Schon beim Eintreffen der Gäste lag eine besondere Atmosphäre über dem Platz. Die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr Dietershan stimmte ruhige, getragen klingende Stücke an, während Mitglieder des Volksbunds und der Stadt Fulda letzte Handgriffe an der Kranzniederlegung vorbereiteten. Pfarrer Jörg Scheer von der Christuskirche übernahm die Ansprache – und setzte früh einen Ton, der weit über die Tradition des Gedenktages hinauswies. Herausforderungen wie Demokratiekrisen, Kriegsangst und gesellschaftliche Spaltungen seien inzwischen alltägliche Begleiter, so Scheer. „Wir leben in einer Zeit, in der vieles wie eine einzige, endlose Krise erscheint“, formulierte er.
Er spannte einen Bogen zum Lukas-Evangelium: „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt.“ Und ergänzte Jesu Warnung: „Viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es. Lauft ihnen nicht nach.“ Gerade heute, erklärte er, sei Orientierung schwer. Filterblasen, parallele Wahrheiten, schnelle Schlagzeilen – all das fordere die Menschen heraus. „Es kommt darauf an, die Werte hinter den Worten zu erkennen: Leben, Wahrheit, Liebe“, so Scheer. Sein Appell: geduldig unterscheiden, nicht vorschnell urteilen und sich dem Zusammenhalt verpflichtet fühlen.
Totenehrung: Ein Moment absoluter Stille
Als Pfarrer Scheer zur Totenehrung überging, wurde es vollkommen still. Er erinnerte an alle Opfer von Krieg und Gewalt – an Soldaten beider Weltkriege, an geflüchtete und vertriebene Menschen, an Zwangsarbeitende, an Verfolgte aufgrund Herkunft, Religion, sexueller Identität oder Behinderung, an Opfer aktueller Konflikte, an Menschen, die Terror, Extremismus, Antisemitismus und Rassismus zum Opfer fielen. Ebenso gedachte er im Dienst verstorbener Soldaten, Polizisten und Einsatzkräfte. „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter Menschen und Völkern – auch wenn der Wind uns dabei ins Gesicht geht“, schloss Scheer. Im Anschluss legten Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, Vertreter des Volksbunds sowie Gäste aus Politik und Gesellschaft Kränze nieder.
Jugendliche setzen Zeichen – Erinnern als Zukunftsauftrag
Ein besonderer Moment der Feierstunde gehörte der Projektgruppe Kriegsgräberpflege des jetzigen 13er-Jahrgangs der Richard-Müller-Schule. Begleitet von ihrem Leiter der Projektgruppe, Rolf Pauthner, und unterstützt von der Katholischen Akademie Fulda, durch den Direktor Gunter Geiger, waren die Jugendlichen vollständig anwesend.
Die Schüler Josef Bettermann und Steven Lorenz berichteten von ihrer Recherchearbeit zu Fuldas NS-Vergangenheit – ein Projekt, das in Kooperation mit Stadt und Volksbund stattfindet und bei dem die Pflege von Kriegsgräbern ebenso dazugehört wie historische Spurensuche. Besonders eindrücklich schilderten sie ihre Beschäftigung mit Zwangsarbeit in Fulda: den Bombenangriffen auf die Stadt, den vielen Opfern – und dem tragischen Geschehen im Krätzbachbunker, wo über 700 Menschen starben, darunter viele verschleppte Arbeitskräfte aus Osteuropa. Ein Gespräch mit Zeitzeuge Herbert Ritz habe die Gruppe besonders bewegt. „Es hat uns schockiert, wie normal es für viele war, dass Zwangsarbeitende gedemütigt wurden“, berichteten die Schüler. Viele aus der Projektgruppe hätten vor Beginn der Arbeit nicht einmal vom Krätzbachbunker gewusst.
Lehren für heute – und ein eindringliches Schlusswort
Die Schüler betonten, dass Erinnerung allein nicht ausreiche. Aus ihr sei Verantwortung abzuleiten – auch mit Blick auf heutige Konflikte und Menschenrechtsverletzungen. Zum Schluss erinnerten sie an die Worte der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, die sie nach dem Projekt als Mahnung und Auftrag zum Erinnern nennen: „Was war, war. Das können wir nicht ändern. Aber es sollte nie, nie, nie wieder passieren.“ Ihr Appell: „Seid Menschen.“ Als die letzten Töne der Dietershaner Feuerwehrkapelle verklangen, blieben viele Besucher noch einen Moment am Mahnmal stehen – im stillen Nachdenken, manche im Gespräch. Der Volkstrauertag zeigte erneut, wie wichtig Orte der Erinnerung sind. Und dass Frieden nicht selbstverständlich ist, sondern eine Aufgabe, die jede Generation neu annehmen muss.
