Akademiedirektor Gunter Geiger begrüßte besonders eine der Autorinnen des im Suhrkamp Verlag erschienenen Bandes: Katja Petrowskaja. Die Schriftstellerin und Journalistin lebt seit 1999 in Deutschland. Bekannt ist sie unter anderem für die Laudatio auf Karl Schlögel, den diesjährigen Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sowie für ihr Werk „Vielleicht Esther“, das in 30 Sprachen übersetzt wurde und den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt.
Der Moderator des Abends, Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“ in Berlin, zitierte in Bezug auf den Ukraine-Krieg Karl Schlögel: „Wir befinden uns in einer Vorkriegszeit.“ Statt wachzurütteln, sei jedoch zu beobachten, dass das Interesse und Engagement für die Ukraine im Laufe der Jahre abgenommen habe. „Wir sind es müde, immer diese schlimmen Nachrichten zu sehen“, beschreibt Katharina Raabe, Lektorin für osteuropäische Literaturen beim Suhrkamp Verlag, die Stimmung in Deutschland. Raabe ist Initiatorin und Herausgeberin des Sammelbandes und hat bereits mehrere Bücher über die Ukraine veröffentlicht. Vor „Geteilter Horizont“ erschienen unter anderem „Im Nebel des Krieges. Der Gegenwart der Ukraine“ sowie ein Buch über die Folgen des Maidan.
In dem von Raabe und Kateryna Mishchenko herausgegebenen Sammelband verfolgen die Autorinnen und Autoren einen anderen Ansatz: Sie fragen, ob überhaupt noch Neues über die Ukraine gesagt werden kann. Daher kommen Menschen aus verschiedenen Regionen und Lebenswegen zu Wort, die berichten, wie ihr Alltag trotz Krieg aussieht. So schildert etwa eine Lehrerin, wie sie es schafft, Kinder weiterhin zu unterrichten.
Ein Beitrag von Petrowskaja thematisiert Lehrerinnen und ihr persönliches Verhältnis zur ukrainischen Literatur. Als russischsprachige Person hatte sie seit ihrem 16. Lebensjahr nicht in der Ukraine gelebt und große ukrainische Poeten nie gelesen. Mit Hilfe von Lehrerinnen hat sie dies nachgeholt und sieht die Lektüre als Beitrag zum Widerstand. Eine andere Autorin berichtet, dass ihr Mann seit zwei Jahren vermisst wird. Sie beschreibt, wie sie täglich mit ihren Kindern in einen Park geht, mit ihnen spricht und ihre Gedanken aufschreibt. Petrowskaja verweist zudem auf einen Beitrag, der sich mit Begräbnisritualen beschäftigt: Bei jungen Menschen werden Bestattungen manchmal zu Feiern des Lebens.
Für Petrowskaja sind die Menschen in der Ukraine müde – körperlich wie seelisch. Sie zitiert mit Sapper Jurko Prochasko, Germanist und Psychoanalytiker: Er nennt Putins Einmarsch einen „totalen Krieg“, allerdings in einem anderen Sinn als Goebbels: „Es gibt in der Seele keinen Ort mehr, an dem er nicht ist. Die gesamte Gesellschaft und Kultur befinden sich in einem totalen Krieg.“ Prochasko beschreibt die Erschöpfung der Menschen, fügt aber hinzu: „Wir sind nicht kleinzukriegen.“ Die Ukraine sei ein Land mit horizontaler Solidarität – die Menschen stünden füreinander ein.
Zum Ende des Krieges kommt eine Expertin zu Wort: Heidi Tagliavini, Schweizerin und Vermittlerin beim Minsker Abkommen, die zuvor in Tschetschenien und 2014 im Donbas tätig war. Ihr Urteil: Angesichts der Niedertracht, Gemeinheit und Tricksereien sei mit der russischen Regierung keine Verhandlung möglich. Russland bestehe weiterhin auf der Auslöschung der Ukraine als Nation. Die russischen Verantwortlichen sollen jedoch nicht ungestraft davonkommen. Alle Namen und Verbrechen werden dokumentiert, Beweise gesammelt, und Menschen werden speziell geschult, um diese Beweise vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu sichern.
