Lokales FD 10.11.2025

Erinnern und Mahnen – Fuldaer gedenken der Reichspogromnacht

Fulda – Von Silas Messing – Gewalt und Schrecken prägten eines der dunkelsten Kapitel Fuldas: Zahlreiche Menschen versammelten sich am Sonntag, dem 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, im Museumshof Fulda, um an die Opfer zu erinnern. Die Gedenkfeier verband Musik, Texte, Gebete und Zeugenaussagen zu einem eindrucksvollen und bewegenden Erinnerungsmoment an die Opfer des Nationalsozialismus.

Dr. Heiko Wingenfeld und Marliese Heiligenthal legen Kränze zum Gedenken nieder. Fotos: Silas Messing

Jutta Hamberger von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eröffnete die Veranstaltung und führte die Gäste in das Programm ein. Auf einer Leinwand wurden Bilder jüdischen Lebens in Fulda gezeigt – eindrucksvolle Zeugnisse einer Gemeinschaft, die durch Gewalt, Angst und Vertreibung zerstört wurde. Die melancholischen Klänge von Eugène Bozzas Aria für Altsaxofon aus dem Jahr 1936, gespielt von Ferdinand Wehner (Saxofon) und Erik Oldenburg (Klavier) von der Musikschule Fulda, unterstrichen die nachdenkliche Stimmung des Abends.

Im Anschluss trugen Florentine Schlereth und Laura Heil vom Verein DialogRaumFulda eindringlich Zeugenaussagen der Pogromnacht vor. Die jungen Stimmen gaben den Opfern ein Gesicht und zogen zugleich klare Parallelen zu heutiger Intoleranz und Antisemitismus. Die Musik setzte diese Reflexion fort: Der Mittelsatz aus Alessandro Marcellos Konzert für Oboe und Streicher in d-Moll schenkte Momente der Stille, die Raum für Nachdenken und stille Trauer ließen.

Ein besonders berührender Teil der Feier war das gemeinsame Gebet der Religionsvertreter. Weihbischof Karlheinz Diez, Dekan Thorsten Waap, Imam Ijaz Ahmed Janjua und Roman Melamed von der Jüdischen Gemeinde Fulda erinnerten an die Opfer und betonten die Verantwortung der Gegenwart. Ihre Worte mahnten zu Toleranz, Menschlichkeit und Schutz der Gotteshäuser – Werte, die angesichts wachsender Intoleranz aktueller denn je sind. Die Ereignisse in Fulda während der Novemberpogrome 1938 machten auch die Nähe des Grauens deutlich: Synagogen, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört, Menschen misshandelt und deportiert. Zeugenaussagen zeigen, dass die Täter aus der eigenen Nachbarschaft stammten – aus der „Mitte der Gesellschaft“. Die Gedenkfeier machte somit klar, dass Erinnerung nicht nur ein Wissen über die Vergangenheit bedeutet, sondern Verantwortung für die Gegenwart einschließt.

Musikalische und literarische Beiträge vertieften die emotionale Wirkung der Feier. Marliese Heiligenthal rezitierte das Gedicht „Ich möchte leben“ von Selma Meerbaum-Eisinger, das Leben, Freude und zugleich das Leid der Shoah eindrucksvoll spiegelte. Wehner und Oldenburg spielten Michael Nymans „If“ aus dem Film „Das Tagebuch der Anne Frank“, während die jüdischen Totengebete El Male Rachamim die Anwesenden zu einem Moment der stillen Einkehr führten.

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld würdigte in seiner Ansprache insbesondere das Engagement der jungen Generation und der zivilgesellschaftlichen Akteure: „Als Stadt Fulda müssen wir dankbar sein für diese lebendige Erinnerungskultur.“ Er erinnerte daran, dass das öffentliche Leben in Fulda während der Novembertage von Schuld und Mitwirkung geprägt war: „In diesen Novembertagen war es hier, wenige hundert Meter entfernt, im öffentlichen Raum, dass Bürgerinnen und Bürger und beklagenswerterweise auch ganz konkret die Stadtverwaltung Fulda Schuld auf sich geladen hat. Heute unser Auftrag, daran zu erinnern.“ Er betonte zugleich, dass Erinnerung nicht nur ein Rückblick ist, sondern ein Auftrag für die Zukunft: „Erinnerungskultur ist ein wichtiger Blick zurück, aber ein ganz wichtiger Punkt vor allem in unserer Zukunft, in der wir uns Frieden, Freiheit und ein Miteinander der Religion in friedlicher Art wünschen.“ Im Rahmen der Feier legten der Oberbürgermeister und Vertreter der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kränze nieder, während Besucher Kerzen am gemalten Davidstern entzündeten – ein Symbol, ein Licht in die Welt zu senden.

Den Abschluss bildete die Präsentation im Kanzlerpalais, bei der Clemens Rudolph und Anja Listmann die digitale Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge vorstellten. Auf diese Weise wurde verlorene Kultur und Geschichte der jüdischen Gemeinde Fulda virtuell greifbar, ein Mahnmal und Lernort zugleich. Die Gedenkfeier verband historische Aufarbeitung, musikalische Ästhetik, interreligiösen Dialog und das Engagement junger Menschen. Sie machte eindrücklich deutlich: Erinnerung ist Auftrag – sie mahnt, Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung nicht zu ignorieren und sich aktiv für ein tolerantes, friedliches Miteinander einzusetzen.

Fuldaer gedenken der Reichspogromnacht. Fotos: Silas Messing.