Bevor Bierling jedoch mit seinem knapp 75-minütigem Vortrag über die Auswirkungen der Politik des US-amerikanischen Präsidenten begann, begrüßte zunächst der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Uwe Marohn die Anwesenden in der vollbesetzten Fuldaer Orangerie. „Das Thema ist nicht gerade leicht verdaulich, das ist uns bewusst. Man muss auch dazu sagen: Als wir anfingen, den Abend zu planen, das ist etwa neun Monate her, war Joe Biden noch Präsidentschaftskandidat der Demokraten und Donald Trump längst noch nicht im Amt.“ Dennoch wünschte sich Marohn, dass die gute Stimmung, die zu Beginn im Saal herrschte, auch nach dem Vortrag noch vorhanden sei: „Trotz dieser unglaubwürdigen, befremdlichen und beunruhigenden Präsidentschaft, die wir gerade erleben. Wir spüren, dass die Vertrauensbasis mit den USA ramponiert ist, wir spüren weniger Rückhalt aus den Vereinigten Staaten.“ Wenigstens etwas Positives konnte Marohn aber trotz des schwierigen Themas noch verkünden, nämlich dass Trumps Handelskrieg die Arbeit der Sparkasse nur unwesentlich beeinflusse: „Wir als regionales Kreditinstitut kommen mit der Weltlage aktuell sehr gut klar. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, dass sie sich auf uns verlassen können.“
Bierling: „100 Tage Trump kommen einem vor wie vier oder acht Jahre“
Im Anschluss ergriff Bierling das Wort und leitete in das komplizierte Thema ein. Direkt zu Beginn bezeichnete der Professor der Universität Regensburg Trump als größte Belastung für die amerikanische Demokratie und größtes Risiko für die transatlantischen Beziehungen. „Trump hat bereits so viele Dekrete erlassen und die amerikanische Politik derart umgekrempelt, dass schaffen andere Präsidenten in zwei Amtszeiten nicht. 100 Tage Trump kommen einem vor wie vier oder acht Jahre.“ Und für Europa, insbesondere für Deutschland, berge das Hinterfragen Trumps der westlichen Gesellschaftsordnung große Gefahren. Doch warum tut der mächtigste Mann der Welt das? Wer zieht einen Vorteil aus der Zerstörung der liberalen Ordnung, die Trump anstrebt? Was bedeutet das für uns in Europa, spezifischer in Deutschland? Und wie bewältigen wir diese Situation? Diese vier Fragen stellte Bierling in den Mittelpunkt und versuchte sie im Laufe des Abends zu beantworten: „Viele amerikanische Politiker, die auch in Europa als etwas vernünftiger gelten, Außenminister Rubio beispielsweise oder Finanzminister Bessent, erzählen immer wieder, dass hinter Trumps Aktionen eine langfristige Strategie steckt. Doch der wechselt seine Positionen in allen Dingen so oft, dass sie mit ihren Erklärungen, welche Strategie das jeweils ist, gar nicht hinterherkommen.“ Vielmehr sei der amerikanische Präsident ein impulsiver Mensch, dessen Entscheidungen folglich auch impulsiv seien. „Ist er eine Marionette Putins, weil er sich in der Vergangenheit irgendwie erpressbar gemacht hat? Sind es die reinen Rachegefühle, gekoppelt mit seinem Narzissmus und seiner Eitelkeit, die ihn antreiben?“, überlegte Bierling: „Eins ist jedoch sicher: Trump hat keine demokratische Faser im Leib. Er hat viel mehr Ähnlichkeit mit Autokraten wie Putin oder Xi Jinping.“
Das entscheidende Problem sei jedoch, wie Bierling weiter erklärt, dass Trump mit seinem innen- und außenpolitischen Verhalten solchen Autokraten in die Hände spiele. „China und Russland sind die Profiteure. Russland versucht beispielsweise mehr oder weniger seit der Amtszeit von Josef Stalin, Europa und die USA voneinander abzukoppeln.“ Und genau das serviere Trump den beiden Großmächten auf dem Silbertablett, sie müssen nicht einmal aktiv etwas dafür tun. Die liberale, westliche Ordnung bedrohe das eigene Herrschaftssystem in Ländern wie China und Russland. „Und genau dieses Ziel liefert Trump: Die Zersplitterung des Westens und den Zerfall der Nato“, skizzierte Bierling den Worst-Case, um jedoch direkt eine Handlungsempfehlung auszusprechen: „Es gibt eigentlich nur eine Option. Wir müssen als Europäer zusammenstehen. Dazu müssen wir die Führungsfähigkeit der USA ersetzen und auf mehreren Schultern verteilen.“ So brauche es beispielsweise eine Art europäische Koalition, um einen theoretischen „Verlust“ der USA an die autoritären Staaten zu kompensieren. „Mit Deutschland, aufgrund der Finanzstärke des Landes, mit Großbritannien, aufgrund ihrer aufgeklärten und diplomatischen Führungsfähigkeiten, mit Frankreich, aufgrund ihrer Nuklearstreitkräfte und mit Polen, da unser Nachbarland aktuell fünf Prozent ihres Bruttoinlandprodukts in Rüstung steckt und bald die größte Militärmacht Europas sein wird“, schlug Bierling vor. Das sei zumindest ein Schritt in eine Richtung, um unabhängiger von den großen USA zu werden.
Dennoch sei auch der amerikanische Präsident nicht allmächtig. „Er unterliegt auch noch bestimmten Kontrollinstrumenten“, machte Bierling den Anwesenden in der Orangerie am Ende seines Vortrages nochmal Hoffnung: „Vor allem sind hier die Finanzmärkte zu nennen. Wenn Trumps Politik einen Einbruch der Finanzmärkte zur Folge hat, muss auch er seine Politik ändern. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass sich am Ende die amerikanische Demokratie und Verbundenheit zu Europa durchsetzen wird. Und die Zeit arbeitet hier nicht gegen uns“, schloss Bierling und spielte nochmal auf die in dreieinhalb Jahren zu Ende gehende Amtszeit von Trump an.
„Herausforderndes Thema, herausragender Referent“ – Wingenfeld voll des Lobes
Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld war es nach Bierlings beeindruckendem Vortrag überlassen, die passenden Schlussworte zu finden, bevor die Anwesenden sich bei einem Umtrunk noch austauschen konnten. „Ein sehr herausforderndes, unbequemes Thema. Prof. Dr. Bierling hat die Erwartungen aus meiner Sicht jedoch nicht nur erfüllt, sondern übertroffen und sich hier als herausragender Referent präsentiert“, war auch Wingenfeld angetan vom Vortrag des Regensburger Professors: „Vor allem inhaltlich war das hochkarätig. Die Missstände wurden schonungslos und klar angesprochen aber nicht ohne uns auch Hoffnung zu machen und Zuversicht mit auf den Weg zu geben.“ Abschließend riet Wingenfeld, internationale Beziehungen langfristig zu verstehen, auch wenn in einem solchen Fall ein oder zwei Amtszeiten eines bestimmten Präsidenten ertragen werden müssen. Bevor die Anwesenden sich im Anschluss dem gemütlichen Beisammensein widmeten, hatte noch einmal das Posaunenquintett des Bundesjazzorchesters seinen letzten Auftritt. Die fünf Musiker waren über die komplette Veranstaltung für die musikalische Begleitung zuständig und überzeugten nicht nur die Gäste, sondern auch Fuldas Oberbürgermeister: „Ich habe ja früher selbst mal Posaune gespielt. Aber das heute war wirklich Champions League.“
