Bildungsreferent Dr. Sebastian Koch erinnerte bei seiner Begrüßung an die vorausgegangenen Veranstaltungen der Reihe. Neben rechtlichen Fragen zum Auftakt ging es um theologische Fragen etwa zur „weltlichen Dimension“ des Glaubens, um die Stimme der Kirchen in Zeiten des Strukturwandels. Mehr an der Praxis orientiert war der Abend mit einem Betriebsseelsorger aus Mainz, der seine Tätigkeit als „Brückenfunktion“ zwischen Kirche und Arbeitswelt sah. Eine solche Brückenfunktion hat auch das Bündnis „Kirche und Gewerkschaft“ in Fulda. Rolf Müller, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Fulda, verwies darauf, dass dieses Bündnis bereits seit 1968 besteht. In diesen fast sechs Jahrzehnten durchlief die Region Osthessen den Wandel vom Zonenrandgebiet zur Industrieregion. Und nun? Die Bekanntgabe der Firma Goodyear, den Standort Fulda zu schließen – trotz positiver Zahlen, lässt viele in der Region düster in die Zukunft blicken.
Die Moderatorin des abschließenden Abends der Reihe, Christina Denk, stellte zu Beginn allen Anwesenden im Raum die Frage, wie sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in der Region Fulda sehen – per Daumen hoch, waagrecht oder runter. Der nach oben zeigende Daumen war eher in der Minderheit.
Michael Konow, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda, betonte, dass die Unternehmen derzeit von der Substanz leben würden und so manche Zahl trügen würde. Es gelte aber jetzt, die Weichen in die Zukunft zu stellen. Die unsichere Lage führe aber zu weniger Investitionen bei den vielen inhabergeführte mittelständische Unternehmen, die die Region prägen. Aber gerade diese würden sich durch ein hohes unternehmerisches Verantwortungsgefühl und Standorttreue auszeichnen. Ein positives Beispiel: Die Investition von 48 Millionen Euro durch die Firma Juchheim in ein weiteres Werk vor Ort.
„Es gibt einen klaren Abwärtstrend“, konstatierte Matthias Ebenau, Erster Bevollmächtigter der IG Metall für Hanau und Fulda. Er nennt Gründe: Bis zum Ukraine-Krieg gab es günstig Energie aus Russland, aus Kohle und Kernenergie wurde ausgestiegen, was zu hohen Energiekosten führte. In Infrastruktur wurde nicht investiert. Das alles zusammen ließ das ganze System zusammenkrachen. Mit Blick auf Osthessen weist Ebenau darauf hin, dass jeder siebente Arbeitsplatz in der Industrie hier an der Automobilindustrie hängt. „Da kommt noch ein großer Strukturwandel auf die Region zu“. Umso wichtiger sei es, wenn Unternehmen wie die Kugelfabrik Fulda signalisieren: „Wir wollen hierbleiben. Wie können wir das schaffen?“ Als Gewerkschafter sehe er da aber auch Konflikte auf die Arbeitnehmer zukommen.
Als Stimme aus der Politik war Kaya Kinkel auf dem Podium vertreten. Sie ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im hessischen Landtag. Die Wirtschaftsexpertin plädierte für eine Energiepreisbremse, als das angesichts der Wirtschaftsstruktur der Region passgenauere und wirksamere Instrument, welches auch den Privathaushalten und kleineren Unternehmen zugutekäme. Zukunftsweisend seien zudem Kooperationen wie beispielsweise in Fulda das Green Food Cluster von Hochschule, IHK, Stadt und Landkreis. Natürlich sei das Ende von Goodyear ein Einschnitt. Aber: „Es wird hier nicht einfach in den Sack gehauen.“ Man müsse aber auch den demografischen Wandel im Blick behalten. Der schon jetzt bestehende Fachkräftemangel werde künftig eher noch verstärkt. Derzeit werde bei der Diskussion um Migranten mehr von Abschiebung gesprochen. Es müsste aber viel mehr darum gehen, wie diese Menschen Arbeit gebracht beziehungsweise dafür qualifiziert werden können.
Michael Rudolph, Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen – Thüringen, betont, dass nicht die hohen Lohnkosten der Grund für die Talfahrt der Wirtschaft sind. Vielmehr fehle es an konsequentem Handeln. Während in China politisch voll auf E-Mobilität gesetzt wird, diskutieren Politiker hierzulande noch über eine Weiterproduktion von Verbrenner-Autos. „Für die Zukunft von Wirtschaft und Arbeit in dieser Branche braucht es eine klare Strategie, die mit der Entwicklung und Förderung von E-Autos im unteren Preissegment beginnt und der Schaffung einer verlässlichen Ladeinfrastruktur auch in ländlichen Räumen endet.“
