Lokales FD 03.11.2025

80 Jahre nach der Flucht – Zeitzeugen berichten in Flieden

Flieden (gü) – Für Millionen Menschen bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren den Verlust ihrer Heimat, denn es kam in den deutschen Ostgebieten zu Flucht und Vertreibung. Auch in Flieden fanden in den folgenden Jahren zahlreiche Menschen ein neues Zuhause. Daran wurde am Sonntag mit einer Veranstaltung unter dem Titel „80 Jahre nach der Flucht“ erinnert. Neben Zeitzeugen sprach auch der Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, der Landtagsabgeordnete Andreas Hofmeister.

Foto: Jasha Günther.

In seinem Vortrag führte Hofmeister vor Augen, dass etwa ein Drittel der Hessen Wurzeln im Bereich der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler haben. „Die Geschichte der Heimatvertriebenen ist Teil von uns“, machte Hofmeister deutlich: „Wir erinnern an die Geschichten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten“. Das kulturelle Erbe sei ein Schatz, den es zu bewahren gelte. Insbesondere in den Jahren 1945 bis 1950 erreichten viele Menschen das Gebiet, auf dem Hessen gegründet wurde – über 1000 von ihnen fingen in Flieden ein neues Leben an. „Sie wurden nicht nur mit offenen Armen empfangen, weil man auch eigene Probleme hatte zu dieser Zeit“, führte Hofmeister aus, doch man habe das Land und die eigene Existenz neu aufgebaut: „Der Fleiß, den man damals an den Tag gelegt hat, kann auch Vorbild sein für die Herausforderungen, denen wir heute gegenüber stehen.“ Das Zusammenwachsen brauchte aber Zeit. „Den Hessentag gäbe es so nicht, wenn diese Geschichten nicht wären“, erinnerte der Landesbeauftragte. Das Landesfest wurde 1961 ins Leben gerufen, um den Alteingesessenen und den Neubürgern Gelegenheit zu geben, sich näher kennenzulernen. Die eigene Geschichte sei in den Familien über viele Jahre oft nicht thematisiert worden. „Aber wir beobachten, dass das Interesse der jungen Generationen wächst, sich mit dem auseinander zu setzen, was die eigene Familie ausgemacht hat“, sagte Hofmeister.

Im Anschluss übergab Bürgermeister Christopher Gärtner nachträglich eine Nutzungsvereinbarung für die Ostdeutsche Heimatstube. Diese war auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Ludwig Ebert und mit großem Engagement der Vertriebenen Karl und Erich Grosser, Walter Kunzendorf und Berthold Beutel eingerichtet und 1996 im Dachgeschoss des St. Josef-Kindergartens eingeweiht worden. Vier Jahre später übernahm die politische Gemeinde Flieden die Patenschaft, um den Bestand der Ostdeutsche Heimatstube langfristig zu sichern. Gärtner lud dann zu Wortmeldungen ein. „Eine der schönsten Aufgaben als Bürgermeister ist der Besuch von Ehejubiläen und Geburtstagen, da erfährt man was über die Biografien und es hat durchaus oft etwas mit der Vertreibung zu tun“, sagte Gärtner und rief die rund 60 Gäste auf, selbst zu erzählen, wie es damals war, als sie oder die Eltern Haus, Hof und Heimat verlassen mussten. Eine von ihnen war die 100-jährige Marta Wagner, die als junge Frau aus Schlesien vertrieben wurde. Mit Pferdewagen machte sich die Familie auf den Weg in eine unbekannte Zukunft. „Es war eine sehr schwere Zeit“, schilderte sie.

Veranstaltung „80 Jahre nach der Flucht“. Fotos: Jasha Günther.