Lokales FD 10.05.2025

„Die schützen, die uns schützen“ – Blaulichtfamilie steht zusammen

Fulda (pf) – Gewalttaten oder Angriffe auf diejenigen, die 365 Tage im Jahr für uns im Einsatz sind, sind Themen, die die Menschen umtreiben. Auch und vor allem die Politiker sowie natürlich die Einsatzkräfte selbst. Für einen Netzwerkabend im Deutschen Feuerwehr-Museum in Fulda wurde am Freitagabend Hessens Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck gewonnen, der an einer Podiumsdiskussion teilnahm und außerdem Erfahrungsberichte aus erster Hand, nämlich aus der Blaulicht-Familie direkt, erhielt.

Innenminister Roman Poseck rief die Gesellschaft auf: Respekt gegenüber Einsatzkräften ist ein Thema der Mitte. Fotos: Pascal Fischer

Erfahrungsberichte, die unter die Haut gingen.

Die Blaulicht-Familie traf sich zum Netzwerken.

Die Polizei-Influencer Serhat und Selina

Ohne sie geht es nicht: Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und alle anderen Retter der Blaulicht-Familie. Ob Unfall, Brand, Naturkatastrophe oder andere Einsätze: Die Rettungskräfte kennen keine Tageszeiten oder Feiertage. Und sehen sich trotzdem immer wieder Beleidigungen oder Angriffen gegenüber. „Die Entwicklung ist alarmierend, erschreckend, und es ist geradezu pervers, dass die, die eigentlich unsere Helden sind, angegriffen werden“, machte Poseck ganz deutlich.

Der hessische Innenminister beteiligte sich an der Podiumsdiskussion unter Moderator Christian P. Stadtfeld, an der auch Osthessens Polizeipräsident Michael Tegethoff, Thomas Helmer als Chef der Fuldaer Feuerwehr und Heinz Peter Salentin vom Geschäftsbereich Rettungsdienst des DRK Fulda teilnahmen. Tegethoff berichtete über viele Straftaten auch im Bereich Osthessen gegenüber Polizeibeamten, körperliche Angriffe seien auf einem hohen Niveau, Respektlosigkeiten gar alltäglich. Salentin erklärte, dass im Rettungswesen mittlerweile zehn Prozent aller Ausbildungsstunden für Kommunikationstraining aufgewendet werden, aufgrund von Ereignissen, die den Rettungskräften tagtäglich begegnen. Helmer konnte für Feuerwehr und Rettungsleitstelle noch von einer „humanen“ Lage ohne auffällige Angriffe sprechen, betonte aber, dass der Umgang sich verändert habe: „Man muss Dinge zweimal erklären. Der Egoismus mancher Menschen in Einsatzlagen ist gestiegen“.

Was den Einsatzkräften teils widerfährt, wurde in Erfahrungsberichten und Videoaufnahmen deutlich: Die Polizei stellte Bodycam-Aufnahmen zur Verfügung, dort war zu sehen, wie Beamte verfolgt, angegriffen und aufs Übelste beleidigt wurden, teilweise auch die Familien der Einsatzkräfte. Ein Vater musste seinen Sohn zurückhalten, schaffte es aber nicht, ihn daran zu hindern, dass er Polizisten angriff. Reale Fälle, die einem einen kalten Schauer am Rücken verpassten. Jen Menschen, „die abdriften“, so Poseck, und oft in psychischen Ausnahmesituationen stecken, wolle das Land mit der Kampagne „Einsatz verdient Respekt“ erreichen.

 

Todesangst im Rettungswagen

Erschreckend waren zudem die Berichte von Polizeioberkommissar Marian Lotz (28) und Cedric Schulz (24), Bereitschaftsleiter in Eichenzell und hauptberuflicher Notfallsanitäter: Der Beamte berichtete davon, dass Übergriffe und Beleidigungen keine Einzelfälle seien. Der Respekt fehle, Begriffe wie „Bulle, und andere, die ich hier nicht nennen will“, stehen auf der Tagesordnung. Er habe das Gefühl, „dass wir unsere Maßnahmen bei jedem Einsatz rechtfertigen müssen“, und sprach von einer klaren Tendenz in die falsche Richtung, wie auch in Lagebesprechungen der Polizei immer wieder festgestellt werde. Das Gefühl einer Trendwende habe er noch nicht, wenngleich es auch Menschen gibt, „die ein Danke auf den Lippen haben“. Schulz‘ Bericht ging unter die Haut: Bei einem Einsatz im Stadtgebiet wollte er gerade das Protokoll im Rettungswagen schreiben, als ein Mann durch eine Fensterscheibe hereinschaute. Auf verbale Angriffe folgten körperliche, die Sanitäter reagierten geistesgegenwärtig und verriegelten den Wagen. Das Führerhaus allerdings war nicht abgeschlossen, dort drang der Täter ein, randalierte an Tür und Funkgeräten, und blickte in die Augen der Sanis: „Ich bring dich um“, habe er zu einem Kollegen gesagt. „Da wird einem angst und bange. Das war ein einschneidendes Erlebnis, das einen brandmarkt“, sagte Schulz.

Was tun? Innenminister Poseck: „Wir brauchen ein Maßnahmenbündel, nicht nur eine Stellschraube“. Durch die Kampagne des Landes solle die Bedeutung der Einsatzkräfte ins Gedächtnis gerufen werden. „Jeder Übergriff ist schwerwiegendes Unrecht“, so der Minister der auf die Erhöhung des Strafmaßes verwies: Geldstrafen sollen Geschichte sein: „Wer Einsatzkräfte angreift, gehört ins Gefängnis“. Sechs Monate sind bei Angriffen angesetzt, mindestens ein Jahr bei Angriffen aus dem Hinterhalt. Auch der neue Koalitionsvertrag auf Bundesebene greife dies auf. Am 10. Mai findet am Uniplatz in Fulda ein Aktionstag der regionalen Blaulicht-Familie statt, weitere Aktionen wie „Cops im Dialog“ an Schulen oder die Influencer der Polizei sollen ebenfalls zum Respekt gegenüber Einsatzkräften beitragen. Dazu wurden in Fulda auch Serhat und Selina begrüßt, die die osthessische Polizei in Social Media vertreten.

Die Vertreter der Hilfsorganisationen warben im Anschluss für ihre Jobs und den Nachwuchs. Poseck zeigte sich angesichts der Übergriffe besorgt um die Zukunft von Einsatzkräften, und rief die Gesellschaft dazu auf, mitzuhelfen. „In jeder Uniform steckt ein Mensch“, so seine Kernbotschaft. Es sei Kernauftrag der Gesellschaft, „die zu schützen, die uns schützen“. Respekt sei ein Thema der Mitte der Gesellschaft.

 

„Den Menschen in der Uniform sehen“

In einer Abschlussrunde merkte der Minister an, dass er sich mehr Wertschätzung untereinander wünsche: „Wir dürfen streiten, auch in der Politik, und wir sind sehr vielfältig. Aber wir müssen auch immer den Menschen und seine Würde sehen“. Tegethoff rief dazu auf, „nicht nur die Uniform, sondern den Menschen darin“ wahrzunehmen, und Helmer bat, „sich so zu verhalten, wie man es gegenüber sich selbst auch erwartet“. Salentin, der außerdem dringend dazu appellierte, das Gesundheitssystem zu verbessern, da der Rettungsdienst der Belastungsgrenze sei, erinnerte sich an viele Gesten der Dankbarkeit während der Corona-Pandemie und rief dazu auf, „dass man uns unseren Job machen lässt“.

Der Netzwerkabend bot vorher und nachher bei Speis und Trank viele Gelegenheiten, sich auszutauschen. Spitzenvertreter von Justiz, Medizin, Politik und Hilfsorganisationen, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst, waren aus der Region und ganz Hessen gekommen, und waren sich im Feuerwehr-Museum einig: Verbale und körperliche Angriffe gegenüber Einsatzkräften sind feige und werden aufs Schärfste verurteilt.

Blaulicht-Netzwerkabend mit Poseck in Fulda. Fotos: Pascal Fischer