Lokales HEF 28.11.2025

Erster Hauptdarsteller für „Parzival“: Thieß Brammer in Bad Hersfeld

Bad Hersfeld – Von Silas Messing – Alljährlich wird mit Spannung erwartet, welche Persönlichkeiten bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne der Stiftsruine stehen werden. Am Donnerstag wurde nun der erste Hauptdarsteller für die Jubiläumssaison 2026 offiziell vorgestellt – und er könnte kaum passender sein: Thieß Brammer übernimmt in „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“ die Titelrolle. Die Inszenierung stammt von Regisseur Michael Schachermaier, der für die Festspiele eine eigene Fassung des mittelalterlichen Stoffes entwickelt.

Thieß Brammer wird die Hauptrolle Parzival spielen. Foto: Justin Klenner

Thieß Brammer (links) mit Regisseur Michael Schachermaier. Fotos: Silas Messing

Für den 35-Jährigen ist es ein Debüt auf einer Bühne, die für viele Theatermacher zu den beeindruckendsten Deutschlands gehört. „Überwältigend! Ein großes Geschenk, in so einem Raum Theater spielen zu dürfen“, sagte Brammer bei seinem ersten Besuch in der Stiftsruine – und blickte dabei mit spürbarer Ehrfurcht auf die weitläufige Spielfläche, die für ihn im kommenden Sommer zu einem zentralen künstlerischen Ort werden wird.

Die von Schachermaier erarbeitete Fassung erfährt 2026 ihre deutsche Uraufführung. Der Regisseur setzt auf den Kern des mittelalterlichen Versromans von Wolfram von Eschenbach: Die Suche nach Sinn, Mitgefühl und Orientierung. Der Heilige Gral steht dabei nicht nur als mythisches Objekt im Mittelpunkt, sondern auch als Frage nach dem persönlichen Ziel im Leben. „Parsifal ist der Prototyp des suchenden Menschen“, erklärt Schachermaier. Für ihn sei Empathie der Schlüssel zum Stück: „Es erzählt davon, wie wir miteinander umgehen wollen – im Leben, in der Gesellschaft, mit uns selbst.“ Gerade deshalb habe es für ihn nie Zweifel an der Besetzung gegeben: „Thieß Brammer schafft es, kraftvolle Figuren auf die Bühne zu stellen, die zugleich fragend, sensibel und kämpferisch sind. Er ist ein Spieler, der keine Angst hat, sich zu zeigen.“

Brammer, in Berlin-Kreuzberg geboren und in Schleswig-Holstein aufgewachsen, fand früh seine Liebe zum Theater. Über den Jugendclub des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters führte ihn sein Weg zur Ernst-Busch-Hochschule nach Berlin, später zu Engagements in Oberhausen, Freiburg, an der Volksbühne und zuletzt zu Gastspielen in Bregenz. Er verkörperte große Rollen wie Goethes Faust (in einer preisgekrönten VR-Fassung), Petruchio in „Der Widerspenstigen Zähmung“, Josef K. in „Der Prozess“ und spielte in Filmproduktionen wie „Unruhezeiten“ und „Cudowne zycie“. Doch für die legendäre Bühne der Stiftsruine verzichtet er bewusst auf technische Hilfsmittel: „Hier gibt es keine Mikrofone – und ich liebe das. Dieser Live-Moment, die Authentizität der Stimme, das unmittelbare Arbeiten mit dem Raum, das ist für einen Schauspieler herrlich.“ Die besonderen Wege der Stiftsruine – oft über dutzende Meter – sind für ihn kein Hindernis, sondern ein Geschenk: „Als große Rampensau natürlich. Dieser lange Weg von hinten nach vorne – das liebt ein Schauspieler.“

Dass Brammer die Rolle ohne Zögern angenommen hat, liegt auch an seinem besonderen Verhältnis zu Regisseur Schachermaier. Die Zusammenarbeit der beiden begann 2016 in Oberhausen mit „Die unendliche Geschichte“ und setzte sich 2020 in Freiburg mit „Das kalte Herz“ fort. „Es hilft mir ungemein, weil ich ihm einfach vertraue. Menschlich wie künstlerisch. Ich könnte es mir schöner nicht wünschen“, sagt Brammer über die erneute Zusammenarbeit. Schachermaier beschreibt das Verhältnis ähnlich intensiv – Freundschaft, Vertrauen und eine gemeinsame Neugier seien Grundlage ihrer künstlerischen Sprache.

Intendantin Elke Hesse zeigte sich bei der Vorstellung sichtbar bewegt: „Jetzt geht’s wirklich los. Jetzt wird das, was wir uns in den Köpfen erdacht haben, Stück für Stück real. Hier spielen Stars – und Stars werden gemacht.“ Schachermaier ergänzt, dass die kommende Saison nicht nur das Ensemble, sondern auch die Bürger Bad Hersfelds einbinden möchte. Erste Treffen für Laiendarsteller hätten bereits stattgefunden. „Dieses Stück ist eine große Einladung ans Publikum, nicht nur zuzuschauen, sondern auch mitzumachen“ verkündete Schachermaier.

Brammer wünscht sich ein Publikum, das nicht nur zusieht, sondern sich berühren lässt: „Großes Theater, große Bilder, große Bühne – und hoffentlich große Gefühle. Wenn man nach Hause geht und sich fragt: Was ist mein heiliger Gral? Dann haben wir etwas erreicht.“ Sein persönlicher Anspruch ist hoch: „Ich werde alles daransetzen, den Erwartungen dieser Rolle gerecht zu werden. Und ich hoffe, in dieser Auseinandersetzung auch für mich selbst etwas zu finden.“

Die Inszenierung von „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“ wird 2026 ein zentrales Highlight der Festspiele. Sie soll nicht nur den mittelalterlichen Text neu beleuchten, sondern auch Bad Hersfeld selbst – den Ort, die Menschen, die Tradition der Festspiele. Oder wie es der Regisseur formuliert: „Wo Bad Hersfeld draufsteht, muss auch Bad Hersfeld drinnen sein.“

Thieß Brammer als Parzival vorgestellt. Fotos: Justin Klenner.