Den ersten Kontakt zu Ira Peter hatte Gunter Geiger, Direktor der Katholischen Akademie Fulda, bereits vor drei Jahren bei dem Symposium „Meinung – Mitsprache – Mitwirkung. Deutsche aus Russland in der öffentlichen Wahrnehmung“. Diese Tagung wurde damals von der Akademie am Tönsberg in Kooperation mit der Katholischen Akademie Fulda im Rahmen eines von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Modellprojekts durchgeführt. Aus diesem Austausch erwuchs eine anhaltende Beschäftigung mit dem Thema. Gemeinsam mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung entstand schließlich die Idee, Ira Peter im Rahmen einer Vortragsreihe und begleitender Schulbesuche zu gewinnen. „Die starke Resonanz zeigt, dass das Thema viele Menschen bewegt“, betonte Nathalie Burg von der Hessischen Landeszentrale. Besonders begrüßte Geiger unter den Gästen Margarete Ziegler-Raschdorf, ehemalige Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler.
Ira Peter kam 1992 im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland. Eine Szene aus ihrem Buch beschreibt ihre Ankunft besonders eindrücklich: Ihr Vater berührte den Asphalt mit der Hand und sagte: „Das ist deutsche Qualität.“ – denn in ihrer kasachischen Heimat gab es keine asphaltierten Straßen. Die Familie Peter gehört zu den rund 2,4 Millionen Russlanddeutschen, die seit den 1950er-Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland übersiedelten. Ihre Vorfahren waren deutsche Auswanderer, die im 18. Jahrhundert der Einladung von Zarin Katharina der Großen folgten, sich an der Wolga und am Schwarzen Meer niederzulassen.
„Sie wurden in Büdingen registriert“, berichtete Albina Nazarenus-Vetter von der Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen (IDRH). Nazarenus-Vetter, die selbst in Sibirien aufwuchs und 1994 nach Deutschland kam, arbeitet seit vielen Jahren mit ihren Landsleuten. Katharina II. hatte den deutschen Siedlern zugesichert, ihre Sprache, Kultur und Religion bewahren zu dürfen – ein Versprechen, das in der Sowjetunion gebrochen wurde. In ihrem Buch verwebt Ira Peter die Geschichte ihrer eigenen Familie mit der Geschichte der Russlanddeutschen insgesamt. Unter Stalin kam es zur großen Katastrophe: Ab 1941 wurden rund 1,2 Millionen Menschen von der Wolga und dem Schwarzen Meer in den Osten deportiert. Peters Familie wurde aus der Westukraine in eine über 3000 Kilometer entfernte Siedlung in Kasachstan verschleppt. „Steppe – also viel Schnee im Winter, Matsch im Frühjahr und Staub im Sommer“, beschreibt sie die neue Heimat. In Anlehnung daran trägt ihr Podcast, den sie gemeinsam mit einem Kollegen betreibt, den Titel „Steppenkinder“.
Die Deportation bedeutete für viele Russlanddeutsche Leid, Heimatverlust und Tod. Deutsch – die „Sprache Hitlers“ – zu sprechen, war verboten, ebenso wie die Religionsausübung. Dennoch bewahrten viele Familien ihren Glauben und ihre Sprache im Verborgenen. Zu den wenigen Habseligkeiten, die mitgenommen wurden, gehörte oft eine Bibel. Als ihr wertvollstes Erinnerungsstück bezeichnet Peter ein Heft mit handschriftlich überlieferten Liedtexten wie „O du Fröhliche“.
Noch heute ist bei vielen älteren Russlanddeutschen das durch Repressionen geprägte Misstrauen gegenüber der Öffentlichkeit spürbar. „Viele haben gelernt, sich zurückzuhalten“, sagte Nazarenus-Vetter. Zugleich gebe es zahlreiche Beispiele gelungener Integration: „Viele meiner Landsleute arbeiten, gründen Familien und tragen zur Gesellschaft bei – auch wenn ihre Abschlüsse hier oft nicht anerkannt werden und sie Tätigkeiten übernehmen müssen, für die sie überqualifiziert sind.“
Mit ihrer Lesung und ihrem Buch will Ira Peter dazu beitragen, das Schweigen über dieses Kapitel der deutschen Geschichte zu brechen – und den Russlanddeutschen eine Stimme zu geben.
