolviert werden. Weiterhin soll es keine verpflichtenden Präsenz-Theoriestunden geben, stattdessen sollen sich die Fahrschüler die Theorie künftig per App aneignen können. Zeitgleich solle der aktuell 1169 Fragen umfassende Prüfungskatalog um ein Drittel verkürzt werden, außerdem die verpflichtenden Sonderfahrten – also Autobahn-, Nacht- und Überlandfahrten – reduziert werden. Diese sollen zum Teil ebenfalls im Simulator stattfinden. Außerdem ist auch eine Festlegung der Fahrzeit in der praktischen Prüfung auf die Mindestvorgabe von 25 Minuten vorgesehen, darüber hinaus soll auch die Möglichkeit geprüft werden, Erziehungsberechtige in die Fahrausbildung mit einzubeziehen oder den Stoff bereits in der Schule zu unterrichten.
Bei Wolfgang Bleuel und auch vielen Kollegen, wie der Fahrlehrer betont, stoßen diese Reformvorschläge auf großes Unverständnis. „Ich bin jetzt seit 39 Jahren im Geschäft und habe entsprechend einiges an Erfahrung. Die vorgestellten Punkte entbehren jeglicher wissenschaftlichen Basis“, wird Bleuel deutlich. Es gehe nur noch um die Bezahlbarkeit des Führerscheins und die Aussage Schnieders, die Verkehrssicherheit bleibe oberstes Gebot, müsse in Frage gestellt werden, so Bleuel: „Beispielsweise kann der Simulator natürlich auch weiterhin als zusätzliches, ergänzendes Hilfsmittel in der praktischen Ausbildung zum Einsatz kommen. Aber er stellt doch keinen Ersatz für den realen Straßenverkehr da. Dazu muss eigentlich immer ein Fahrlehrer daneben stehen, wenn ein Prüfling im Simulator sitzt – von den Anschaffungskosten ganz zu Schweigen, die sich gut und gerne auf 30.000 Euro belaufen können. Billige Übungsstunden mit einem Simulator gehören in den Bereich der Märchen.“ Und auch die Sonderfahrten, zumindest teilweise, auf den Simulator beschränken zu wollen, sei laut Bleuel alles andere als zielführend. Denn: Nur weil ein Fahrvorgang in der Simulation erfolgreich abgeschlossen wird, bedeute das nicht, dass der Fahrschüler denselben Vorgang auch im realen Straßenverkehr fehlerfrei beherrsche. Stattdessen müssen die entsprechenden Übungen in der Praxisfahrstunde ohnehin weiter geübt werden – was zu einer finanziellen Doppelbelastung für die Fahrschüler führe.
Ein weiterer Dorn im Auge ist Wolfgang Bleuel außerdem das geplante Erlernen der Theorie in Eigenständigkeit per App. „Wenn man zuhause, in der Bahn oder im Café am Handy lernt, hat man nur Ablenkung. Wir sagen unseren Fahrschülern schon immer: Lernt am Computer, legt das Handy in dieser Zeit beiseite. Und den Eltern sagen wir, sie sollen den Lernstand ab und an kontrollieren.“ Generell sei zu beobachten, dass die Fähigkeit der Heranwachsenden, zu Lernen und Behalten des Gelernten, zurückgehe: „Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Das scheint aber ein generelles Problem im Bildungssystem zu sein“, betont Bleuel: „Deswegen ist es auch kompletter Nonsens, nahestehende Personen in die Fahrausbildung miteinzubeziehen oder den Stoff bereits im Unterricht zu behandeln. Die Lehrer sind nicht geschult dafür.“ Diese Vorschläge würden unter dem Strich ebenfalls zu steigenden Kosten führen, Ausbildung durch Laien führe zu laienhaftem Fehlverhalten – was in zusätzlichen Fahrstunden dann wieder abtrainiert werden müsse, verdeutlicht Bleuel und richtet einen Appell an die Politik: „Wenn wirklich Interesse daran bestehen würde, die Fahrausbildung günstiger zu machen, könnte man ja die Mehrwertsteuer auf den Pkw-Führerschein streichen, so wie es auch bei Bus und Lkw in der Regel bereits der Fall ist. Aber das wird natürlich auch nicht passieren, auf das Geld soll nicht verzichtet werden.“ Die aktuellen Vorschläge aus dem Bundesverkehrsministerium seien jedenfalls alles andere als sinnvoll und schon gar nicht mit validen, wissenschaftlichen Daten belegt: „Ich bin jetzt 65 Jahre alt und mache das seit fast 40 Jahren, weil ich Spaß an der Arbeit habe. Aber dazu muss ich klar sagen: Das mache ich nicht mehr mit, da fehlen mir die Worte.“
