Die Stimmung im Fuldaer Stadion hatte nicht nur einen internationalen Hauch – sondern sie war es: Angefangen mit zweisprachigen Durchsagen von Barockstadts Rainer Martiker in Deutsch und Bronnzells Rüdiger Spiegel in Englisch, über viele wehende deutsche Fahnen im Publikum, bis hin zu den Nationalhymnen. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin in der Johannisau stand auf und verspürte Stolz. Das Erlebnis war einmalig, und das Ergebnis mit dem 5:0 der U23-Frauen gegen England passte noch dazu.
Ein weiterer bewegender Moment vor dem Anpfiff: Die Fritz-Walter-Medaillen wurden an zwei Gewinnerinnen des Jahrgangs 2006 aus dem DFB-Team übergeben – in Silber an Estrella Merino Gonzalez von Bayer 04 Leverkusen und in Bronze an Thea Farwick vom SV Meppen. Gratulationen gab es von DFB-Sportdirektorin und Weltmeisterin Nia Künzer. Stadionsprecher Rainer Martiker sagte es treffend: „Wahre Vorbilder im Fußball zeichnen sich durch Mut, Leidenschaft und starkes Miteinander aus. Auf und neben dem Platz“.
Als das Spiel dann lief, war die Atmosphäre eine ganz andere, als es die Fans aus dem Amateurfußball in Osthessen gewohnt sind. Die Analysen wurden von beiden Nationen gleich oben auf der Haupttribüne gemacht, DFB-Co-Trainer Philipp Klug stand von oben per Headset mit der Ersatzbank in Verbindung, und die ersten Videos konnten schon in der Halbzeitpause Chefcoach Urbansky präsentiert werden. Übertragen wurde das Spiel auch über viele Kanäle im Netz, alleine bei YouTube hatte der Stream kurz nach Abpfiff schon über 20.000 Zugriffe. Vorher wiederum war schon alles haargenau getaktet und getimt: Einlaufen, Ehrungen, Hymnen – der Zeitplan war auf Sekunden ausgelegt. Auf den Rängen waren viele bekannte Gesichter zu sehen – ob aus dem hiesigen Frauenfußball, dem Verband, oder auch aus der Politik. Dieses Highlight wollte sich niemand entgehen lassen.
Hautnah dabei waren die Mädels der MSG Pilgerzell/Barockstadt, die als „Ballmädchen“ fungierten. Auf den Tribünen waren ebenfalls unzählige Kinder – darunter natürlich viele Mädchen, für die das Spiel ein Riesen-Erlebnis war. Sie stimmten dauerhaft „Deutschland, Deutschland“ an, später sollte auch noch eine Welle versucht werden, die zwar nicht ganz klappte – doch das tat der unglaublichen Stimmung keinen Abbruch. Das Publikum fieberte mit, und das DFB-Team riss die Leute mit einer tollen Leistung mit. 2006 war die Welt während der WM „zu Gast bei Freunden“, an diesem Abend war sie gefühlt in Fulda. Absolut stimmungsvoll, aber auch fair, ging der Klassiker über die Bühne: Das Schiedsrichterinnenteam aus der Region bekam nach Abpfiff ebenso Applaus wie die geschlagenen Engländerinnen beim Gang in die Kabine.
Die Fußballprominenz in Fulda
Auf dem Platz zauberte dagegen meist Deutschland, ganz zur Freude auch von HFV-Präsidentin und DFB-Vizepräsidentin Prof. Dr. Silke Sinning: „Das war in doppelter Hinsicht sensationell“, sagte sie zum Zuschauer-Rekord und zur Leistung des DFB-Teams: „Nach den Elfmetern wusste man noch nicht: Sind wir jetzt wirklich so gut? Aber die zweite Halbzeit hat es klar gezeigt“. Ob dies ein Argument sei, in Zukunft weitere Länderspiele nach Fulda zu holen? Sinning stellte zumindest fest: „Es ist Potenzial da. Heute waren viele Kinder und junge Spielerinnen im Publikum, die ihre Vorbilder sehen konnten“.
Eine davon ist sicherlich die Hamburgerin Larissa Mühlhaus: Die 22-Jährige, die vor Kurzem noch den SV Werder Bremen ausgerechnet gegen den HSV im Frauen-Bundesliga-Derby vor 37.000 im Weserstadion zum Sieg schoss – und das mit zwei Elfmetern. Dass sie es vom Punkt kann, zeigte sie in Fulda ebenfalls und verwandelte zwei Strafstöße. Und obwohl es in der Johannisau nur 3129 Zuschauer waren, schwärmte sie nach Abpfiff, wie besonders Spiele mit der Nationalelf seien: „Das ist ein ganz anderes Niveau. Hier spielen die Besten gegen die Besten“. Die Mannschaft habe dominant auftreten wollen – dass es am Ende ein 5:0 wurde, damit hatten aber wohl auch die U23-Mädels selbst nicht so wirklich gerechnet. Sie sagte gegenüber OZ: „Wir sind ein neu zusammengestelltes Team mit den U19-Spielerinnen, die dazugekommen sind. Aber es macht richtig Spaß in dieser Mannschaft“.
Im Publikum gesichtet wurden unter anderem noch Ex-Eintracht-Trainer Dragoslav „Stepi“ Stepanovic, 2014er-Weltmeister Shkodran Mustafi – und Fuldas Stadtbaurat Daniel Schreiner im roten Trikot, schließlich ist seine Frau gebürtige Britin. Doch egal wer – dieses Spiel ließ alle Fußballherzen höherschlagen. Ob nun „völlig losgelöst“, oder wie es der DFB-Nachwuchs auf seinen Kanälen titelte: „CRAAAZY“.
