Der Auslöser: Überforderung statt Notstand
Am Abend des 11. Dezember 2024 war kurzfristig das Personal auf zwei Pflegefachkräfte geschrumpft, eine davon eine externe Leasingkraft. In der angespannten Situation kam es zudem zu einem Zwischenfall: Ein Bewohner stieß versehentlich, in einer hektischen Situation, ein Glas um, was die Überforderung noch verstärkte. Kurz zuvor wurde in der Einrichtung noch vorsorglich angerufen und nachgefragt, ob Unterstützung benötigt werde – dies wurde von der festen Pflegefachkraft verneint. Rund sieben Minuten später rief die Leasingkraft, die sich im anderen Wohnbereich befand, die Gefahrenabwehr an und sagte: „Hier ist Land unter, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, bitte kommt und helft mir.“
Die Vorwürfe, dass Bewohner unzureichend versorgt gewesen seien, konnten bei umfassenden Prüfungen durch die Pflegeaufsicht und Behörden nachweislich nicht bestätigt werden. „Die Pflegeaufsicht prüfte daraufhin alle Wohnbereiche, dokumentierte die Versorgung aller Bewohner und stellte fest, dass sämtliche Pflegeprozesse ordnungsgemäß durchgeführt wurden. Es wurden keine sicherheitsrelevanten Mängel festgestellt“, so Sandra Leps, Geschäftsführerin der Einrichtung. Sandra Koch, Verwaltungsleitung des Hauses, die seit zwei Jahren im Seniorenzentrum tätig ist, erinnert sich: „Also die Sache an sich ist natürlich, wenn man es genau betrachtet, ein bisschen höher gekocht worden, als sie tatsächlich war. Für Mitarbeitende und Bewohner war die Situation vor allem unangenehm.“
Umgang mit Medien und Behörden
Die Berichterstattung im Dezember 2024 war massiv, dazu Kommentare in sozialen Medien. Für das Team und Angehörige eine belastende Zeit. „Die Medaille hat immer zwei Seiten. Es wurde viel in die Welt geschossen, ohne dass die Hintergründe betrachtet wurden“, sagt Leps. Behördenprüfungen verliefen nachweislich ohne gravierende Mängel.
Sandra Koch berichtet gegenüber OZ in diesem Zusammenhang auch von persönlichen Erfahrungen nach dem Vorfall: „Wir können jetzt eine Stunde darüber reden, was passiert ist. Ich kann Ihnen das von der negativen Seite erzählen, wenn Sie wollen auch von der positiven – aber mir ist lieber, wenn Sie sich ein eigenes Bild von dem machen, was aktuell hier im Haus passiert.“ Damit unterstreicht sie die klare und transparente Linie der Einrichtung und den offenen Umgang mit dem Vorfall.
Die Einrichtung setzte in der Folge auf offene Kommunikation: Angehörige konnten sich jederzeit selbst ein Bild machen, Mitarbeitende wurden aktiv eingebunden, und interne Abläufe wurden reflektiert und verbessert. „Wir haben nichts zu verheimlichen. Es ist offen – geht durch die Einrichtung, guckt euch das mal an, hier leben ja immer noch Menschen“, betont Koch.
Maßnahmen und Entwicklungen
Seither hat die Einrichtung die Einarbeitung für Zeitarbeitskräfte verbessert und Notfallkontakte auf jeder Station deutlicher sichtbar gemacht. Jede Station erhielt nun klar farblich markierte Notfalllisten, feste Rufnummern für Unterstützung sowie eine noch genauere Einarbeitung für alle Mitarbeitenden in solchen Situationen. Auch die interne Kultur hat sich gefestigt: Regelmäßige Reflexionen, offener Austausch und Teamstärkung stehen im Vordergrund. „Wir sind alles nur Menschen. Wenn wir einen Fehler machen, gehen wir offen damit um. Und dann schauen wir, dass er nicht wieder vorkommt“, erklärt Leps. Die Zahl der Bewohner stieg auf etwa 60, neue Aktivitäten wurden eingeführt, und das Team wuchs auf rund 50 Mitarbeitende an. Besondere Aktionen, etwa eine Tattoo-Aktion für das Team, stärkten das Gemeinschaftsgefühl. Leps beschreibt: „Einige Mitarbeitende, auch langjährige, ließen sich zum ersten Mal tätowieren – das war eine verbindende Erfahrung und hat den Zusammenhalt im Team gefestigt.“ Auch die Bewohner zeigten sich im Gespräch mit OZ zufrieden und gut aufgehoben. Eine Seniorengruppe, die bereits seit längerer Zeit im Pflegezentrum lebt, bestätigte dies während eines Bingo-Nachmittags, bei dem sie sich die Zeit nahm, ihre Erfahrungen und Eindrücke zu schildern.
Teamgeist und aktuelle Lage
Trotz der Belastungen blieben alle bisherigen Mitarbeitenden, neue kamen hinzu. Das Vertrauen innerhalb des Teams und zu den Bewohnern konnte gestärkt werden. „Fast niemand hier hat heute noch Angst vor dem ‚Jahrestag‘ des Vorfalls. Wir tun unser Bestes, sind mit Herz dabei, und das sehen auch unsere Angehörigen“, sagt David Zillmann, Einrichtungsleiter.
Koch betont die positive Entwicklung der Teamkultur: „Die aktuelle Situation wird als gut und wertschätzend beschrieben. Viele Mitarbeitende sind geblieben, neue kamen hinzu – das zeigt, dass unser Arbeitsumfeld attraktiv ist. Der Zusammenhalt im Team hat durch das Geschehen sogar zugenommen. Das Wohl der Bewohner steht für uns an erster Stelle.“ Die Zusammenarbeit mit Gemeinde und Vereinen ist konstruktiv, wie etwa eine Baumpflanzaktion des örtlichen Karnevalsvereins im Garten des Hauses zeigt.
Gestärkt aus der Krise
Ein Jahr nach dem medial beachteten Vorfall zeigt sich das Seniorenzentrum Kalbach als stabile, reflektierte Einrichtung. Klare Prozesse, Teamgeist und offene Kommunikation prägen den Alltag. Fehler werden eingestanden, korrigiert und als Chance für Verbesserungen genutzt – ein Konzept, das nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Angehörige überzeugt. „In erster Linie ist uns das Wohl unserer Bewohner am wichtigsten. Und das ist es“, sagt Leps. Koch ergänzt: „Die Berichterstattung hat uns gezeigt, wie wichtig Transparenz und Offenheit sind. Wir legen Wert darauf, dass jeder sich selbst ein Bild machen kann – und das Vertrauen der Angehörigen spricht für sich.“
